1850_Gutzkow_030_306.txt

und klar auf den in einen neuen Schuh zurückzuverwandelnden alten Pantoffel. Dabei richtete sie durch das halb offengelassene Bret der Fensterlade unverwandt auf den draussen wartenden Herrn den blick. Dieser stand mit einem leichten Spazierstöckchen und schien seine Ungeduld durch ein Liedchen wegzupfeifen, wenn er nicht alle die Menschen musterte, die in der geräuschvollen, menschenüberfüllten Strasse an ihm vorübergingen oder in Nr. 9 selbst eintraten. Frau Mullrich achtete schon auf diese letzteren nicht mehr. Erst um 10 Uhr, wenn sie das Haus schloss und die Pfennige bezahlt werden mussten, fing eigentlich ihr grosses Controlegeschäft an.

Heute aber fesselte sie doch von den Passanten ein kleines Paar, dem sie, von ihrem Schemel aufspringend, durch das Fensterchen, das zur Hausflur führte, nachrief:

Heda! Line! Willem!

Ein Knabe von zwölf Jahren in einer Blouse und ein kleines Mädchen von etwa acht Jahren wandten sich um und blickten niederwärts zu dem kleinen Schaufenster der gefürchteten Vizewirtin, vor dem man in diesem haus gern rasch vorüberschlüpfte.

Da steht er ja vor der Tür ... sagte die Alte.

Wer? fragten die Kinder.

Der Herr, der zu Eurer Louise wollte!

Zu Louisen? fragte Wilhelm und ging etwas nach vorn, um einen solchen Herrn, der zu seiner Schwester Louise wollte, sich erst anzusehen.

Der junge Mann war etwas weiter gegangen und schlenderte in einiger Entfernung auf und ab.

Zu Louisen kommt kein Herr! sagte Wilhelm fast verächtlich zu Frau Mullrich und ging weiter in den Hof.

Linchen! Linchen! rief aber die neugierige Vizewirtin mit verstärkter stimme und reckte den gelben magern Hals durch das Schaufenster ...

Linchen, wie Mädchen, neugieriger, blieb stehen und folgte nicht so rasch dem Bruder.

Linchen komm' mal her! Kennst du den Herrn nicht? rief die Alte.

Linchen blieb unbeweglich.

Er war wohl bei Euerm Fritz? Was? Komm doch, Kindchen!

Linchen sagte immer noch nichts.

Er will wohl auch zu Eurem Fritz? Was? Ist denn die Küchentür bei Euch auf jetzt, die in Fritzens kammer führt? ...

Linchen war diskret und schwieg, blieb aber doch stehen.

Na, der Herr will wohl zu Fritzen. Komm doch ein Bischen näher, Kind! Zeig doch 'mal deinen Korb! Was hast du denn heute schon verdient?

Nun wollte Linchen rasch davonlaufen. Es war dem kleinen achtjährigen kind schon zu oft geschehen, dass die Mullrich ihr den Verdienst an der Tür abgenommen hatte und sich selbst für kleine Schulden aus Nr. 87 bezahlt machte. Die Kleine fürchtete, dass ihr heute dies Schicksal wieder begegnen würde und lief davon.

Bleibst du Range! kreischte aber die Alte jetzt aus dem Fenster, mit voller Kraft ihrer hektischen Lungen. Ihr lag daran, Bartusch etwas über Fritz Hackert berichten zu können. Bleibst du! Willst du her? Soll ich

Dies Soll ich? – begleitete ein rascher Griff nach ihren eigenen Pantoffeln, von denen der des linken Fusses schon drohend zum Schaufenster hinauslangte.

Linchen war wie vor Todesschreck im hof still gestanden und wandte sich halb neugierig, halb ängstlich um, als sie die Worte aus der Alten mund ihr nachgekreischt hörte:

Willst du her! Hier sind ja zwei Groschen für den alten Mann. Da! zwei Groschen! Nimm!

Zwei Groschen für den alten Mann? Das waren freilich verlockende Worte für das Kind.

Linchen kam etwas näher.

Komm, Linchen! Komm! Bist ja so hübsch gekämmt! Macht dir Louischen die Locken? Komm, Hinkelchen. Der alte Mann hat zwei Groschen zu Gute für die Uhr, die er mir gestern ausgeblasen hat. Da!

Linchen kam nun näher und hielt die Hand hin.

Während die Alte unter ihre Schürze griff, an der sie eine Geldtasche befestigt hatte und mit dem Gelde klapperte, sprach sie auf dem Tritt, der zu dem Fensterchen führte und zu der Hausflur hinaus:

Grossväterchen hat mir die Uhr ausgeblasenzwei Groschenwarte nur, ich suche sie ebenSag' einmal, kennst du den Herrn draussen?

Das Kind sah auf die Strasse und schüttelte den Kopf.

Zwei Groschen, fuhr die Alte immer suchend fort; er hat die Uhr schlagen lassen, sie blieb immer stehensag's mir, es ist Louischens neuer Liebhaber? Was? Der ist schön! Nicht wahr, der rote Fritze gibt ihm wohl den Hausschlüssel von Schmelzing ... Was?

Das Kind langte nach den zwei Groschen und antwortete nichts.

Ja, ja, die Uhrsie ist ein Familienstück; aber im Keller ist's zu feucht, sagte der Alte mit dem Zopf ... Wo war denn Fritze dieser Tage? Vier Tage nicht zu haus gewesen ... Klettert er denn noch manchmal bei Nacht? Was?

Linchen Eisold blieb diskret ...

Ich schenke dir zwei Pfennige, Linchen, wenn du mir sagst, wer der Herr ist ...

O Armut! Was ist dein los! Zwei Pfennige! Wer widerstünde da und täte, was nicht gerade Unrecht scheint!

Ich kenn' ihn ja nicht, Frau Mullrichen! sagte das Kind nun beredtsam mit einem durch zwei Pfennige geöffneten mund. Aber als ich heute das Essen für Karl'n holte, sagte mir Riekchen, es wäre bei Fritzen ein schöner Herr zwei Stunden gewesen und er hätte auch unsere Louise gesehen und am Abend wollt' er wieder kommen, um uns Alle zu besuchen