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schwieg jetzt. Sie kannte den Hass des Oberkommissärs gegen ein Mädchen, das mit vollem Rechte behaupten konnte, die Nichte der Madame Ludmer zu sein, während der Herr Oberkommissär, der sich den Neffen derselben nannte, nicht die mindeste Verwandtschaft mit jener tollen und wilden MalerGuste in Anspruch nehmen durfte. Früher, als dies bildschöne Mädchen den Künstlern Modell stand und sich eines "soliden" Rufes erfreute, konnte ihr der Oberkommissär wenig anhaben; seitdem sie aber aus mancherlei Ursachen immer mehr gesunken war, hatte er Grund, eine unausgesetzte Hetzjagd auf sie anzustellen, wodurch sie zuletzt veranlasst wurde, in diese dunkle, abgelegene Brandgasse, in diese armseligen Familienhäuser zu ziehen, wo es ihr schlecht genug ergangen sein musste, trotzdem, dass sich Bartusch für ihre noch immer nicht ganz zu grund gerichtete Schönheit interessirte.

Auguste Ludmer war durch eigentümliche Schicksale, die wir noch näher werden kennen lernen, ein Beispiel jener jammervollen Versunkenheit geworden, in die die haltlose Irrfahrt durch unser Leben und seine Bedrängnisse ein ursprünglich nicht schlechtes weibliches Wesen führen kann ...

Der Oberkommissär schärfte Mullrich ein, ein "fixes" Auge auf die Maler-Guste zu haben ... sie behielt diesen Namen, obgleich sie schon seit langer Zeit der Künstlerwelt entrückt war und ihr nur noch in einigen üppigen Bildern angehörte, zu denen sie früher die Anschauung ihrer schönen Formen geliefert hatte ...

Es war schon völlig dunkel geworden, aber das scharfe Auge des Oberkommissärs entdeckte durch das Schaufenster die Beine eines Mannes, mit dem er in ziemlich naher Verbindung stand ...

Ist Das nicht? ... sagte er.

Herr Schmelzing! Soll ich rufen? Herr Schmelzing!

Der Oberkommissär schärfte noch einmal die Signalements dem bewährten Vizewirte ein und wandte sich zum Gehen mit den Worten ...

Teufel, steckt doch hier Licht an! Man bricht sich ja den Hals bei Euch!

Frau Mullrich führte den Herrn Oberkommissär an ihrer eigenen pechschwarzen Hand durch die pechschwarze Finsterniss der Treppe, die aus dem Keller aufwärts führte, während ein grinsendes Gesicht von einer sich bückenden Gestalt auf der Hausflur in die wohnung des Vizewirtes fragend niederschaute ...

Mullrich hörte oben den Schreiber Schmelzing dem Herrn Oberkommissär die Honneurs machen.

Beide verschwanden.

Mullrich wollte, als seine Gattin zurückkehrte, nun seufzend und wehklagend in sein Bett zurückkehren und holte nur noch seine Brieftasche aus dem Rocke, um die wichtigen Signalements hineinzulegen.

Die verdammte Tänzerei da in der Fortuna! brummte er zornig. Alle Welt schreit über Not und Elend und auf so ein Gartenfest gehen sie und jubeln, als wenn es Tresorscheine geregnet hätte. Leg' mir nur den guten Leibrock heraus! Im Staat soll man auch erscheinen, damit man nicht gleich die Zuchtausschlüssel bei Unsereinem rasseln hört.

Das Elysium ist bankrott, sagte seine Gemahlin tröstend, die Fortuna wird auch nicht lange machen. Wo nur der Hitzreuter wieder das Geld her hat! Das soll ja eine Pracht in der Fortuna sein ... Der Kümmerlein erzählt ja die blauen Wunder davon!

Mullrich schwieg.

Seine Gemahlin war etwas eifersüchtig und hörte ungern, dass es in der Fortuna so wild und zügellos herging, ungern, dass dort Alles von Krystall und Bronze, gemalt und von Gaslicht erleuchtet sein sollte ... Mullrichs lustiger College, Kümmerlein, hatte ihr schon die verfänglichsten Sachen von der Fortuna erzählt.

Mullrich wollte schlafen und antwortete nicht.

Die Gemahlin, die zwar von ihrem Gatten voraussetzte, dass er sehr tugendhaft war, von Kümmerlein aber oft gehört hatte, dass dieser die vielen delikaten Begegnungen seiner sittenbefördernden Praxis zu manchen unerlaubten Abenteuern und Abirrungen auszubeuten wusste, fragte:

Was ist denn Das für eine Frau Schievelbein in der Neustrasse?

Während Mullrich nun von einer Vermieterin brummte, von einer Haussuchung bei einem Maler oder Referendar, von Beschlagnahme von Bildern und ähnlichen ihm gegebenen Winken, schlug seine plötzlich etwas gereizte Ehehälfte Licht an und wollte eben die kleinen Läden der Kellerfenster schliessen, als sie auf einen Tritt hinaufsteigend, überrascht äusserte:

Sieh! sieh! Da steht ja wieder der junge Herr von heute Vormittag auf der Strasse und lauert. Der passt auf 86 oder 87. Ich komme dahinter. 87 ist nicht ganz ohne. Das schlägt die Augen nieder und trübt kein wasser und dem Riekel hab' ich gleich angesehen, dass die Tür zwischen 86 und 87 aufgewesen ist. Wenn ich doch einmal dahinter kämeaber! Du, Mullrich! Du, Mullrich! Schläfst du schon? Schläft der schon! Schnarcht schon wie ein Ratz! Jetzt kann ich nicht hinauf zu ihr ... Schlaf du und noch Einer! Hör'! Wie er sägt! Die Eier machen ihn immer schläfrig. Er soll auch nicht so starkes Bier haben, wie seit ein paar Tagen. In der Fortuna mag ich ihn gar nicht. Bei dem verdammten Hitzreuter gibt's Punsch und Kuchen. Und so traktirt werden die Polizeidiener da, dass ihnen zu haus nichts mehr schmeckt. Kümmerlein ist verdorben genug ...

Und so fort und fort plauderte Frau Mullrich mit sich selbst, indem sie ihr Dreierlicht ausputzte und sich anschickte, ein paar alte vom Trödel gekaufte Pantoffeln durch hintern Ansatz von Leder wieder in ein paar Schuhe umzuwandeln. Sie setzte für diese einem ihrer Mietsleute bestimmte Arbeit eine Brille auf, nahm ihr Dreierlicht und stellte es hinter eine Glaskugel, die mit wasser gefüllt war und an einem Riemen auf einer pyramidenförmigen Erhöhung einer Schusterbank stand. Das Lampenlicht fiel durch diese Kugel rund