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strenge Rüge, ja ein, freilich katolisch klingendes Wort, von Kirchenbusse züchtigend vorhergehen lassen wollte, jene schnöde Abfertigung angedeihen lassen, die Frau Mullrich vorhin andeutete.

Überhaupt konnten die Vereine ohne Mullrich's Autorität und Unterstützung hier nicht viel rein Moralisches und Lehr-Strenges zu stand bringen. Nur das baare Geld wurde mit Artigkeit und Dank begrüsst. Ein- für allemal lag auch bei Mullrich eine Anzahl Bibeln deponirt, die er jedem sich der geistlichen Erweckung zugänglich Erklärenden übergeben sollte. Mullrich war zu gewissenhaft, diesen Auftrag unvollzogen zu lassen. Er bot die Bibeln in der Tat allen diesen Armen und Elenden an. Sie nahmen sie auch, verwerteten sie aber sogleich an der besten Quelle, die sich ihnen in Mullrich selbst darbot. Mullrich behielt das Buch der Bücher gleich an Zahlungsstatt für Miete oder verfallenen Versatzdenn auch auf Pfänder lieh die Frau Vizewirtin in aller Stilleoder für Hausschlüssel oder Feuerung, die sie im Winter verkaufte oder Kartoffeln, deren sie grosse Vorräte anschaffte, und Mullrich hatte dann in der Schulstrasse einen Buchbinder, der die Exemplare unter Verhältnissen kaufte, bei denen Mullrich nur der Commissionär, der Bevollmächtigte der richtigen Empfänger jener Bibeln war und per Stück immer zwei Groschen Vorteil zog, was bei einem jährlichen Umsatze von etwa funfzig Exemplaren immer eine Einnahme war.

Freilich fanden sich denn doch auch manche trostsuchende, leidensmüde Seelen, wie jener arme Nagelschmiedgesell, der die Bibel behielt und nicht für die Miete angab. Dieser Ärmste las sich Trost aus ihr, wenn er am Tage mit seinem armen Meister Nägel geschmiedet hatte und mit ihnen Abends und Sonntags früh in der Stille selbst hausiren gehen musste und seine Kinder gingen mit hausiren und liefen auf die Dörfer barfuss und boten den Leuten Nägel an und ihre Mutter wanderte sonst oft meilenweit mit, um Nägel zu verkaufen; aber mit den letzten Nägeln, die sie an einen Schreiner verkauft hatte, ward ihr auch schon der Sarg gezimmert ... sie war tot.

Ach! welche Fülle des Elends! Wieviel körperlicher und sittlicher Jammer ist da zusammengedrängt, Ergebung in sein los neben der Verzweiflung, es gewaltsam zu ändern. Armut und Verbrechen und zwischen beiden alle Laster der Sinne. Hundert Nummern waren in diesem haus allein an Bewohner ausgeteilt und jedes Zimmer bot ein andres Bild des Elendes und Jammers. Da ein Kranker, dort ein Sterbender, hier nebenan das kreischende lachen einer unsittlichen Dirne oder der tobsüchtige Ausbruch eines Trunkenbolds, der seinem weib das Wenige, was sie besassen, in Scherben an den Kopf wirft. arme Käsemaden, menschliche Infusorien, die sich noch im Tod einander selbst verfolgen, mit Gier verschlucken, einer von des andern Armut zehren, mit ihr wuchern wollen. Wer das geheimnis des Lebens studiren will, gehe hieher und beantworte die Frage: Warum sind wir? Was sind wir? Was werden wir?

In dem schmuzigen buch, das die Bewohner nach ihren Nummern anführt, sind an vielen Namen Kreuze gemalt. Das sind Observaten. Sie kamen aus dem Zuchtause und stehen nun unter polizeilicher Aufsicht. Sie haben einen leidlichen Erwerbszweig ergriffen und vermeiden vielleicht ihre alten Genossen, bis sie von ihnen doch wieder heimgesucht werden. Mancher von diesen sie dann Versuchenden und wieder Verführenden ist nur ein verkappter Verführer. Die Polizei gewann ihn zum Spion.

Wohl Dem, der seine Zunge wahrt und nicht von Wiederaufnahme alter Anschläge spricht oder sie ausführt! In diesem haus selbst wohnen Spione genug. Mullrich ist der erste unter ihnen. Im dritten hof wohnt ein Schreiber Namens Schmelzingein früherer Arbeiter bei Schlurckauch er rapportirt an den Oberkommissär Pax. Hütet Euch, ihr Nachbarn! Seht Ihr nicht, wie rasch manchmal einer aus Eurer Mitte verschwindet? Da hüpfte noch vor kurzem ein keckes Bürschchen die Stufen der engen Treppen hinauf, scherzte mit den Nähterinnen und Fabrikmädchen, die bis unter das Dach wohnen, und heute führen ihn die Häscher davon. Ein Bündel Wäsche unter'm Arm geht er wohl auf zehn Jahre in's Zuchtaus. Wer ahnte, dass er eingebrochen hatte und zu einer Diebsbande gehört? Wer nicht tätig ist erregt Verdacht. Nur tätig, und sammelte man Glasscherben, wie die alte Frau auf Nr. 43, oder ernährte man sich vom Scheeren der Pudelhunde, was ein alter Mann im zweiten Hinterhofe parterre auf Nr. 67 ausführt, der mit der Brille auf der Nase im hof sitzt und die Pudel scheert, deren Wolle er sammt den Flöhen an Tapezirer verkauft. Harfenspieler, Tambourinschläger üben sich Morgens Gesänge ein, die sie Abends in den Schenken ableiern und die Leierkastenbesitzer .... nein -Leiher sparen, um sich den musikalischen Brotbringer allmälig zu kaufen oder von dem Mechanikus, der ihn verleiht, die Stifte zu einem neuen zeitgemässen lied sich umsetzen zu lassen. Da taumelt ein Bierhaussänger daher, der in seinen jungen Jahren auf den Bühnen Buffopartieen sang und jetzt so herabgekommen ist, dass er in den Gambrinushallen zur Guitarre mit allerhand Lazzis und in Scenen gesetzten Faxen singt. Ein Violinspieler begleitet ihn, der in seiner Jugend ein Paganini zu werden versprach und durch den Trunk so herab ist, dass er mit jenem Sänger abwechselt und auf der Violine mit Strohfäden, angezündeten Fidibus statt des Bogens spielt. Halb und halb sind beide Improvisatoren geworden und wissen durch geschickt angebrachte Zweideutigkeiten in einer von Tabacksqualm rauchenden Bierhalle ihr Publikum zum wiehernden lachen zu bringen, während ihre "Zuhälterinnen" in einer Cigarrenaschen-Schale das Honorar ansammeln und ihre Kinder von Tisch zu Tisch