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ja ein Roman! sagte Pauline erschüttert. Das ist ja furchtbar, entsetzlich! Ich sehe Das vor mir! Ein Bild, von dem man zu den Künstlern reden möchte ...

Und Sie sind parteiisch, Pauline? Denken Sie nicht an mich?

Helene!

Ich erhielt einen Brief von Egon, worin er von mir Abschied nimmt und mir schreibt, er müsse mich fliehen und die Mission seiner höheren Pflichten beginnen. Er reise in die Heimat. Ha! Pauline ... ich ihn ziehen lassen? Nein! Ich stürzte zu Desiré, der mein einziger Trost, mein einziger Freund war. Der Gute gab mir Geld und zeichnete mir selbst auf der Landkarte den kürzesten Weg vor, um den Geliebten einzuholen. Ich kam zu spät. Hier bewacht ihn jetzt der Tod und Armandder fürchterliche Rächer seiner Schwester. Ich habe Egon nicht wieder gesehen und wenn er stirbt, sind meine Stunden gezählt.

Erschöpft von dieser aufregenden Erzählung sank Helene Gräfin d'Azimont in die Kissen des Divans zurück.

Pauline suchte sie zu trösten. Sie verwies ihr die übergrosse Heftigkeit und den Sturm ihrer Empfindungen. Sie würde den Freund damit nur erkälten, sagte sie. Sie schilderte ihr, wie sie ihre Pläne mit Besonnenheit anlegen möchte. Sie pries das Glück, in solchen Dingen von einem guten Gatten nicht behindert zu sein, ja sie wies selbst auf die Möglichkeit hin, dass Rafflard hier zu einer Ausgleichung führen könne, da er den jungen Fürsten von Genf her kennen müsse. Sie bat sie ferner, diesen Schmerz ums Himmelswillen nicht zu sehr zur Schau zu tragen. Sie lebe nicht in Paris. Die Maximen der Gesellschaft hätten seit kurzem einen merkwürdigen Umschwung erlitten. Sie würde sich und alle ihre Freunde compromittiren, wenn sie diesen Roman hier so fortsetzte, wie sie ihn in Paris begonnen hätte. Der Hof wäre in solchen Dingen von einer unglaublichen Empfindlichkeit. Sie könnte sich den abscheulichsten Demütigungen aussetzen ...

Helene blickte auf und sagte stutzend:

Das Alles sind die Antworten einer Freundin? Einer Dichterin?

Pauline raffte den letzten Rest von Schwärmerei, der ihr zu Gebote stand, zusammen, warf das verlöschende Licht ihrer Augen noch einmal empor, dass das Weisse einen blitzenden Schimmer von sich gab, und sagte:

Helene! Ach, ich verstehe Sie ganz. Aber ...

Helene schluchzte.

Pauline hielt sie tröstend, aber auch seufzend, an ihrem "mitfühlenden Herzen".

Zweites Capitel

Begegnungen

Als sich Helene etwas erholt hatte, begann die junge schöne Frau mit leidender stimme:

Ich hörte die gute, kluge Freundin, ich schätze Ihren Rat, aber um Egon kann ich Alles dulden. Wie oft schon hat er in Zornausbrüchen mich in meiner Liebe gekränkt; ich fühle die Bitterkeit seiner Worte wohl und jammere, aber lieben muss ich ihn doch.

Machen Sie nur mich zu Ihrer Vertrauten; ich beschwöre Sie! Niemanden sonst! sagte Pauline dringend.

Ich versprech' es Ihnen, antwortete Helene. Ach, Sie sind glücklich. Ja! Sie sind Dichterin. Wenn Sie aus allen Adern bluten und Sie die Wunden, die Ihnen die grausame Welt schlug, dem tod nahe bringen, dann kommt die Muse als Trösterin und Sie können sich wenigstens Ihre eigene Grabschrift schreiben. Ich habe keine Kunst, die mich rechtfertigt; kein Talent, das mich tröstet. Musik! Ein wenig Musik! Aber nur im Tanze könnt' ich mich eigentlich aussprechen, im rasendsten Tanze. Wie ein indischer Shamane möchte' ich mich so lange um mich selbst drehen, bis ich rasend werde und tot niedersinke ...

Sprechen Sie von der Kunst nicht, liebe Helene,

sagte Pauline und legte die fröstelnde Hand auf Helenens heisse Stirn. Die Zeit der Kunst ist vorüber. Ich bin die nicht mehr, die Sie vor drei Jahren kannten, Helene. Die starken Gefühle sind einer frostigen, prüden Analyse erlegen. Nur die Unschuld noch wird bewundert und das Naive gross genannt. Tändelnde Kinder drückt man wie zarte Lämmer mit roten Bändchen und Silberglöckchen an's Herz. Die liebenden und aufopfernden Ehegattinnen sind die einzigen, die man von unserm Geschlechte noch anerkennt. Die Politik soll, wie man sagt, eine Art Reinigung der Gemüter geworden sein. Ich weiss Das nicht, aber es ist so; es soll so sein. Man muss sich vor den allgemeinen Tatsachen demütigen.

Es ist auch in Paris so, sagte Helene. Wenn aber

eine gewisse Stabilität wieder hergestellt sein wird, wird sich auch diese Verirrung legen.

Sie sagen: "Verirrung?" ... bemerkte Pauline

chelnd und fuhr fort:

Glauben Sie daran! Sie sind noch jung, Sie vermö

gegen noch alle diese Erscheinungen mit einem liebebedürftigen Herzen abzuwarten. Für uns aber, liebe Helene, lassen Sie uns besonnen sein. Sie werden hier bleiben, bis Egon wiederhergestellt ist. Auch ich nehme an Allem, was die Hohenbergs betrifft, den lebhaftesten Anteil. Sprach Egon niemals von mir, nie von den Harders überhaupt?

Egon war ein Franzose geworden. Er kannte Deutschland nicht mehr; antwortete Helene.

Liess er sich niemals auf das Leben seiner Mutter ein? bemerkte Pauline lauernd.

Ich weiss von ihr nicht mehr, als was ich von Ihnen erfuhr, sagte Helene aufrichtig und offen. Wer Amaranta bewundert, kann nur erschrecken, dass Egon Amarantens Sohn sein soll! Lassen Sie! Lassen Sie! Ja! Ja! Man sagte mir Das. Was tut Das?