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Das war ein Begrüssen, ein fragen, ein Forschen! Aber Melanie kehrte sogleich auf die Worte zurück, mit denen sie, um den armen Henning von Harder von weiteren Inquisitionen zu erlösen, der Unterhaltung eine andere Wendung hatte geben wollen.
Es ist nur gut, süsses Kind, begann darauf erwidernd Frau von Trompetta mit künstlichem Schmollen, dass Sie Ihr Unrecht einsehen und von selbst auf diesen Gegenstand kommen. Sie haben diesen schönen Concerten für lange den Todesstoss gegeben, Sie böses Kind!
Wie so? fragte Melanie. Durch meine Antipatie gegen die Tiere oder meine geringen Gesangsmittel?
Pauline wünschte zu wissen, wovon die Rede war.
Frau von Trompetta ergriff, mit aller in diesem Falle wegen Anna's von Harder zu beobachtenden Discretion, das Wort und erzählte von den musikalischen Akademieen ihrer Schwester, den Zerwürfnissen der verschiedenen Singstimmen und dem Austritte des Fräuleins Schlurck ...
Seitdem haben wir erlebt, schloss Frau von Trompetta, dass die Zahl der Tenöre und Bässe sich auffallend lichtete. Ein Assessor, zwei Referendare und drei Lieutenants sind gleich nach dem fräulein fortgeblieben. Sie können sich denken, welche Lücke Das gibt! Die gute Anna ist in Verzweiflung und unsere Absicht, nun den Paulus von Mendelssohn-Bartoldy zu versuchen, müssen wir geradezu aufgeben.
Melanie stellte die Gefahren, die sie dem Paulus gebracht hätte, ganz in Abrede. Der Assessor wäre versetzt worden, die beiden Referendare wären in einem grossen Prozesse beschäftigt, den die Regierung mit der Stadt führe und was die drei Lieutenants anlange, so hiesse das gradezu für fräulein von Flottwitz das Empfindlichste sagen, da es nur eines Wortes aus ihrem schönen mund bedürfe, um sie wieder unter die rechtmässige Fahne zurückzubringen.
Friederike Wilhelmine von Flottwitz entgegnete hierauf mit vieler Ruhe und der vollen Wucht ihres schönen klangvollen Organs:
Es ist besser, fräulein, die Akademieen bleiben einige Zeit ausgesetzt, bis die Wahlen vorüber und die ersten Sitzungen der neuen Kammern so geordnet sind, dass man weiss, ob die gute Sache keine Gefahr zu befürchten hat. Es lebt ja Alles unter dem Druck der ungewissesten Zukunft. Die Demokraten wühlen mit unerhörter Dreistigkeit.
Der Kriegsrat Wisperling unterbrach die Sprecherin mit den untertänigsten Worten:
Wie uns fräulein von Flottwitz eben von ihrem Herrn Bruder erzählt hat ... Schauderhaft!
Wer kann singen, wollte die Flottwitz fortfahren, wer kann singen, wenn ...
Ihr Herr Bruder? fragte Kammerherr von Ried. Was ist denn Neues? Was ist denn schon wieder schauderhaft?
O es ist unerhört! meinte Wisperling und spannte noch mehr die Neugier des reichen Herrn von Ried, der wieder ein neues Attentat auf die besitzenden Klassen vermutete.
Man wünschte Aufklärung, was mit dem Bruder des Fräuleins geschehen wäre.
Mein Bruder Wilhelm Friedrich, begann das fräulein ...
Der Lieutenant? unterbrach sie Melanie.
Nein der Cadett –
Der zweite Cadett?
Der dritte –
Ihr fünfter Bruder?
Der vierte –
Sie meinen doch Friedrich Heinrich Wilhelm –
Nein, Wilhelm Friedrich –
Ah, der, dem sich jetzt die stimme setzt? Richtig! Nun?
Wilhelm Friedrich ging gestern über die rasende Rolandsbrücke. Da trat ein Demokrat geradezu auf ihn ein, schlug ihm vertraulich auf die Schulter und fragte: Nun Herr General! Wie viel kostet denn die Schachtel von Ihrer Sorte?
Ah! rief fast Alles mit höchster Entrüstung.
Man trat näher, man bat diesen Vorfall noch einmal zu erzählen, man war ausser sich. fräulein von Flottwitz erzählte ihn noch einmal mit erhöhterer Glut, als schon das erste und zweite Mal. Ihre zarte, durchsichtige Haut färbte sich, die hellblauen Augen schienen Funken zu sprühen, ihre blonden Locken strich sie mit einer raschen Handbewegung zurück und setzte, als sie geendet, hinzu:
Im weiblichen Reubund hat der Vorfall allgemeine Teilnahme gefunden! Welche Verwilderung, wenn die heiligsten Besitztümer des Vaterlandes, die Bürgschaften unserer Kraft und Stärke vor dem inneren und dem äussern Feinde, nicht mehr sicher sind! Mein Bruder Wilhelm ist von dem Vorfall krank geworden und liegt zu Bett ...
Die Trompetta fügte ergänzend hinzu:
Ja! Der empörende Vorfall hat gelegenheit zu einer sinnigen Demonstration gegeben. Die Baronin von Astern und die Hoflieferantin Herold schlugen im Reubund wie aus einem mund vor, dem Cadetten von Flottwitz eine Säbeltasche zu sticken, die wir ihm aufbewahren werden, wenn er einst zu den grünen Husaren abgeht.
O Das ist schön! O Das ist charmant! rief wiederum fast Alles einstimmig. Nur eine männliche stimme, die bisher nicht vernommen war, legte zum allgemeinen Erstaunen folgenden Widerspruch ein:
Um dem kleinen erschrockenen Cadetten von Flottwitz III. tut mir's leid. Aber wir leben ja nun einmal im gegenseitigen Kriege. Unsere Offiziere verhöhnen jeden Bart, jeden grauen Hut; so verhöhnen die Bärte und grauen Hüte wieder unsre kleinen Spielereien. Wenn man die Cadettenhäuser aufhöbe, würde man jedenfalls den Federungen unsrer Zeit am besten entsprechen. Alle achtung für Ihren kleinen Bruder, (denn ich wünsche, dass er die unverdiente Säbeltasche bei den grünen Husaren einst mit Ehre trage), aber solche Conflikte sind nicht zu vermeiden, wenn der König diese kleinen Repräsentanten des alten soldatischen Kastengeistes noch so herumlaufen lässt. Die Zeit der Cadetten in dem alten Sinne ist vorüber.
Der Sprecher dieser mit lautlosem Befremden aufgenommenen, bittern Worte war selbst Militär. Eine hagere Figur, mehr gross, als mittel. Sein Hauptaar war in sonderbarem Widerspruch zu der Jugendlichkeit seiner Züge grau, ebenso der