die ewige Güte – kaum ist er damals fort – das sind nun elf Wochen – kommt die Lange herunter und will noch einen Hausschlüssel für einen Freund. Aha! dachte ich, für einen Freund! Ich gab ihr den Hausschlüssel. Kostet drei Groschen monatlich, Mamsell, sagt' ich. Wird Alles bezahlt werden, und so ging sie schnippisch davon, als wenn sie einen Ehemann gekobert hätte. Und richtig, ich hab' ihn wohl erkannt, wie er dann am nächsten Abend ankam nach zehn Uhr, in einem grossen Mantel –
Herr Bartusch! sagte Mullrich erstaunend, über die "Entüllungen" seiner Frau.
Schleich du nur, dachte' ich, fuhr seine Ehehälfte fort. Wer sind Sie Herr? Wo wollen Sie hier hin? rief ich. Nummer 17! piepte es und rasch in den Hof, wie eine Katze, so genau fand er sich zurecht. Und das dreimal! nachher ging's ja mit Mann und Maus auf das Schloss von dem alten Fürsten und richtig! Mein Männchen kommt auch nicht wieder und den Hausschlüssel hat er bei sich behalten. Die Mamsell zahlt keine Miete, zahlt keinen Hausschlüssel, der Freund ist fort und eines Abends sie auch, bis auf ihr Mobiliar, ihren Spiegel und ihre Bettstelle. An die halten wir uns. Männchen mag nun sehen, wo er die Miete kriegt. Wer weiss, wo die Lange steckt! Es hat schon oft einmal geheissen: Hamburg, und hernach war's bloss die Hamburger Strasse.
Diese harten Verleumdungen über Bartusch, den eigentlichen Regenten dieser Häuser, wurden von Passanten unterbrochen, die an dem Schaufenster des Kellergeschosses von der dunklen Hausflur aus sich niederbeugten und in die noch "schummrige" stube des Vizewirts hinuntersprachen.
Es waren dies zuvörderst Drehorgelspieler, die wegen eines Hausschlüssels parlementirten. Sie hatten heute einige Tanzorte mit ihren melodischen Klängen zu bedienen, wo sie lange auszubleiben gedachten ...
Er wurde ihnen leihweise für einen Dreier und nur für diese Nacht bewilligt mit vielen Mahnungen, ihn zu schonen, nicht zu verlieren, Mahnungen, die sich mit einem höflichen Übergange in zweckentsprechende Drohungen verliefen.
Es war nach sieben. Die Handwerker und Arbeitsleute, die im haus wohnten, kamen nun von der Arbeit. Kinder, Frauen, Mädchen, Männer, rüstig und hinfällig, bunt durcheinander ...
Frau Mullrich liess sie Alle mit scharfprüfenden Augen die Revue passiren. Bei Jedem, der ihr fremd schien, öffnete sie das kleine Schaufenster und sah mit ihrer langen Spitznase hinterher ...
Hat die Klapperfuss wieder einen Neuen? fragte sie, aufmerksam auf einige ihr unbekannte Passanten.
Gemeldet ist keiner, sagte Mullrich und wies auf ein schmuziges Buch, in dem die ganze Bewohnerschaft verzeichnet stand.
Es gehen heute so viel fremde Gesichter aus und ein ...
Bei Nr. 40 ist viel Verkehr ...
Nein, Mannspersonen mein' ich! Mannspersonen! Da geht ja die Klapperfuss! Sieh den Staat! Guten Abend, Madame Klapperfuss! Und die Mamsell Tochter! Mullrich, ich glaube, da ist's schon wieder ...
Nicht richtig! Das wäre das Fünfte?
Diese Menschen! Den frommen Herrn, der sie neulich über ihr Sündenleben ermahnen wollte, haben sie fast zur Treppe hinunter geworfen ...
War lange keiner vom Verein da? Die Bibeln sind ja bald all ... Nur noch zwei auf'm Lager ... Der Buchbinder in der Schulstrasse hat erst neulich gefragt: Herr Mullrich, keine neuen englischen Bibeln?
Der Nagelschmiedgesell, dem wir eine anboten, ist recht fromm und will sie behalten ... meinte Frau Mullrich, geschmeichelt von der Artigkeit des geschäftsfreundlichen Buchbinders.
Aber Nr. 25 liess uns doch eine an Zahlungsstatt ... Wir müssen einmal bei dem Verein anklopfen; es ist doch immer ein gutes Geschäft.
Sei vorsichtig, Mullrich! Die durchtriebene person, die Louise Eisold, hat uns erst neulich gedroht, sie wollte den ganzen Commersch mit den Bibeln anzeigen.
Mullrich schwieg erschrocken.
Zum Verständniss dieser aphoristischen Abendunterhaltungen des Herrn und der Frau Vizewirtin wollen wir aus der reichen Chronik dieses Hauses nur einige kleine Personal- und Sittennotizen geben.
Die mehrerwähnte Madame Klapperfuss z.B. beherbergte im ersten Hinterhofe auf vier Zimmern eine Anzahl von Gesellen, die sie kasernenartig in "Schlafstelle" hatte. Die Zahl schwankte meist zwischen achtzehn bis zwanzig. Sie schliefen je zwei und zwei in einem Bett und hatten für Waschwasser, Handtuch, Bett- und Leibwäsche und Frühstück eine Summe in Bausch und Bogen zu zahlen, die jeden Sonnabend berichtigt werden musste. Madame Klapperfuss verdankte der Präcision, mit der sie dies Schlafstellengeschäft betrieb, die Mittel, sich auf Volksbällen und Pikeniks der Vorstadt durch Garderobe und Appetit auszuzeichnen. Ihre Begleiterin vorhin war ihre Tochter Demoiselle Klapperfuss, die von verschiedenen, gerade nicht sehr stabilen, sondern ab- und zugehenden Vätern eine Anzahl Kinder aufzuweisen hatte, die jedoch von der Grossmutter mit ebenso vieler Zärtlichkeit behandelt wurden, als wären sie der legitimsten Ehe entsprossen.
Die Vereine zur Bekämpfung der Unsittlichkeit des Volkes hatten hier in der Brandgasse Nr. 9 ein weites Feld. Allein die Treppen waren sehr steil, die Türen sehr eng. Den Missionären dieser braven Institute geschah zuweilen das Widerwärtige, dass die verstockten frechen Sünder sie alle Unannehmlichkeiten der Lokalität empfinden liessen. Demoiselle Klapperfuss hatte z.B. einen Abgesandten der Kirche, der der am nächsten Sonntag stattfindenden Taufe ihres vierten unehelichen Kindes eine