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Ihre vorgeschrittene Kunst. Wäre ich nicht durch Egon um meine Besinnung gekommen, ich hätte ein Capitel von Nadasdi unter dem Titel: Moeurs hongrois ... übersetzt. Welche Phantasie haben Sie! Hier dieses Zelt, Ihr Costüme, Pauline! Sie sollten in Paris leben. Man würde Sie aufsuchen wie eine Priesterin des Geschmackes, eine Velleda, eine Druidin der Inspiration. Wir haben es jetzt sehr mit den Velleden und Druidinnen! Ach, was bleibt uns auch nach dem Schmerze noch übrig als die Weissagung! Auf unsern Trümmern wird man uns entweder zerschmettert finden, oder wenn wir uns erheben können, so ist es nur in der Mission der Prophetie!

O meine liebe Pauline, was erlebt' ich seitdem! Sähen Sie in Alles hinein bis auf den Grund, wie würden Sie, wenn Sie's beschreiben wollten, die Menschen rühren, während denen freilich, deren Herz Sie sicher verteidigen würden, es bräche!

Pauline war über alle diese Bemerkungen überglücklich. Es waren ihr Das nicht die Phraseologieen der neuromantischen Schule, sondern wirkliche Ergüsse reinster Aufrichtigkeit und Hingebung, ohne die idee einer Ironie! Das Lob, das sie so oft für ihre Feder empfangen hatte, war meist satirisch gemeint gewesen. Sie war weltklug und in einem gewissen Punkte nicht eitel genug, um auf diesem Bereiche Wahres und Falsches nicht sogleich zu unterscheiden. Aber diese Huldigungen der d'Azimont, das wusste sie, die waren ganz naiv und aufrichtig gemeint. Auch die förmlich auf den Kopf gestellte Moral der beiden Frauen war zwischen ihnen chose convenue.

Als ich von Odessa kam, sagte Helene, ich unerfahrenes dummes Ding, was wusst' ich von der Welt! Desiré gestand mir, dass Ihr Beide Euch geliebt hattet und ich fand Das edel und gut von Ihnen, denn Desiré verdient, dass man ihm wohl will. Sie drückten mich vor elf Jahren an Ihr Herz und die Tränen, die Sie weinten, als Sie die kleine Comtesse d'Azimont zum ersten male sahen, werde' ich Ihnen ewig gedenken. Wie oft fand ich diese Tränen in dem Nadasdi und der Amaranta wieder! Sie entsagten und förderten mein Glück. Ihre Liebe, Ihre Freundschaft hat mich erst die Welt kennen gelehrt; denn o Himmel, was war ich? Was wusst' ich? Sylvester Rafflard in Osteggen war ebenso ein Ignorant, wie er jetzt ein Bösewicht ist und aus Rache, dass wir ihn, einem deutschen Pedanten zu Liebe, verabschiedeten, mich noch jetzt verfolgt. Er ist der treueste Ratgeber meiner Schwiegermutter geworden, dieser bösen Frau, die trotz ihres Strebens, kanonisirt zu werden, mein Unglück will.

Rafflard? sagte Pauline. Ich fand den Namen kürzlich in den Blättern angezeigt. Ein Name dieses Klanges, scheint mir, ist ... hier angekommen?

Der Himmel gebe, dass Sie sich irren! rief Helene entsetzt. Ich hass' ihn trotz seiner Freundlichkeit und alle Welt sagt, es ist ein Jesuit.

Ich entsinne mich, Rafflard! Professor Rafflard reist, um die Gefängnisse zu studiren

Das ist er! Rafflard ist hier?

In den Zeitungen las ich, dass er einer Gesellschaft angehört, die es sich zur Aufgabe macht, das los der Gefangenen zu mildern ...

Lug und Trug! Es ist ein Jesuit, wie nur irgend einer in der Rue Jean Jaques Rousseau gebacken wird! Er verliess die reformirte Religion nach den schlimmsten Streichen, die er sich in Genf erlaubte und muss durch den boshaftesten Zufall von der Welt der Ratgeber meiner Schwiegermutter werden! Nach Egon's Abreise flog ich dem Geliebten nach und glauben Sie mir, nicht die Gefangenen sind es, die ihn herführen. Ich bin es! Ich, die er wie eine Schlange umringelt hält, um mich von Egon loszureissen ...

Die Gräfin teilt nicht die Toleranz ihres Sohnes?

Sie betreibt eine Scheidung. Sie will das Vermögen, das nach Desiré's liebevoller Anordnung mir allein anheimfällt, sich, der Kirche, dem Beichtstuhl, den Jesuiten erhalten. Rafflard hier! Auch Das noch? O ich bin sehr, sehr unglücklich, Pauline.

Damit flossen Helenens Tränen, wie die eines Kindes, dem alle seine liebsten Hoffnungen von der unerbittlichen Strenge eines Lehrers oder einer weisen Mutter zerstört werden.

Pauline suchte Helenen zu trösten und versprach ihr Rat und Beistand. Nur sammeln Sie sich, sagte sie und vertrauen Sie mir! Wie kommen Sie denn nur zu dieser verzehrenden Flamme, zu dem Prinzen Egon?

Ach! Als wir uns vor drei Jahren wiedersahen, Pauline, begann Helene mit schwacher stimme, da war ich im Begriff, aus Verzweiflung über dies Erdenleben irgend eine Torheit zu begehen. War' ich katolisch, wer weiss, ob ich nicht die Mauern eines Klosters aufgesucht und in der Liebe zum Christ (Helene brauchte diese französische Wendung) in der Liebe zum Christ meine unverstandenen Schmerzen gesammelt hätte! O eine so dürstende Seele wie die meine und nichts als das schale wasser des Alltäglichen zur Erquickung! Belcotti, Addington, Bardanski ... ich schäme mich! Abscheulich! Es waren Flämmchen auf diesem Sumpfe gewesen, den ich Leben nannte. Ich hatte den Einen gern singen, den Andern gern wetten, den Dritten gern raisonniren hören und mit allen gern zu vier Händen die Capricen Chopins und Liszt's gespielt ... Pauline! Das war Alles. Ich kann sagen, ich hatte in diesen Flammen nur die Flügel verbrannt. Sie wuchsen wieder