Strohblumengeflechte anbieten, die von einer alten Frau auf Nr. 55 gemacht werden. Diese alte Frau wohnt bei Madame Schlimpanzer zur Miete, von der man nicht weiss, durch welche Talente sie wiederum ihrerseits einen gichtischen rückenkranken Mann ernährt. Madame Schlimpanzer und fräulein Klapperfuss sind sich an Jahren gleich und hassen sich und lieben sich, jenachdem sie sich Nachts auf den letzten Bällen gegenseitig nicht geschadet und in ihren Wirkungskreisen beeinträchtigt haben. Ach, die Polizei weiss hier Alles! Lacht, was Ihr wollt, Sonntags früh, ihr zwanzig Gesellen bei Mutter Klapperfuss, wenn sie "ihrer Betten wegen" darauf dringt, dass Ihr Euch von Kopf bis zum Fuss gründlich wascht; man weiss doch, dass Eure Vorgänger vor einigen Monaten heimlich des Nachts Kugeln gossen und Patronen wickelten! Sie wurden alle eines Sonntags früh aufgehoben und mit allen ihren Kugelformen und zinnernen alten Löffeln und bleiernen Fensterverlötungen über die Brandgasse hin in's Profossenamt geführt, von wo aus sie dann in's Zuchtaus wanderten! Welch ein Kommen und Gehen in diesem Chaos! Auch die Geburt und der Tod, die Hebamme und der Leichenträger, sind immer und immer zugleich auf Besuch hier. Der Tod tritt gleich sicher auf. Er nimmt mit fester Hand. Die Geburten sind zaghafter, mit scheuem Gewissen, mit wenig Freude. Manches Kind, eben gekommen, erhält gleich die Nottaufe, wozu die Wöchnerinnen, da meist die Väter fehlen, den Vizewirt hinaufrufen oder den Alten, der die Pudel scheert, oder den silbergrauen Uhrmacher Eisold vom dritten hof, der noch sein Zöpfchen trägt und mit philosophischer Ehrwürdigkeit in den Häusern altmodische Uhren reparirt.
Ganze Tragödien spinnen sich da an und enden, ohne dass sie ihren Dichter anders finden, als höchstens bei Jahrmärkten die Bänkelsänger. In den Criminalakten stehen die einzelnen Rollen geschrieben. Da heisst's: Aus Brandgasse Nr. 9 ein Observat ... lernte im Zuchtause eine Diebin kennen ... sie hat Kinder aus früherer Bekanntschaft ... sie schliessen, frei gelassen, auch eine wilde Ehe ... er kehrt die Gassen und reinigt des Nachts Cloaken ... sie verdingt sich zu jeder groben Hantierung ... die erwachsene Tochter der Frau ... natürlich unehelich ... geht in eine Fabrik ... ein junger Arbeiter, ihr Liebhaber, zieht zu ihnen ... die Mutter gefällt ihm wie die Tochter ...
wild geht das durcheinander ... der Trunk erhitzt den Zorn ... Eifersucht und blinde Wut ... der Gassenkehrer schlägt den Arbeiter ... die Tochter würgt fast die Mutter ... Und dieses Gemetzel noch nicht so schlimm, wie die spätere Versöhnung ... die Beruhigung bei dieser Verwirrung ... Trinkgelage, lustiges lachen ... die Tochter verlässt die Fabrik und treibt sich auf den Gassen umher ... der Vater zweischlächtiger Bastarde erhält seine Arbeiterstellen gekündigt ... dennoch fliessen Mittel ... Woher? ... Heute Morgen wurde das ganze Nest ausgehoben, Jung und Alt davon geführt ... der Gassenkehrer, die Mutter, die Tochter, der Liebhaber ... Die übrig gebliebenen kleinen Kinder holt die Besserungsanstalt.
Frau Mullrich erzählte diese tragischen Begegnisse, die in der Brandgasse gäng und gäbe waren, so leicht, so obenhin, wie wir etwa eine sogenannte Müchler'sche Anekdote von Friedrich dem Grossen erzählen würden.
... Mullrich, der Vizewirt, hatte sein Nachtessen beendigt und kehrte auf seinen nächst dem Oberkommissär Pax wichtigsten Vorgesetzten Herrn Bartusch zurück.
Hat der Alte nicht nach 86 gefragt?
Und das ordentlich und gezankt hat er, warum wir ihm nichts mehr über 86 meldeten! sagte Frau Mullrich und klagte dann, dass die Tage schon so kurz würden.
War ja zehnmal da in der Kanzlei und hab's sagen wollen: 86 ist einmal wieder heidi! Wie ich das elfte mal kam, ging ich zum Justizrat selber, der eben von Hohenberg zurück war und da hiess es: Danke, Mullrich, ich weiss es schon. Er gab mir einen halben Taler.
Wenn der Bartusch das Herz hätte von dem guten mann, dem Justizrat! Er war heute ganz wild der Graue.
Warum denn? Gewiss weil Nr. 17 ausgeflogen war. Nicht? Ha, ha! Das wird's sein, der alte Schleicher! Wenn nur 'mal die Justizrätin dahinter käme, die –
Pst! Stille! Mullrich! Wess' Brot ich ess' ... Lass ihn auf Nr. 17 gehen und rede von solchen Sachen nicht. Nr. 17 taugte nur nichts, sonst hätte sie ihr Glück machen können, wie die Jule Spiess ...
Jule Spiess! Die Frau Amtsdienerin? Ah! So, wie Nr. 17 hat sich doch die Jule nicht aufgeführt ...
Ach! Ach! antwortete Frau Mullrich, die tiefer zu sehen, als ihr Mann, immer das Privilegium hatte. Ach, Ach, das war eine Feine! Die wusste es subtiler anzufassen. Wie oft hab' ich zu Nr. 17 gesagt: Guste, hab' ich gesagt, Sie haben anständige Verwandte, Sie sind schön, wie ein Bild, Sie haben Freunde, die vornehme gönner haben: nehmen Sie die Mamsell Jule, die Frau Ratsdienerin Spiess geworden ist, und damit stichelte ich auf den Bartusch, der doch die Jule Spiess zur Ratsdienerin gemacht hat ... durch einen Ratsdiener und