stritt mit einer Heftigkeit, dass die Grazien flohen. Drommeldei war längst schon zu Egon's Krankenbett ins Hohenberg'sche Palais gefahren, Graf Franken in die "kleinen Cirkel". Graf Brenzler, Baron von Ried hielten nicht mehr Stand gegen die scharfe Logik des Majors. Endlich ging auch dieser, nachdem er Paulinen viel Artiges gesagt und die universale Geschäftstätigkeit des Justizrats bewundert hatte, der ihm einen Kopf wie ein Repositorium mit tausend Fächern zu haben schien.
Was wollen Sie mit ihm? Doch kein Prozess? fragte Pauline.
Angelegenheiten meiner Frau ...
Wie geht es ihr?
Sie sollten uns besuchen! Sie sollten ihr Bild sehen. Sie lässt sich für eine alte Gönnerin ihrer Familie in einem polnischen Kloster malen.
Von Ihrem Protégé, dem bizarren Leidenfrost?
Von einem jungen talentvollen Maler, Namens Wildungen! Sehen Sie sich ja das Bild an! Es wird vortrefflich! Gute Nacht, liebe Geheimrätin!
Damit ging der Major und liess Paulinen in Erstaunen zurück, hier wieder den Namen Wildungen zu hören ...
Die Trompetta und die Flottwitz hätten jetzt gern das Feld allein behauptet und noch mit der Geheimrätin über Wahlen und mancherlei Demonstrationen, besonders über den "Bazar" zum Besten der verwundeten Krieger, ja schon über die grosse vorbereitete Weihnachtsbescherung in den Kasernen gesprochen ...
Allein sie sagte ganz kurz und schroff:
Lasst mich heute mit Eurem dummen Zeug in Ruhe! Gute Nacht!
Die beiden Inseparables gingen verdrüsslich. Doch hatten sie im Wagen der Trompetta reichlichen Stoff zur Erörterung aller Vorkommnisse dieses Abends. Sie glossirten auch darüber, dass der einzige und letzte von Allen, der zurückblieb, wirklich der Maler Heinrichson war ...
Heinrichson musste jeden Abend bei solchen Gelegenheiten die Schlusssentenz, gleichsam die Moral des Abends, aussprechen ...
Wie ist Ihnen, Pauline? fragte er auch heute.
Still und bewegt! antwortete sie mit Goete und reichte dem Freunde die Hand zum Kusse und zum Abschied.
Melanie aber war unten von ihrem Bedienten empfangen und in den Wagen geleitet worden, auf dem Neumann inzwischen wohl geschlafen hatte ...
Es mochte fast zehn Uhr sein.
Die Luft war, man fühlte es an den geöffneten Fenstern der Villa, linde und mild. Zitternd bebten in ihrem Glanz am dunkelblauen reinen Himmel die Sterne; nur da und dort zog über sie her ein Nebelschleier, der vielleicht nur der Widerschein von unzähligen unsichtbaren Sternen war.
Noch einen flüchtigen blick warf Melanie durch den Vorgarten fliehend auf die hellerleuchteten Fenster des oberen Stockes, bewunderte die elegante Einrichtung des Vorbaus, die sorgsame Pflege der Beete ...
Fliehend, sagten wir. Denn der jungen Excellenz, die ihr schon auf der Treppe nachgetrippelt kam und durchaus noch mit ihr sprechen wollte, mochte sie nicht Rede stehen.
Als sie im Wagen sass und dieser langsam durch die andern, die auf ihre Herrschaften warteten, sich durchwand, ergriff sie Mismut und Schmerz.
Sie hatte die leidenschaftlichsten Eingebungen ihres Ehrgeizes niederzukämpfen und fühlte aus Gründen, die ihr selbst nicht klar waren, einen unaussprechlichen Neid gegen Helene d'Azimont, in der sie etwas entdeckt hatte, was sie selbst nicht besass ... Seelen-Poesie.
Sie musste sich gestehen, dass es Menschen gibt, die um sich her, selbst wenn sie stumm und dem Allgemeinen abgewandt scheinen, einen Zauber verbreiten, mit dem die vergängliche und noch so blendende wirkung der Schönheit keinen Vergleich aushält.
Melanie war besonnen genug, sich zu sagen, dass sie sich diesen geheimnissvollen Reiz nicht geben konnte. Sie wurde geliebt von Menschen, die sie nicht wieder lieben konnte. Selbst diese heutige Scene mit Siegbert Wildungen! Dies war nicht jener unternehmende, starke, sie bändigende, sie in Asche verwandelnde Geist! Dem gegenüber war sie nicht Sklavin und auch nicht Fürstin! Sklavin an sich nicht, aber auch eine Herrscherin nicht. Sie hätte ihren Sklaven geringschätzen müssen und Das konnte sie wiederum mit Siegbert nicht. Dankmar aber! Dankmar! Das war ein Sehnsuchtston, der durch ihr Inneres wehklagend rief. Wie gewann Dankmar wieder, wenn sie ihn verglich mit den Männern, die sie eben im Salon der Geheimrätin gesehen hatte! Dieser Reichmeier, dieser Heinrichson! Wie verächtlich erschien ihr diese Gattung von Salonmenschen, die ihr Glück durch eine Lüge machen und die Petitmaitres vornehmer Launen sind! Selbst Lasally, der sie liebte und dabei offen gestand, dass er durch ihr Vermögen doch nur sich und seine Pferde retten wollte, selbst der war ihr bedeutender und erschien ihr liebenswürdiger ... Lasally log doch nicht! Es war ein blasirter, desparater, mürrischer, junger Mann; aber er kam von allen Männern, die sich ihrem Herzen eingeprägt hatten, Dankmarn in der Tat am nächsten!
In diesem Augenblicke gedachte sie auch Hakkert's ... Kaum hatte sie mit Grauen der Worte sich erinnert, die Pauline sprach, dass den Mangel an Tugend ihr nur ein Bettler verzeihen würde oder ein Fürst, als ihr etwas Entsetzliches geschah ...
Sich allein im Wagen glaubend, rollte sie durch die sternenhelle Nacht, drückte die Augen zu, hüllte sich in ihren Shawl und glaubte sich nur von dem kühlenden Luftauche belauscht, der durch die herabgelassenen Fenster des geschlossenen Wagens strömte ...
Da fühlt sie sich plötzlich von einem kräftigen Männerarme umfangen und ein stürmischer Kuss brennt auf ihren Wangen ...
Der Todesschreck hinderte ihren Aufschrei.
Sie fuhr in dem niedrigen raum empor ...
Der aber, der