, den Sie so mutig fahren?
Dies ist die erste Reise, die ich in meinem Leben mache, sagte Hackert. Ich habe den Sündenpfuhl, in dem ich geboren bin, noch auf zwei Meilen nie verlassen.
Nun begreif' ich, sprach Dankmar lachend und doch wieder von Mistrauen ergriffen, dass Sie die gelegenheit einer Luftveränderung beim Schöpfe festielten. Wenn man Sie anschaut, möchte man nicht glauben, dass Sie in irgend Etwas noch ein jungfräuliches Gemüt sein können. übrigens will ich hoffen, dass wir nicht auf dem Wege nach Hamburg oder Leipzig, statt nach Hohenberg sind. Sie machen mir schöne Sachen! Jetzt auf das Licht zu! Und da bleiben wir, bis es hell wird und wir wissen, wo wir hier unter den Sternen herumkreuzen.
Hackert pfiff dem Gaule zu, der von dem Lichte auch eine freundlichere Ahnung zu bekommen schien und sich wacker in Trab setzte.
Ich bin ja erst zweiundzwanzig Jahre alt, sagte Hackert, gleichsam um sich zu entschuldigen. Was weiss ich, wo die Wegweiser da all am Wege hinzeigen!
Zweiundzwanzig Jahre erst? antwortete Dankmar staunend und mass dabei, sich vorneigend, die Furchen auf Hackert's Stirn, die tiefliegenden Augen, die schlotterige, entnervte Haltung. Seine Lippen waren fahl, das Auge nur dann feurig, wenn es in unheimliche Erregung kam. Zweiundzwanzig Jahre, wiederholte er, wie haben Sie das gemacht, schon wie ein Sechsunddreissiger auszusehen? setzte er nicht ohne Bitterkeit hinzu.
Ich habe geschrieben, antwortete Hackert. Wer von seinem vierzehnten Jahre an nur auf dem Schreiberbocke reitet, kann keine so farbigen Wangen haben, wie meine Haare sind. sechs Tage in der Woche habe ich acht Jahre lang Actenstaub geschlürft und Processgift eingeatmet. Abends und Sonntags hab' ich gelebt ....
Gelebt? wiederholte Dankmar. Was nennen Sie leben? Es scheint, leben hiess bei Ihnen soviel als sich langsam umbringen.
Hackert gab auf diese Bemerkung keine andere Antwort, als dass er nach einer Weile bemerkte:
Das Licht ist ein Wirtshaus.
Ein gewaltiges Hundegebell begrüsste die nächtlichen Ankömmlinge. Sie standen vor der Pforte eines grossen Gehöftes, aus dem im Dämmerlichte Leitern, Stangen und Scheunen hervorsahen. Ein dem dunkeln wald zu gelegenes stattliches Wohnhaus schien geschlossen, oben aber in den Fenstern des ersten Stocks brannten noch Lichter. Hackert sprang vom Wagen und stiess mit dem Griffe der Peitsche an den Torweg, dass die Hunde nur noch zorniger bellten. Auf ein mehrmaliges Heda! kamen endlich über den gepflasterten Hof die Pantoffeln des Hausknechts angeschlorrt. Ein grosser Holzriegel wurde von innen zurückgeschoben, eine Stalllaterne warf ihre trüben Strahlen auf Hackert's bleiches Angesicht.
Können wir Nachtquartier haben? war Hackert's Frage, der überhaupt so gewandt sich in Alles zu finden wusste, als wenn er Jahrelang auf Reisen zugebracht hätte.
Nur herein! rief der Hausknecht mit einem sonderbar fröhlichen Tone. Hier seid's gut geborgen, Kinder! Juchhe! Du armes Tierchen du! wandte sich der fröhliche Hausknecht zum Pferde. Komm! komm! mein Hühnchen! Friss Vogel und stirb mir nicht! Ja! Ja! Wenn's immer, wenn's immer, wenn's immer so wär'.
Hier geht's ja spasshaft zu, sagte Dankmar und sprang von seinem Sitze herunter. Ihr singt ja wie die Nachtigall im Busch.
Hört Ihr sie schlagen, Herr? fragte der Hausknecht. Ihr kennt mein Lieschen im Busch? Noch drei Tage, dann sagt sie: Adieu Dietrich, Adieu Heidekrug! Und erst über's Jahr kommt sie wieder. Fahr' wohl!
Hackert erklärte diesen Humor für die Folgen eines gut angewandten Trinkgeldes. Dabei fielen sie fast über einen andern Knecht, der lang auf einem Strohhaufen ausgestreckt im hof lag.
Dietrich und Heidekrug! bemerkte Dankmar. Soviel haben wir jetzt weg. Der Heidekrug ...
Ja, ja, der Heidekrug – komm, Schimmel! Im Stall – im Stall – im Stall ist's kühl.
Damit zog der fröhliche Hausknecht vom Heidekrug singend den Gaul von dem Einspänner in den Hof und begann ihn vorm Stalle auszuschirren.
Heidekrug? sagte Hackert. Wohnt denn hier der Heidekrüger?
Ja, Kutscher, das habt Ihr gut geraten. Hier wohnt der Heidekrüger.
Dankmar, dem der Name ebenfalls auffiel, bemerk
te:
Der Heidekrüger? Das wird doch nicht Herr Justus sein?
Just Herr Justus, sagte Dietrich und führte den Gaul in den Stall.
kennen Sie den gelehrten Gastwirt auch? fragte Hackert.
Ich wundere mich, dass Sie ihn kennen.
Hackert wurde über diese Replik wieder verdriesslich. Dankmar's unausgesetzter Zweifel an seiner Bildung und die offenbar geringschätzige Ansicht von seinem Herkommen verletzten den bizarren und, wie es schien, mannichfach mit der Welt bekannten und wieder mit ihr zerfallenen jungen Mann.
Während Dietrich mit dem Gaul beschäftigt war, hatten sich die beiden gefährten im hof des Heidekrugs genauer umgesehen. Er machte einen freundlichen, willkommenheissenden Eindruck. Rings begrenzten ihn Scheunen und Schuppen. Im Stalle hatten sie mehre Pferde bemerkt. Der Rinderstall grenzte dicht daneben. Ein wohlgehaltenes Stacket schied den Hof von einem reichen Baumgarten ab, der sich hinten zum wald verlor. Die Düngerhaufen hier und dort gehörten zum Wesen einer grossen Ökonomie. Das Wohnhaus hatte hinterwärts einen Anbau für die Küche. An der Seite, die nach dem hof ging, zog sich ein Spalier in die Höhe, das den weissen Kalk mit grünem dichten