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und noch einen andern schönen, jungen Herrn mitbringen. Wie ich's Karl'n sagte, war der recht neugierig und meinte, er hält Nichts von den Herren, die der Fritz Hackert kennt.

Sieh 'mal an! Sagt' er Das? He? Höre Linchen! Wenn der Herr zu Euch kommt und ... Der andere auch; erzählst mir doch morgen, was sie gesprochen haben. Willst du?

Da schwieg nun Linchen wieder.

Ich wollte dir ja zwei Groschen für den Grossvater geben! ...

Und zwei Pfennige! sagte das Kind, das seinen Vorteil festielt.

Und zwei PfennigeWillst du mir morgen Alles sagen, was die Herren oben angegeben haben?

Linchen schwieg.

Noch einen Pfennig geb' ich dir, Linchen! Was? Willst du?

Linchen lachte nun ... aber sie schüttelte doch den Kopf, dass die Alte ungebehrdig wurde und schrie:

Wetter! Range! Mach, dass du fortkommst! Was hältst du mich hier auf?

Mit diesen zornigen Worten schlug die Alte das Fenster zu, hörte mit dem Geldklappern auf und stieg den Tritt hinab an ihren Schusterplatz.

Linchen, die sich gefreut hatte, ausser ihrem heutigen Verdienst, ihrem Grossvater noch zwei Groschen zu bringen, blieb traurig stehen.

Was willst du? schrie die Alte, die jetzt für Bartusch's späten Abendbesuch schon Klatschgift genug hatte und sah wieder hinaus.

Linchen zögerte noch immer ...

Willst du nun gehen! rief Frau Mullrich und sprang zum Schustersitze, um einen in der Arbeit begriffenen Pantoffel zu holen ...

Was ist denn? Was soll's denn? sagte in diesem kritischen Augenblicke eine energische stimme auf der Hausflur. Sind wir Ihnen etwas schuldig?

Nein bewahre, Musje Eisold! antwortete die Alte demütig und schlug rasch das schon geöffnete Fenster zu. Bitte! Bitte!

Frau Mullrich hatte grosse Furcht vor dem jungen stämmigen mann von kaum funfzehn Jahren, der seine Schwester an der Hand fasste und mit ihr in die hintern Höfe ging.

Es war dies der junge Maschinenarbeiter Karl Eisold, der älteste Bruder der mehrerwähnten Louise Eisold, ein hübscher, frischer, aber von seiner schweren Arbeit etwas ermüdeter junger Mann.

Frau Mullrich hatte doch einige gute Tatsachen erfahren und war in der grössten Spannung, als in der Tat zu dem Herrn auf der Strasse sich ein zweiter gesellte, diesem herzlichst, ja überschwänglich die Hand schüttelte und ihn dann in die Hausflur zog. Ein rasselnder Wagen schien sie zu bestimmen, in dies Obdach zu treten.

Als Frau Mullrich nun gar merkte, dass unter der Hausflur diese schönen, jungen Herren laut zu sprechen anfingen, blies sie rasch ihr Licht hinter der Wasserkugel aus, schlich auf den Fenstertritt und lauschte geduckt, was diese mit Nr. 86 und 87 verkehrenden Menschen da im Dunkeln nun besprechen würden.

Sechstes Capitel

Nummer sechs- und Nummer Siebenundachtzig

Als Siegbert Wildungen sich endlich gegen neun Uhr dem Stadtteile genähert hatte, wo er den Bruder erwarten sollte, wurden alle seine gemischten Rückerinnerungen auf Melanie, Rudhard, Olga Wäsämskoi und besonders jenen tiefen Akkord: Anna von Harder durch die sorge unterbrochen, sich in dieser verworrenen, dunkeln, menschenüberfüllten Gegend zurechtzufinden. Die weisse Rose, die er von dem ihm nachgeworfenen Blumenstrausse bei der Fürstin Wäsämskoi mitgenommen hatte, war in dem Gedränge sogleich vom Stiele gebrochen und noch ehe er sie hatte retten können, von den Vorübergehenden zertreten, vom Strassenkot beschmuzt. Er musste sie aufgeben. Er musste jetzt nur noch nach den Strassenecken sehen, auf denen die Namen derselben kaum noch zu lesen waren, trotz der nicht gesparten Beleuchtung dieses Viertels. Endlich entdeckte er die Brandgasse und zählte sich das neunte Haus ab. Eben hatte er es gefunden, als er zur Höhe blickend einen Schlag auf die Schulter erhielt.

Er kam von Dankmar, der ihn erwartete.

Um nicht vom Gedräng gestört zu werden, traten sie sogleich in die Hausflur, die ihnen ein gesicherter und ruhiger Begrüssungsort schien.

Nun, da bin ich! sagte Siegbert, voll Freude und voll Rührung. Abenteuerlicher Mensch! Wohin verlockst du mich? Ich brauchte einen freien Platz, wo ich geschützt vom Dunkel der Bäume dir um den Hals fallen wollte, um mein Herz zu erleichtern, und hier in dem Wagengerassel, in dem Tumult der Menschen, hier auf der Hausflur dieser alten Räuberhöhle, was soll ich da?

Ganz gut! Ganz gut! sagte Dankmar lachend und gefasst, aber voll Wärme. Ganz gut, dass uns die Umgebungen jede rührende Scene abschneiden. Was ich heute früh fühlte, als du mit dem Geständnisse deines Glückes mir meine eigenen Träume zerstörtest, Das hab' ich dir in meinem Briefe gesagt. Ich schrieb dir, weil ich dir nicht mündlich verraten mochte, dass mir die Trennung von einem so fesselnden Gedanken doch die schmerzlichste Überwindung kostete! Zu Grün's hätt' ich nicht kommen können; es hat mir wirklich diesen ganzen Tag gekostet, mich zu sammeln und zurechtzufinden! ... Die wichtigsten Dinge musst' ich aufschieben und hättest du mich noch vor wenigen Stunden gesehen, würdest du gesagt haben, ich gehörte jetzt zu den Träumern, während ich doch nicht einmal heute zu den Schläfrigen gehöre.

Du hast dich von einer Quelle des Glückes losgerissen, sagte Siegbert, die mir doch nie geflossen wäre. Heute Mittag sprach ich Melanie und wohl sah' ich, dass ich ewig würde vergebens gehofft haben.

Du sahst sie