, als ich diese Menschen verachtete. Ich wollte mich Desiré widmen. Desiré war gut, o gut! Er fühlte sich krank und sagte mir oft: Helene, werde etwas philosophischer! Wenn ich tot sein werde, kannst du ein neues Leben beginnen! Eine Witwe von dreissig Jahren im Besitz einer Million und mit einem Herzen voll Poesie und unerschöpfter Hingebung ist die Königin der Erde! Ich gelobte ihm, sage zu sein und ich war es, bis meine Stunde schlug. Wir ziehen aufs Land. Desiré hatte eine wunderschöne Villa am See von Enghien gekauft, sie ausbauen, sie verschönern lassen. Ich lebte nur dieser Villa, auf die mich die Eisenbahn von St.-Germain in zehn Minuten führte. O diese Villa ist so reizend, Pauline! Man sagt, Rousseau habe sie einst bewohnt und dort einige Capitel der neuen Heloise geschrieben. Ach, Sie wissen, wie ich die neue Heloise und Rousseau liebe. Ich war glücklich! An unserm Schlösschen plätschert der See von Enghien und die lieblichsten malerischen Partieen sind durch die Eisenbahn recht der Magnet derjenigen Pariser geworden, die idyllische Freuden lieben. Es war im Juni. Ich wohnte erst vier Wochen in meinem kleinen Paradiese, malte, zeichnete, componirte, wollte dichten, ich versuchte Alles, ich las, ich lachte, ich weinte. Desiré war glücklich, wenn ein Sterbender noch einige Zeit glücklich sein kann. Ich dachte sogar an Aussöhnung mit meiner Familie und schrieb bogenlange Briefe nach Odessa, die ich mit einem Kurier unserer Gesandtschaft über Constantinopel expedirte. Da ereignete es sich, dass eine muntere Gesellschaft, Handwerker wie es schien, auf dem See an meinem Garten eine Partie machte. Sie kamen vom jenseitigen Ufer und wollten die Runde fahren und die Besitzer der Gärten necken, die an den Ufern die Kühle des Gewässers atmeten. Da schlug das Boot der fröhlichen Gesellschaft um, während ich an einem Tische sitze und gedankenvoll auf die schäkernde, übermütige, junge Welt hinausblicke. Ich schreie, springe auf und stürze die steinernen Stufen hinab, die am See bespült werden von den Wogen, in denen sich unsere angekettete Gondel schaukelt. Ich springe in die Gondel und wie meine Empfindung eine reine, eine natürliche war, so entfuhr mir auch das deutsche Wort: Hilfe!
Sie starke Seele! sagte Pauline bewundernd. Eine jede andere an Ihrer Stelle wäre in Ohnmacht gefallen und hätte nichts getan.
In Ohnmacht gefallen? rief Helene mit flammender, guter, schöner Erregung. In Ohnmacht, wo Menschen ihren Tod in den Wellen finden? Ha! Retten konnte' ich nicht, aber ein junger Mann nahm mir die Verpflichtung ab, das Äusserste zu wagen. Es war ein schöner Jüngling, der zur Gesellschaft gehörte, sich in die Wogen stürzte und mit kräftigem arme ein junges Mädchen emporhielt, das er in den Wellen ergriffen hatte. Er schwamm mit seiner glücklich Geretteten an unsern Garten. Ach! Sie können denken, Pauline, wie ich glücklich war, als man mir zurief, nur das junge Mädchen hätte das Übergewicht verloren und wäre, nach Wasserlinsen haschend, über den Rand des Nachens gestürzt, mit dem man scherzhafter Weise schaukelte. Meine Diener kommen. Wir tragen das junge Mädchen in's Haus, der junge Mann, der mein deutsches Wort: Hilfe! vernommen hatte, sprach deutsch mit mir. Wie erstaunt' ich über den gebildeten Fremdling! Er war gross und schlank, von schwärmerischem Auge und sprach so geistreich, dass ich auf der Hut sein musste, ihm die richtigen Antworten zu geben. Das Mädchen, ein zartes, etwas verblühtes Kind, eine echte Französin, erholte sich bald. Ich gab ihr Kleider, liess ihnen Tee vorsetzen; aber sei es, dass ihr Geliebter deutsch mit mir sprach oder was war es, sie wollte fort. Sie schien mir hektisch, krankhaft aufgeregt und beherrschte den jungen Mann mit einem einzigen Blicke. Gegen Abend fuhr der ganze Train nach Paris auf der Eisenbahn zurück. Am Tage darauf hatte' ich die Kleider wieder. Der junge Deutsche brachte sie selbst. Vergeben Sie mir, Pauline, wenn ich Ihnen gestehe, dass ich ihn schon liebte. Ich erfuhr, dass ein wunderliches Incognito ihn umspann, ich lüftete das mysteriöse Dunkel, in das er sich zu verbergen suchte, ich entdeckte, dass dies jener vielbesprochene, seiner Familie, seinem stand abtrünnig gewordene Egon von Hohenberg ist. Ein Fürst! Solche Überraschung! Pauline, ich schildere Ihnen die Anstrengungen nicht, deren ich bedurfte, um Egon von seinen communistischen Torheiten zu heilen. Die Begeisterung für all das Romantische, was ihn umgab, lieh mir die Kraft, ihn wieder zu uns zurückzuführen, denn weil ich seine Hingebung an die Sphäre des Volkes schön fand, weil ich ihm Beweise gab, dass ich ihn verstand, ihn begreifen konnte, widersprach er mir nicht, als ich ihn allmälig doch von seinen Kameraden, von armen Handwerkern und Grisetten trennte.
Vortrefflich! Vortrefflich! Wie psychologisch! Sie sind eine Weise geworden, unterbrach die Geheimrätin.
Helene d'Azimont fuhr fort:
Egon wurde mein! Ich durfte ihn mein nennen, denn ich hatte ihn mir erobert. Er kehrte zurück in die Welt, die für ihn bestimmt war und wie glänzte er in ihr! Pauline, welch ein Triumph, den Mann zu lieben, der Alle blendete! Wenn er in die Salons trat in seinem edlen Wuchs, mit dem fast lockigen Haar, dem sanften blauen