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Auge, dem lächelnden Mund, um den ein gewisser Schmerz die ganze Seele verkündete – o Pauline, ist es denn möglich, dass Das war! Dass ich ihn zwei ganzer, voller, wie eine göttliche Minute dahingerauschter Jahre mein nennen konnte. Mein, meinund danndann –!

Sie regen sich auf Helene! Lassen Sie Das! Erzählen Sie nicht! Une rupture! Das sagt ja Alles! Ich kenn' es ...

O, in dieser Form nicht! Pauline, in dieser Form nicht! sagte Helene dumpf. Das war ja nichts, was Menschen ertragen können! Das war ja nichts von dem Jammer aller Derer, die schon vor uns am gebrochenen Herzen starbenPauline und wenn ein Messer vor meiner Brust zückte und Jemand sagte: Ich lass dich leben, aber du hast Das erlebt, so würde ich antworten: Lass mich sterben; nur nicht das erlebt! Da, da sass ich auf einem Sopha, es war dasselbe, auf dem einst jenes Mädchen sich erholt hatte ... sein Arm war um meinen Nacken geschlungen, ich sog die Küsse der Liebe von seinen Lippen ... da tritt ein Handwerker ein, den ich seit einiger Zeit angenommen hatte, um meine Villa schöner zu schmücken. Desiré war in Paris. Ich wohnte in Enghien ... Egon in der Nähe. Meine Phantasie hatte ein Spiegelzimmer erfunden, mit dem ich ihn überraschen wollte. Ach! Egon bewunderte meine Phantasie im Erfinden! O, sagte er oft, Helene, du bist die Göttin des Erfindens! Du bist eine Schöpferin, eine Künstlerin des Lebens! Deine Phantasie ist orientalisch! Man sieht, dass du eine Nachbarin der Cirkassierinnen warst ... O Pauline ... der unglücklichste Zufall führte mich auf einen gewissen Louis Armand, den Bruder jenes Mädchens, in deren intriguantem Netze der arme Egon Jahre lang geschmachtet hatte. Louison hiess dies Mädchen. Schon von Lyon aus hatte sie den aus der Pension in Genf entflohenen halb unreifen Knaben zu all' den Torheiten verleitet, die hier und in Paris das Gelächter der grossen Welt machten. Egon wusste nichts von den geheimnissvollen arbeiten dieses Armand, nichts von den Malereien eines deutschen Malers, Reichmeier, der mir heute aufwarten wollte und den ich zu Ihnen beschied ... Vergeben Sie mirdie Maler haben ja Zutritt bei Ihnen ... ich sehe NiemandenNiemandenSind Sie nicht bös?

Pauline schaltete ein: Bitte! Er soll mir willkommen sein! und freute sich zugleich über die Aussicht, dass die Gräfin trotz ihrer furchtbaren Aufregung für den Abend vielleicht nun bleiben würde ...

Helene fuhr fort:

Einige Tage war Armand nicht gekommen. unwillig hatte' ich ihm geschrieben und meinen Leuten gesagt, ich wollte ihn selbst sprechen, um ihn für seine Nachlässigkeit zu zanken. Da tritt er ein, schwarzgekleidet. Egon springt auf: Louis! ruft er. Ich ahne, dass er ihn kennt. Ohne auf Egon zu merken, antwortet der Handwerker: Madame la Comtesse, ... Sie haben Recht, meine Verzögerung zu tadeln, aber Sie werden entschuldigen, dass ein Bruder am Sterbebette seiner Schwester ... seine Pflichten als Arbeiter vergisst. Ich bin im Begriff, sie heute zu begraben und kam selbst nach Enghien, nur um mich auch für heute noch zu entschuldigen ...

Das ist ja entsetzlich! rief Pauline. Das war Louison? Und Egon?

Egon, fuhr Helene in fieberhafter Aufregung fort, Egon hört diese dumpfen Worte meines Mörders, stösst mich zurück, mich Helene, die sich ermannen und den Störenfried entfernen wollte, ruft: Louison ist tot! und reisst sich von mir los und den Bruder mit sich fort. Meine Leute hielten mich, denn was lag denn mir daran, dass man mich für eine Rasende hielt! Ich sah, dass Egon nach Paris zurückwollte, ich ahnete, dass er sich von mir trennen konnte; denn furchtbar war, was er mir von der Macht dieses Armand über sich geschildert hatte. Ich sah Alles vor mir, hielt ihn krampfhaft mit den Armen, warf mich auf die Schwelle vor die Tür des Hauses und schrie: Tritt mich Egon, ehe du mich verlässest, mich die Lebende um die tote! Mein Haar war aufgelöst, meine eiskalten hände bebten, meine Zähne klapperten vor Fieberfrost ... Und EgonEgon schritt über mich hinweg ... schritt über mich hinweg!

Ha, er flog an den Bahnhofschon war zufällig das zweite Zeichen gegeben worden. Als ich aus meiner Betäubung erwachte, ein Pfiff, er war davon, ich allein. Er hatte mich zurückgestossen, mich, die ihn liebte und ihn noch liebte, als er sie verliess! Ich fuhr nach Paris, ach! und konnte seine Spur nicht entdekken. Nur auf dem Kirchhofe des Boulevard Montmartre draussen bei den Batignolles wollte man einen jungen Mann bei dem Leichenbegängniss der Louison Armand gesehen haben, der dort die Öffnung des Sargdeckels verlangte und die Leiche mit seinen Küssen bedeckte. Man warf dann die Erde über den Sarg und der junge Mann, sagte man, soll bis in die Nacht auf dem Hügel geweint haben, einige Gräber weiter davon hätte der Bruder der toten gesessen, stumm die Hand auf das Haupt gestützt. Dann wäre der Bruder zu jenem herangetreten und versöhnt wären sie Beide von dannen gegangen ...

O, mein Kind! Das ist