Die Formen des bescheidenen und doch ehrwürdigen Gebäudes wiesen auf einen ziemlich alten Ursprung hin. Leicht und schlank sprang der spitze Turm in die blaue Äterhöhe. Die alten grüngerosteten Glocken hingen in Öffnungen, deren Ränder ein zierlich geschweiftes steinernes Blätterwerk schmückte, willkommener Schlupfwinkel für ein Heer von Spatzen, das den Turm lärmend umschwirrte. Das Schiff wölbte sich mit hervorspringenden Fensternischen mehr rund als länglich um den Glockenturm, dessen Portal ein grosses, halb in das Mauerwerk eingebrochenes Kreuz zierte. Dieser einfache Bau, umgrenzt von grünen Haselnusshecken und gehütet gleichsam von zwei alten Lindenbäumen vor der Eingangspforte, schnitt sich an dem duftreinen Horizont so gefällig, so lieblich ab, dass man dem jungen, über seiner Arbeit träumenden Künstler nicht verargen konnte, sich daraus für sein Skizzenbuch allein schon eine Erinnerung zu erhalten. Aber der altertümliche Reiz dieser Scene wurde noch durch die Trümmer eines Gebäudes erhöht, das einst dicht an der Kirche mit ihr fast verbunden musste gestanden haben. Noch waren einzelne verwitterte Mauern hier und da übrig geblieben und nun auf löbliche Weise zum Umbau des Friedhofs verwendet. Überall, wo eins der alten Trümmer aufhörte, begann in der Umzäunung des stillen Ruheplatzes immer ein einfacher, freilich etwas zerfallener Bretterzaun, bis diesen wieder ein morsches Stück alter Mauer mit noch halb erhaltenen Fenstern ablöste, deren Trümmer sich in das innere lauschige Gezweig von weissen, würzig duftenden Fliederbäumen, die sie überschatteten, verloren. Kirche und Friedhof lagen auf einer mässigen, grasbewachsenen, mit weissen Sternblümchen wie bestreuten Anhöhe, die eine Fernsicht auf diejenige grosse und berühmte deutsche Hauptstadt erlaubte, welche der Schauplatz der nachfolgenden Mitteilungen sein wird.
Der junge Maler war nach einfachem Mittagsmahle auf dies bescheidene Dörfchen – es hiess Tempelheide – von der grossen lärmenden Stadt hinausgewandert, hatte sich, rings den Hügel musternd, die günstigste Stelle für seinen Plan auserlesen, und zeichnete die Kirche und den Friedhof aus einem Interesse, das nicht bloss ein künstlerisches genannt werden konnte. Er wusste nämlich, dass diese Trümmer Reste eines alten Tempelhofs waren. Das grosse Kreuz über der Kirche, in eigentümlicher Form, bewies, dass einst die Tempelritter, die hier gewohnt hatten, auch die Gründer und Erbauer dieser Kirche waren. In seinen Jugenderinnerungen selbst an ein altes Templerhaus, die Zierde seiner im Harz gelegenen Vaterstadt, vielfach gemütlich verwiesen, nahm er um so lebendigeres Interesse an diesen ehrwürdigen historischen Resten, als ihm auch sein erstes Probestück beim Eintritt in die grosse Genossenschaft der sozusagen losgesprochenen Künstler, Jakob Molay's Feuertod, so brav gelungen war, dass er schon jetzt zu den sichersten Hoffnungen der neuern Malerkunst gerechnet werden konnte. Dankbarkeit auch gegen den glücklichen Gegenstand seines Bildes, den Märtyrertod der alten französischen Tempelherren, hatte ihn hierher nach dem Dörfchen Tempelheide geführt, wo auch einst Tempelherren gehaust, auch einst Tempelherren jene Kirche und das Professhaus gebaut hatten, von dem noch jene malerischen in den Friedhof verlorenen Trümmer hinterblieben waren.
Wie Siegbert Wildungen – so hiess unser junger Maler – auf einem Stein unter einer Brombeerhecke längst Platz genommen hatte und im notdürftigen Schatten des stachlichten Gebüsches endlich einmal auch seinen breitrandigen Calabreser lüftete, um die blonden lockig fallenden Haare von der erhitzten Stirn zurückzustreichen, bemerkte er plötzlich, dass er nicht allein war. Aus dem gelben Kornfelde, das die Öffnung zwischen dem Hügel und dem Aufgang zu einem nahegelegenen herrschaftlichen Parke ausfüllte, erhob sich, gähnend und wie nach gehaltener Mittagsruhe sich reckend, eine Gestalt, die weder oben dem herrschaftlichen Wohnhause, noch unten dem dorf anzugehören schien. Es war, so weit man sie im Liegen beurteilen konnte, eine lange hagere Figur im leichten Sommerrock wie Siegbert, aber die Pantalons verwaschen, an den Knieen hervorstehend, das Hemd zerknittert, die Halsbinde weggeworfen und die Weste fast zu kurz und wie verschnitten. Die seltsame Gestalt, die sich aus dem Korn, in dem sie geschlafen hatte, herauswand, war jung und wie es schien verwöhnt bequem. Der Mittagsschläfer gähnte mit mehr Behaglichkeit, als er würde empfunden haben, wenn ihn der Bauer, dem das Kornfeld gehören mochte, in der Verwüstung seines Eigentums betroffen hätte. Wie er den Maler entdeckte, stützte er, wieder lang sich hinwerfend, den Kopf auf den Arm und schickte sich an, in grösster Ruhe seinen Nachbar keck zu beobachten. Die rechte Hand steckte er dabei behaglich in die Seitentasche seiner Pantalons; die linke kratzte sich die Ähren aus dem etwas rötlich kurzgeschorenen Haar. Statt den Maler anzureden, pfiff er sich eine Melodie, die nicht zu den gewöhnlichen gehörte und Bekanntschaft mit den Modeopern verriet. Siegbert Wildungen war der neuesten Opern sicher unkundiger, als jener bequeme und in seinen Blicken fast zudringliche dreiste Gesell.
Während Siegbert in seiner Zeichnung fortfuhr und das Zifferblatt des Turmes bald den vollen Schlag der fünften Stunde voraus anzeigte, hörte man einen Wagen in der Nähe. Eine herrschaftliche Kutsche fuhr von der Allee, die zur Stadt führte, die Anhöhe herauf und hielt vor dem Eingangsportal des in Siegbert's rücken liegenden herrschaftlichen Gartens. Er hatte des geschmacklosen kleinen Schlosses, das dem Besitzer von Tempelheide zu gehören schien, anfangs wenig Acht gehabt. Der Park, der es einschloss, schien ihm von vielem Nadelholze fast zu düster; nur ein sonderbares Etablissement am Rand desselben oberhalb des Kornfeldes hatte ihm ein Lächeln abgelockt. Es war ein grosser hölzerner Regenschirm oder ein Riesenpilz, dessen Dach eine unter ihm gedeckte kleine Mittagstafel vor der Sonne schützte. Der Besitzer des Schlosses nennt unstreitig diesen Regenschirm oder Pilz seinen chinesischen Pavillon, hatte er