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, Herr Bartusch, sagt' ich. Aber seit die Eisolds oben Waisen sind, hat er den Hausschlüssel abgegeben, er wollte eigentlich um neun Uhr jeden Abend zu haus sein. Ein paar Wochen ging's so, Herr Bartusch, sagt' ich, bis er vor fünf bis sechs Tagen gar nicht mehr nach haus kam und nun erst seit gestern ist er wieder da und so unruhig, dass ich nicht glaube, er kommt vor neun. Es wäre nicht das erste mal, dass er die ganze Nacht bis Morgens drei und vier ausbleibt.

Ein Jahr Zuchtaus! wiederholte erstaunt Mullrich, sich ausziehend und die Nachtmütze aufsetzend. Gewiss falsche Schreibereien. Er kann wie in Kupfer gestochen schreiben.

Es soll mich gar nicht wundern, vermutete seine Gattin, wenn Herr Bartusch noch in der Nacht kommt. Er hatte' es zu eilig gehabt. Klopft es nicht draussen?

In der Tat hatte es an jener Tür gepocht, die von der Hausflur erst in einen Vorplatz führte, dem ein Kamin das Aussehen einer Küche gab. Mullrich, eben im Begriff in sein Bett zu steigen, sagte: Mach erst die Tür zu. Ich will schlafen gehen!

Indem pochte es wieder.

Die Frau Vizewirtin lehnte die Tür an, die aus ihrer Schusterwerkstatt in die Schlafkammer führte. Mit den Worten: Es wird wohl der arme Nagelschmied mit den Pinnen sein! Er hatte' es mit dem Gelde nötig! ging sie hinaus und stieg die Treppe hinauf, die zu der Haustürflur führte.

Wie unangenehm überrascht war aber Herr Mullrich, als er sich eben im Bett behäbig dehnte und seine Rühreier in alter Bequemlichkeit verdauen wollte, als seine Ehehälfte nach einigen Augenblicken rasch die Tür aufriss und mit erschrockener Hast und Eile und höchst ehrerbietig ihm zurief:

Mullrich! Mullrich! Es ist der Herr Oberkommissär!

Fünftes Capitel

Die Lauscherin

O weh, dachte Mullrich, das raubt dir die Nachtruhe. Da soll etwas ausgeführt werden!

Indem hörte er schon die freundlichen und complaisanten Wendungen seiner Frau gegen den Herrn Oberkommissär Pax, den sie zu unterhalten suchte, bis Mullrich sich leidlich angezogen hatte, eintrat und kleinlaut grüsste:

Guten Abend, Herr Oberkommissär.

Guten Abend Mullrich!

Es gibt wohl noch etwas?

Der Oberkommissär Pax, ein militairisch sicher auftretender Mann, mit starker Bassstimme, sagte:

Mullrich, ja! Aber Sie können ein paar Stunden schlafen.

Herr Pax, morgen früh um fünf Uhr hab' ich schon Was ...

Mit Kümmerlein die Untersuchung bei der Schievelbein in der Neustrasse? Weiss ich schon. Aber es ist heute Nacht grosses Gartenfest in der Fortuna. Da gibt's allerlei Leute zu beobachten, die mir soeben signalisirt sind. Es hilft nichts. Sie können zwei Stunden schlafen. Um zwölf müssen Sie aber in die Fortuna, wo's bis zum Morgen hergeht. Dann machen Sie gleich mit Kümmerlein die Recherche bei den beiden Mietsleuten der Schievelbein und dann können Sie sich den ganzen Vormittag zur Ruhe legen. Hier sind ein paar Signalements, auf die in der Fortuna gepasst werden soll. Ich werde selbst in der Nähe sein, aber incognito ...

Mullrich nickte etwas verdriesslich und nahm einige dargebotene Papiere an sich, während seine Ehehälfte die Aufträge des Herrn Oberkommissärs mit den ergebensten Interjectionen als: Schön! Sehr schön! Sehr wohl! angenehm ausschmückte.

Der Oberkommissär Pax war der gewandteste Agent der Residenz und ein seltener Glücksjäger in dem Gebiete der praktischen Polizei. In jüngern Jahren Wachtmeister der Cavalerie, dann in gleicher Eigenschaft bei den Gendarmen, hatte er Veranlassung gehabt, der vor zehn Jahren noch weltlustigen alten Charlotte Ludmer jene Aufmerksamkeit zu erweisen, die Heinrichson jetzt ihrer Gebieterin widmete. Aus ihrem Pflegling und Schützling war Pax eine Zeit lang der Anbeter der unternehmenden und unbefangenen Frau geworden; jetzt galt der vierzigjährige, sehr stattliche Mann für ihren Neffen und künftigen Erben. Ihr verdankte er seine Anstellung, ihr eine sehr behagliche Existenz, die ihn jedoch nicht hinderte, seinen Obliegenheiten mit seltener Pünktlichkeit nachzukommen.

Er war der Ludmer und ihren Gönnern anhänglich und treu. Die Aussicht, einmal die aufgehäuften Ersparnisse der gefährlichen Matrone zu erben, spornte seinen Diensteifer ... Schon hatte ihn Schlurck im Interesse der Geheimrätin unterrichtet, wie er es mit der Haussuchung bei den Wildungens halten sollte.

Aber es gab noch manche andere gelegenheit, sich seinen Gönnern dienstwillig zu erweisen. Wir haben davon sogleich einen Beweis in der Frage, die er an Frau Mullrich richtete:

Also die Maler-Guste ist ausgeflogen?

Nr. 17 meinen der Herr Oberkommissär? fragte die Alte.

Auguste Ludmer ...

Richtig! Ha! Ha! Die Maler-Guste! Hat sie den Namen? Hier nannten sie die Leute die Brennnessel ... weil ihr Keiner zu nahe kommen durfte. Ja, Herr Oberkommissär, vier Taler, zehn Groschen und einen alten zerbrochenen Spiegel und einen ...

Sie ist aber nicht nach Hamburg, sie ist hier ... Mullrich ...

Mullrich war etwas schläfrig im Zuhören.

Ja, Herr Oberkommissär, sagte er apatisch ...

Seine Gemahlin griff helfend seine Antwort auf.

Ja? sagte sie. Die Maler-Guste? Nummer 17? Hörst du denn nicht?

Passen Sie in der Fortuna auch auf die MalerGuste ... Sie soll auf ganz neue Sprünge gekommen sein ... bemerkte Herr Pax.

Sie wird doch noch einmal ans Spinnrad müssen! meinte Mullrich, nun sich sammelnd.

Seine Gemahlin