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Executor, der sich nichts daraus macht, dass Bartusch seiner Frau noch jetzt Jaconnetkleider schenkt.

Da gab Dir aber wohl Nr. 17 eine Ohrfeige, die Auguste? Was?

Ihre zerbrochene Kaffeekanne wollte sie mir über den Kopf giessen. Das ist ein Satan! Und doch war der Alte ganz zornig, als er hörte, Nr. 17 ist ausgeflogen und hat uns bloss die zerbrochene Kaffeekanne, den Spiegel und die Bettstelle zurückgelassen.

Ich bin froh, dass sie fort ist; tröstete sich Mullrich, der hier noch von einer defekten Kaffeekanne hörte; ich bin froh; durch die person wäre noch einmal Feuer ausgekommen. Mit Nr. 86 haben wir so schon unsere Not, dass der nicht einmal die Häuser ansteckt, wenn er die Nacht auf die Dächer ...

Sei still von Dem, Mullrich. Sei still! Es ist mir immer ängstlich mit Dem! unterbrach seine Ehehälfte und schüttelte sich, als fröstelte sie's.

Mit diesen vorsorglichen, fast erschrockenen Worten wollte sie überhaupt dies Gespräch abbrechen, aber der Diensteifer und die Dankbarkeit für den Justizrat Schlurck war für den Viezewirt zu anregend. Er fuhr fort:

Ich möchte nur wissen, was die Justizrats mit 86 eigentlich haben. So ein grober, impertinenter, rotköpfiger Schlingel! Schreiben kann er schön! Das ist wahr. Er hat mir manchmal was ins Buch hier geschrieben wie gestochen. Aber seine Krankheit abgerechnet

Er hat's ja nicht mehr. Sei doch still! Sei still!

Mullrich liess sich nicht irre machen und fuhr um so mehr fort, als er wusste, dass seine Gattin sich nur zum Schein gegen Schauerliches stemmte. Sie hörte gerade um so lieber von Dingen, die ihr über den rücken liefen, je mehr sie sie abzuwehren suchte. Mullrich fuhr fort:

Der Justizrat sagte gerade, er hat die Krankheit noch. Erst neulich hätt' er es gesehen. Und so herzensgut ist der brave Mann, dass er mir sagte: Mullrich, sagte Herr Schlurck, der arme Mensch ist zu bedauern! Er hat für seinen Stand viel gelernt, weiss Manches und hat Kopf. Er hat mein ganzes Herz gehabt, aber aus dem haus musst' er! Er stiehlt nicht, er ist ehrlich, Mullrich, sagte er, aber geizig und verschwenderisch, zänkisch, boshaft, je nachdem's kommt. Seine Krankheit ist sein Unglück. Sind die eisernen Stäbe auch noch in Ordnung, Mullrich? sagte er. Ja, Herr Justizrat, sagte ich; vier Stangen vor jedem Fenster! Und ganz traurig wurde er, als ich ihm erzählte, wie wir sie ihm eingesetzt hatten auf Herrn Justizrats Kosten und was er für eine Miene gemacht hätte, als er eines Abends nach haus gekommen wäre und hätte die Fenster vergittert gefunden. Da weint' er fast, der Herr Justizrat. Ich ging zu ihm hinauf, sagt' ich, Herr Justizrat, ich ging zu ihm hinauf und sagte: Musje Hackert, nehmen Sie's nicht übel, Musje Hackert, aber Sie sind ja vorgestern ordentlich auf dem Dach herum spazieren gegangen. Ein Freund von Ihnen wünscht Das nicht, dass Sie sich da mal den Hals brechen und hat Ihnen da einen kleinen Denkzettel einmauern lassen, wenn Sie's vielleicht vergessen sollten, dass Das die Fenster sind! Er sah mich grimmig an. Ich hatte aber Mut. Lieber Gott! sagte ich, auf dem Dach ist's kalt, und wenn Sie auch noch so schön klettern können, Herr Musje Hakkert, es bricht Einer doch mal den Hals. Was sagte er denn da? fragte mich der Justizrat. Herr Justizrat, sagt' ich, es ist ein recht tückischer, glup'scher Kerl! Nicht ein Wort hat er gesagt, hat auch nicht gefragt, wer dieser edle Freund wäre und nicht ein Wort hat er geantwortet über's Dachherumklettern und seine Krankheit. Aber wie gesagt, Herr Justizrat war ganz gerührt und wie gesagt, einen halben Taler hat er mir geschenkt.

Nun muss es aber doch anders sein, unterbrach Frau Mullrich diese etwas weitschichtige Erzählung und deckte den Tisch ab, wie auch das Bett, in das sich ihr von den gerührten Eiern angeregter Gemahl bald zu legen gesonnen war.

Wie so anders?

Wegen der Anfrage von Bartusch. Der hat ja so grimmig über ihn hergezogen und hat doch gesagt:

Ein Jahr Zuchtaus wär' ihm nun gewiss!

Ei was? Zuchtaus?

Es sind schlimme Sachen von ihm herausgekommen, hat Bartusch gesagt.

Von Nr. 86?

Wenn er sich nicht selbst davonmacht, könnt's ihm übel ankommen und er wollte ihm im Ernst raten, dass er nun Paschol mache und am liebsten gleich weit!

War ich doch auf dem Criminalamte ... habe doch nichts

gehört ...

Ob er zu haus wäre, fragte Bartusch. Nein, sagt' ich. Bis Mittag war Das. Da war ein Herr mit ihm gekommen, ein feiner, eleganter Herr

Mit Nr. 86?

Ich sage Dir, ein ganz feiner, schöner, junger Mann. Wie ein Baron! Die kleine Riekel Eisold hat erzählt, dass sich der Herr zwei Stunden oben zu ihm hingesetzt hat und immer geschrieben

Curios!

Dem Grauen hab' ich den Mann beschreiben müssen. Er schüttelte dann den Kopf und sagte: Hackert muss fort! Wann glauben Sie wohl, dass ich ihn treffe, Frau Mullrich! Das ist schwer zu sagen