Bart; die starken Augenbrauen jedoch waren ganz schwarz und gaben dem scharfen, habichtartigen Blicke eine Kraft, die niederschmetternd wirkte. Beim Sprechen entdeckte man in dem schönen mund die weissesten Zähne. Stirn und Schläfe waren edel und klar. Nur um den Mund lag eine gewisse Bitterkeit, die den Zügen des Antlitzes manchmal einen mephistophelischen Ausdruck gab, ohne ihn jedoch unheimlich oder beängstigend erscheinen zu lassen. Er trug eine Infanterieoffiziersuniform, die auf der Brust nach unten zu halb gelüftet war und ein Gilet von weissem Piquet sehen liess, und Epaulettes.
Es war dies jener uns schon bekannte Major von Werdeck, ein Offizier, der früher nur seinem militärischen Berufe und mancherlei Studien gelebt hatte, seit dem neueren Umschwunge der Zeit aber vielfach in politischen Kreisen gesehen wurde und durch manche scharfe Äusserung, die man von einem mann seiner Stellung nicht erwarten wollte, hier und da schon aufgefallen war. In neuester Zeit war auch er in den Reubund getreten, wie Viele versicherten mit der bestimmten Absicht, ihn zu sprengen. Dies unerhörte Attentat auf einen Verein, der es sich zur Aufgabe gestellt hatte, alle die von dem Trone gegebenen Concessionen zurückzugeben und gleichsam ihre Erteilung zu bereuen, hatte ihn fast isolirt. Auffallend genug war es daher, dass er im Salon einer früher sehr eifrigen Reubündlerin, Pauline von Hader, erschien. Pauline hatte ihn aber ausdrücklich ersucht zu kommen; denn sie war jener Ultra-Partei müde und längst auf den Gedanken geraten, eine gewisse Opposition gegen das Allgemeine gäbe ihr doch wohl am Ende mehr Relief als das ewige Huldigen und Anerkennen.
Major von Werdeck kam ohne seine Gemahlin, die, eine geborne Kaminska, zu den lebhaftesten Opponentinnen der Gesellschaft gehörte. Man hatte schon vielfach an dieser Frau Anstoss genommen, ihr aber als einer Polin die extremen Äusserungen hingehen lassen. Dem Gemahl aber, von dem man anfangs erwartete, er würde ganz in seinem militärischen Bereiche verbleiben und diese häusliche "Wühlerei" nicht auf sich wirken lassen, galt im Geheimen schon die allgemeinste Entrüstung der Kreise, in denen diese beiden Gatten lebten. Es erregte eine offenbar beklemmende Stimmung, als Major von Werdeck hier so unbefangen eingetreten war und sich gleich als Opponent gegen die gemeinschaftliche Empfindung äusserte.
Als ihn Pauline begrüsste und ihm gedankt hatte für die Annahme ihrer Einladung, antwortete er, seine Frau entschuldigend, mit feinem Lächeln, er würde sich nicht haben entschliessen können, heute Abend eine Vorlesung auf der Universität – Major von Werdeck schrieb sich dort alle Vorlesungen nach, die er hörte – zu versäumen, wenn er auf dem Zettel der Einladungen nicht auch Herrn Justizrat Schlurck bemerkt hätte – er grüsste diesen – er hätte ihn dringend zu sprechen ...
Schlurck verbeugte sich überrascht ...
Doch bitte' ich, sagte der Major, meine Privatangelegenheiten sollen die Erörterung wichtiger Dinge, z.B. die Cadettenfrage, nicht stören. Sie wollten etwas sagen, fräulein?
Die Flottwitz bemerkte kühn und voll Verachtung vor diesem Offizier:
Längst, weiss man es, Herr Major, dass die Demokraten Sie zum künftigen Generalfeldmarschall auserkoren haben. Die neuesten Schwankungen des Reubundes sind Ihr Werk! Sie haben darauf angetragen, ich weiss nicht, ob im Ernst oder aus Ironie, dass Jeder von dem Bunde der Reue ausgeschlossen wird, der eine Tochter zu verheiraten hat!
natürlich wurde über diese Bemerkung, trotz des Abscheus gegen Werdeck, gelächelt ...
Major von Werdeck wählte sich eben aus einer Schüssel von Riz glacé aux confitures einige eingemachte Kirschen und erwiderte, ohne aufzublicken, ganz ruhig, aber sehr scharf:
Mein verehrtes, gnädiges fräulein von Flottwitz! Sie sind bekannt für eine Schwärmerin! Sie glühen wirklich für den Tron, dem Ihre Väter so viele Orden verdanken! Die Andern sind aber leider nicht so uneigennützig. Die Andern denken grösstenteils nur an ihr irdisches Wohl und würden auch den Kosacken Weihnachtsbäumchen anstecken, wenn ihnen die Kosacken stilles Familienglück, eine Pension und gute Schwiegersöhne garantiren. Es gibt Menschen, denen unbedingt verboten werden müsste, politische Meinungen zu haben oder wenigstens sie zu äussern. Ich rechne mehr Gattungen dazu, als ich in diesem Augenblick aufzählen darf; aber unbedingt sollten von allen politischen Demonstrationen diejenigen Väter ausgeschlossen werden, die mehr als drei Töchter zu verheiraten haben ...
Diese Bemerkung schien auch gegen politisirende Frauen gerichtet und endete vorläufig den unerquicklichen Streit.
Werdeck sah sich nach Schlurck um, der ihm freundlich entgegenkam und an ein Fenster tretend Rede stehen wollte ...
In demselben Augenblick aber schlüpfte auch der Arm der Geheimrätin unter den des Justizrates und Schlurck wurde in das türkische Zelt gezogen.
Es hat Zeit! sagte Werdeck und verbeugte sich sehr artig gegen die Wirtin. Er sprach inzwischen mit den Malern und erkundigte sich angelegentlich nach Leidenfrost, der ihm, wie wir wissen, Siegbert Wildungen zum Malen eines Porträts seiner Frau empfohlen hatte ...
Schlurck führte indessen die Geheimrätin in das türkische Zelt und begann:
Meine teuerste Gönnerin! Endlich ein ruhiger Augenblick ...
Ich brenne vor Ungeduld, dass Sie endlich sprechen, sagte Pauline. Welchen tröstenden Brief haben Sie mir geschrieben! Was gibt es Günstiges?
Ihr Scharfsinn hat manches Richtige geahnt; ... sagte Schlurck und spielte mit seiner Dose. Meine Tochter beichtet aber nicht und da Sie das kleine Ding nun heute gesehen haben, was denken Sie selbst aus ihr ergründen zu können?
O dies wunderbare Mädchen hat einen Willen! Ich sehe, dass ich da auf Alles verzichten muss ...
Dennoch