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erfuhr ich soviel, dass wirklich jenes Bild dem Prinzen von Wert ist und von einem jungen Mann, Dankmar Wildungen, der ihm befreundet scheint, ohne Zweifel in seinem Auftrage und durch Melanie's Vermittelung in einen Besitz genommen ist, dem man ihm nicht bestreiten kann. Denn die Familienbilder bleiben den Hohenbergs.

Durch Melanie's Vermittelung? sagte Pauline überrascht. Gestand sie Ihnen Das? Dankmar Wildungen? Wer ist Das?

Ich durfte sie nicht examiniren, antwortete Schlurck, sich nach seiner Tochter umsehend. Sie ist aufgeregt! Ich konnte nur Aussagen Anderer zusammenstellen, die meiner Frau, die Beobachtungen Bartuschs: genug, wenn Sie noch an dem Bilde hangen

Um Alles in der Welt!

Ihre Freundin, diese liebenswürdige d'Azimont, sichert Ihnen ja Amandens Sohn. Was fürchten Sie?

Glauben Sie Das? Sie irren sehr! Egon und Helene haben gebrochen ...

Eine so schöne einnehmende Frau wird den Genesenden leicht versöhnen. Sie erhalten dann die Denkwürdigkeiten in aller Güte von ihm. Bis dahin verachten Sie die Welt um so mehr, als Sie ja Ihrer politischen Rolle eine neue Diversion geben und zur Opposition zu gehen scheinen! Ich sehe schon, wie die Trompetta und das loyale Wunderkind da diese Beziehung zu dem neuen Catilina, dem Major von Werdeck, verbreiten wird. Die Tür der "kleinen Cirkel" öffnet sich, wenn nicht aus Liebe zu Ihnen, doch nun aus Furcht ...

Um so mehr muss die Vergangenheit beseitigt seinantwortete Pauline, des Spottes gar nicht gewahr werdend.

Man möchte glauben, Sie hätten einen Mord begangen.

Wer weiss! sagte Pauline lächelnd.

Schlurck sah Paulinen gross an und zog die goldne Brille in die Höhe. Da er aber an Paulinens Auge abnahm, dass sie, wenn auch gewaltsam, doch scherzte, zog er die Brille wieder herab und langte auf's neue seine Dose aus der tasche.

Was foltr' ich Sie? sagte er. Sie überhörten vorhin einen Namen: Dankmar Wildungen. Morgen früh stellt die Polizei in der wohnung zweier Brüder Siegbert und Dankmar Wildungen eine Recherche an. Der Obercommissär Pax, der Schützling Ihrer guten Madame Ludmer, deren Empfänglichkeit für die neuen Fortschritte der Kochkunst ich immer geschätzt habe, musste mit in unser geheimnis gezogen werden.

Welches geheimnis? Wer sind denn diese Wildungen?

Schlurck nahm Anstand, seiner Alliirten das Misverständniss auseinanderzusetzen, das er durch seinen Geldermann-Deutz zuerst im Heidekrug veranlasst hatte. Er begnügte sich zu wiederholen:

Sie erinnern sich von heute früh, gnädige Frau, dass ich vom Prinzen Egon wunderliche Dinge über seinen Anteil an der Johannitererbschaft und Ähnliches sprach. Alle diese Voraussetzungen haben eine andre Wendung bekommen, seitdem sich herausgestellt hat, dass ein gewisser Dankmar Wildungen es gewesen ist, den man in Hohenberg für den Prinzen Egon nahm. Dankmar Wildungen ist ein Verbündeter des Prinzen. Ihm gelang es, – wie Melanie daran beteiligt ist, weiss ich nicht, – das Bild der Fürstin Amanda sich anzueignen. Er besitzt es ... Wir aber entnehmen es von seinem Zimmer morgen in aller Frühe ...

Pauline erschrak über diese Eröffnung, erschrak über den Schein der Gewalttat.

Sie fürchten das aufsehen? fragte Schlurck.

Ich glaube, Sie wollen mich verderben, meinte Pauline. In dieser Zeit! Bei solchen Wirren dergleichen extreme Schritte?

Ist Das mein Dank, dass Sie mich für beschränkt halten? antwortete Schlurck in seiner ganzen Behaglichkeit. Die Recherche hat einen völlig gesetzmässigen Zweck. Dankmar Wildungen hat sich in der Stadt Angerode eine eigenmächtige Gewalttat erlaubt, eine Aneignung öffentlicher Dokumente. Glücklicherweise sind sie in die hände der Gerichte gefallen; allein, da anzunehmen steht, dass er sich mit Dem, was man wiederfand, nicht begnügte, so werden die Beteiligten sorge tragen, um so mehr noch eine Haussuchung bei ihm vorzunehmen, als sich des kecken jungen Mannes Spur seit einigen Tagen verloren hatVerstehen Sie nun?

Sehr gut! Man nimmt bei dieser gelegenheit auch jenes Porträt, wenn es sich findet?

Es findet sichEgon ist seiner Krankheit wegen unzugänglich. Was bei ihm abgegeben wird, geht durch die hände der Wandstablers ...

Ist jene Angelegenheit, die Grund zu der Recherche abgeben muss, bedeutend genug, um für sich allein eine so gewaltsame Handlung zu entschuldigen?

Es ist die Angelegenheit wegen der Johannitererbschaft.

Wie kommt aber jener verschmitzte junge Freund des Prinzen in so verwickelte Verhältnisse?

Das interessirt mich selbst. Vorläufig frag' ich: Mach' ich es recht?

Sie sind ein Zauberer! antwortete Pauline holdselig und ihre Brust atmete wie erlöst und neu belebt.

Das sagen Sie dem schönen eleganten Herrn dort, der eifersüchtig zu uns herüberschielt ...

Schlurck zeigte auf Heinrichson, der die Metode, ältere Damen zu verwirren, sehr wohl verstand und nur herübersah, um sich gleichsam eifersüchtig zu zeigen, was er nicht im mindesten war.

Mich aber entschuldigen Sie, liebe Freundin, dass ich mich nun heimlich nach einigen Worten mit dem höchst vernünftigen, aber unbesonnenen Major von Werdeck empfehle und Melanie allein zurücklasse. Der Wagen wartet auf sie. Sie bedarf meiner nicht.

Was haben Sie denn noch? Man servirt ja jetzt den Liebhabern erst gefrorenen Champagner. Sie Vortrefflichster aller Vortrefflichen! Wir bleiben nun erst recht beisammen, hören Sie doch! Die Flottwitz singt!

Lassen Sie mich mit der Flottwitz und mit dem Gesang! Um den Champagner tut es mir leid. Ich muss in die Loge