1850_Gutzkow_030_29.txt

das allgemeine Landgericht.

Dankmar empfand jetzt fast Reue über die entschiedene Art, wie er Hackert entgegengetreten war. Er sprach da so kundig über Rechtsverhältnisse, dass fast ein collegialisches Gefühl in ihm auftauchte. Um Hackert's zurückgekehrte gute Laune im zug zu erhalten, sagte er:

Ihre Schilderung ist nicht übel. Apropos! Sie erwähnen den Fürsten von Hohenberg. Wissen Sie etwas von ihm? Ich wunderte mich, was mein verdammter Fuhrmann von einem Balle auf dem schloss fabelte. Der alte Fürst Waldemar von Hohenberg ist tot. Der junge Prinz Egon ist ja wohl verschollen?

Prinz Egon, sagte Hackert, der über diese Verhältnisse allseitig unterrichtet schien, Prinz Egon ist in Paris oder sonstwo und kommt schwerlich mehr nach Hohenberg zurück. Wenn die herrschaft nicht zu haus ist, halten Hunde und Katzen Hof. In Hohenberg auch die Füchse und Wölfe und Blutegel. Die drei Hauptcreditoren der fürstlichen Masse sind vor ein paar Tagen hinaus mit Kind und Kegel, um Luftbäder zu nehmen. Justizrat Schlurck isst gern Forellen, frisch aus dem Murmelbach, wie die Frau Justizdirectorin sagt, die Schlurck's schwache Seiten kennt ......

Hat denn Schlurck die Curatel auch über die Hohenberg'sche Masse? fragte Dankmar, der den Namen des gefeierten und vielgesuchten Advocaten Franz Schlurck sehr wohl kannte.

Wo hätte Franz Schlurck nicht seine Finger im Spiel! war Hackert's scharfbetonte Antwort. Seit dem tod des Fürsten von Hohenberg geht dort Alles durch seine Hand, bei Lebzeiten des Fürsten war er schon Administrator. Es ist prächtig Das mit so einer Administration! Die Gläubiger jagen den Besitzer von Haus und Hof, setzen einen Verwalter über die verschuldeten Häuser und Güter, lassen Den den Rahm oben abschöpfen und nehmen Das, was zuletzt von dem Spasse übrigbleibt, als Abschlag für die Zeit, wo's besser wird. Alle Jahre feiern sie eine allerliebste Assemblée, die sie die Besprechung der Masse-Creditoren nennen. Man rechnet erst, man schimpft, man droht, man lärmt, aber Abends ist Ball, Versöhnung, Händedruck und wohl auch "Gänschen, du liebes Gänschen, was rasselt im Stroh!"

Die letzten Worte sang Hackert mit frivolem Ausdrucke und nach bekannter volkstümlicher Melodie.

Dankmar fühlte zwar, dass Hackert aus seinem Schreiberamte eine vielfach unterhaltende Bekanntschaft mit allerhand Privatändeln sich erworben hatte, mochte ihm aber doch, um seine eigenen Angelegenheiten bewegt, in den inneren Zusammenhang seiner Ansichten und Empfindungen nicht zu weit folgen. Er begnügte sich, auf alle diese Mitteilungen vorerst zu schweigen. Auf die Längedie Uhr einer Dorfkirche schlug die zwölfte Stundefühlte er eine Anwandlung von Schlaf. Wirklich sah er auch nur mit halbwachem Bewusstsein, dass sie in ein stilles Örtchen kamen, wo nicht einmal das Bellen eines Hundes sich hören liess. Ein Brunnen plätscherte laut vor einem haus, das vielleicht eine Herberge war. Dankmar sah notdürftig, dass Hackert abstieg, den Gaul bei Seite und an den Brunnen führte. Hackert nahm ihm die Halfter ab und liess ihn an den Rand des Wassers. Dabei langte er ein Stück Brot aus der hintern Rocktasche und teilte mit dem Gaul. Ein grosses Messer, das er aufklappte, schnitt bald für das Tier, bald für ihn einen Bissen ab. Auch in das Wasserbekken des Brunnens beugte sich Hackert, trank wie der Gaul und klopfte dann die Tropfen ab, die ihm dabei auf Halstuch und Weste gefallen sein mochten. An diesen sorgsamen Verrichtungen hatte Dankmar, durch die müden Augen blinzelnd, seine Freude. Sie gaben ihm so sehr das Gefühl der Sicherheit, dass er, ohne gerade Neigung für seinen Vordermann zu gewinnen, ihm doch volleres Vertrauen zu schenken anfing und den Schlummer immermehr über sich Herr werden liess.

Doch schlief er nicht so fest, um nicht zuweilen, aufgerüttelt von dem inzwischen wieder weiterrollenden Wagen, seinen Gedanken klarer nachzuhängen. Wie man so oft an sich erfährt, dass jede im ersten Sturme ergriffene Unternehmung nicht immer standhält, wenn die zu ihrer Ausführung notwendige Zeit langsam schleichend an uns vorüberzieht, so übermannte auch Dankmarn bald das Gefühl der Ergebung in Das, was das Schicksal über seinen Verlust nun würde bestimmt haben. Er konnte sich ausmalen, welche Freude ihm das Wiederfinden des Schreines bereiten würde; aber ebensosehr rüstete er sich auch schon auf die Gewissheit, dass er all den Plänen, die er an jene Entdeckung im Archivsaale des alten Tempelhauses geknüpft hatte, entsagen müsste. Er warf diese Tatsache wie so viele andere, denen der Erfolg fehlte, in jenes grosse weite Meer, auf dem schon so viel Hoffen untergegangen, so viele Träume gescheitert sind. Und das Gefühl einer gewissen Leere übermannte ihn so gewaltig, die Gleichgültigkeit gegen jedes Geschick überschlich ihn mit der schwindenden Kraft des jungen, schlafgewohnten Körpers so unwiderstehlich, dass er nach einiger Zeit sich aufraffend den mit grossen gespenstisch offenen Augen in die Nacht hinausstarrenden Hackert anrief:

Freund, ich will Ihnen sagen, woran wir besser tun.

Nun? fragte Hackert wie aus Träumen erwachend.

Beim ersten wirtshaus, das wir entdecken, halten wir, trommeln die Leute aus dem Schlafe, führen den Gaul in den Stall und schlafen im Bette oder auf der Diele oder im Stroh eines Stalles, gleichviel. Was meinen Sie?

Mir ist's recht, sagte Hackert und zeigte auf ein Licht, das in einiger Entfernung am Saume eines Waldes sichtbar wurde. Wo sind wir wohl hier?

kennen Sie nicht einmal den Weg, fragte Dankmar