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sie mit gewaltigem arme niederdrückte und mit glühendem Tone das Wort: Melanie! Bist ruhig! flüsterte, ... war Hackert.

Sie sah's! Sie fühlt' es! ... Sie wollte schreien.

Aber halb ohnmächtig, willenlos, elend, zum blassen Tod entsetzt sank sie auf die Kissen des Wagens zurück, der funkenstiebend, donnernd in die Stadt rollte.

Viertes Capitel

Brandgasse: Nummer Neun

Das Viertel, das zwei Stunden früher Siegbert Wildungen aufsuchte, ist das älteste in der Stadt.

Die Brandgasse selbst ist so schmal, dass in ihr kaum zwei Wägen sich begegnen können, ohne bis dicht an die Häuser auszuweichen. Diese Häuser sind hoch und mit überhängenden Stockwerken so gebaut, dass sie sich von oben mehr nähern als von unten. Alle diese Häuser, aus altem Sandstein und dicken geschwärzten Eichenbalken gebaut, haben eine ungewöhnliche Tiefe und werden meistens noch durch Höfe verlängert, von denen einige neuer sind als die Vorderhäuser, da zu verschiedenen zeiten in diesem alten Stadtviertel Feuersbrünste wüteten. Ungeachtet der Name dieser Strasse daher entstanden sein mochte, dass die Flammen sie öfter heimsuchten als andere; ungeachtet eine allgemeine durchgreifende Zerstörung zum Besten des gesunderen Luftzuges vielleicht für die Stadt selbst zu wünschen wäre, so schreckte man doch bei dem Gedanken zurück, welche grosse Anzahl ärmster Familien dabei in Lebensgefahr geraten würde, denn keine Strasse war volkreicher als diese Brandgasse.

Der Verlust an Hab' und Gut würde vielleicht durch die Mildtätigkeit ersetzt worden sein, obgleich doch selbst in diesen dunklen alten Wohnungen mit den Giebeln und Galerien sich mancher stille Sparer versteckt hielt und sich durch weisse Gardinen, Blumenstöcke und Vogelkäfige an seinen kleinen, mit Blei zusammengelöteten Fensterscheiben als ein Wohlhabender verriet. Freilich alle Blumen und Vogelkäfige vor den kleinen Fenstern in der Gasse selbst und den Hinterhöfen konnte man nicht für ein Zeichen des freundlicheren Lebenslooses halten, denn diejenige Armut wenigstens, die sich geistig nicht ganz verwahrlost, schmückt sich gern mit Blumen und gibt selbst einem Vogel im Käfig von ihres Daseins spärlichen Brocken ab.

Mehre der ältesten dieser Häuser in der Brandgasse waren mit jenem Angeroder Kreuze der Ritter von St.-Johannes geziert. Doch sah man nur die drei Blätter des Kleeblattes an den Ecken des heiligen Symbols, zum Zeichen, dass diese Bauten noch über den Zeitpunkt hinausreichten, wo die grössere Anzahl der Ritter dieses Ordens in den Schooss der evangelischen Kirche überging.

Aber auch diese Häuser gehörten zu jener Verlassenschaft, die man damals dem Ritter Hugo von Wildungen angewiesen, als die unrechtmässigste und dreisteste Besitzergreifung von der Welt durch die allgemeinen Wirren damaliger Zeit zugelassen und stillschweigend anerkannt wurde. Auch diese Häuser wurden von Sehlurck für die Commune verwaltet und oft genug sah man Bartusch in seinem grauen Rock hier Trepp auf Trepp ab schleichen und die gerichtliche Execution den Mietern androhen, die ihm von den sogenannten Vizewirten als saumselige Zahler bezeichnet wurden.

Diese Vizewirte bewohnten oft die unsauberste Spelunke von allen; aber sie zahlten keine Miete. Nur mussten sie sich als fleissige, zuverlässige Männer in der Hut des Hauses bewähren und die einzelnen Wochengroschen, die sie von den Bewohnern sammelten, pünktlich in der grossen Schreiberei des Notars und Administrators Justizrats Schlurck abliefern.

Der Vizewirt des Hauses Brandgasse Nr. 9 war ursprünglich ein Schlosser, dann aber durch seine Frau halb ein Flickschuster, halb durch seine eigene Brauchbarkeit Polizeidiener. Dieser vielseitige Mann hiess Mullrich. Die Flickereien alter Schuhe und Stiefelneue zu liefern übernahm Mullrich nichtbesorgte seine Frau, die diese arbeiten in Pech und Leder von ihrem ersten seligen Gatten gelernt hatte. Der zweite gab die Schlosserei auf, da er in die Lage kam, dem staat, dem Gerichts- und Polizeiwesen in treuen Funktionen zu dienen, zu deren äusserer Unterstützung sein mürrisches, brummiges Gebahren ihm sehr zu Statten kam. Die Vergünstigung, Vizewirt in diesem Communalhause der Brandgasse zu sein, verdankte er seiner polizeilichen Stellung; denn was gab es hier nicht in diesen Spelunken, in diesen Höhlen des Jammers und Verbrechens zu beobachten! Der ehemalige Schlosser war ein Dietrich der Polizei geworden.

Seine Freiwohnung bestand aus zwei Stuben, nebst einem Kamin auf einem dunklen Vorplatze, Alles im tiefsten Kellergeschosse des Hauses Brandgasse Nr. 9. Man behauptete, die kinderlosen Mullrichs hätten durchaus nicht nötig gehabt, in einem Souterrain zu wohnen, das bei den Frühjahrsüberschwemmungen oft unter wasser geriet und bei dieser gelegenheit mit Glück die höhere Rattenjagd zu betreiben erlaubte; allein man nannte dieses würdige Ehepaar geizig, eine Meinung, die wir durch das Wohnenbleiben in diesem Freilogis doch kaum bestätigt finden möchten. Ein Freilogis ist für jeden Stand eine so unschätzbare "Gabe Gottes", dass sich Frau Mullrich, von der wir diesen Ausdruck entlehnen, hätte der Sünden schämen müssen, wenn sie es aufgegeben hätte; zu geschweigen, dass die Einnahme von ihrem Verdienste als Flickschusterin noch durch die günstige Lage des Ortes und jene Superiorität unterstützt wurde, die der Vizewirt dieses Hauses nicht nur über einige leidlich respectable Einwohner des Vorderhauses, sondern über das ganze Gewimmel von drei grossen Hinterhöfen behaupten durfte. Auch in polizeilicher Hinsicht hatte Mullrich durch dies Freilogis, das er im Frühjahr mit den Überschwemmungen und dem Hervortreten des Grundwassers und in allen Jahreszeiten mit den Ratten zu teilen hatte, doch so viele Annehmlichkeiten, dass er die gelegenheit, hinter manche Diebshehlerei zu kommen und sich in seinem Spionirberufe preiswürdig zu betätigen, nicht gern aufgab. Frau Mullrich war eine Dame, die die emsigste Tätigkeit liebte. Wer weiss, ob sie in einem bessern Quartier hätte auf