ihren Lippen wegwischen, dass sie einen Augenblick bebten. Sie dachte an Heinrich Rodewald und ihre Jugend ...
Helene, sagte sie nach einer Pause allmäliger Sammlung, Helene, Sie sehen mich voll gerührtester Teilnahme, aber auch voll Überraschung. Ich weiss so wenig von Dem, was Sie betrifft. Ich hoffte dieser Tage durch einen Besuch bei Ihrer Schwester –
Schweigen Sie von dieser Schwester! rief Helene, und in die zarte Erscheinung fuhr plötzlich eine so elastische Beweglichkeit, eine so aufschnellende zornige Erregung, dass man die in Liebe zerflossene Weiblichkeit kaum wiedererkannte. Der Mund und das Kinn traten entschlossen hervor und die Augen blitzten von einem wilden, trotzigen Feuer.
Schweigen Sie, rief sie, von dieser Heuchlerin, dieser lieblosen Moralistin! Für die glühendsten Schilderungen meines Glückes, die ich ihr nach Odessa schrieb, hat sie mir im Tone einer Predigt geantwortet. Wenn sie mich tadelte, dass ich für Belcotti schwärmte, mit Addington tändelte, die Leiden des polnischen Volkes mit dem jungen litauischen Flüchtling Bardansky verwechselte, o, alle diese Vorwürfe waren gerecht und ich nahm sie mit schwesterlicher Liebe hin. Aber endlich schrieb ich ihr, ich trenne mich von d'Azimont, ich liebe, ich liebe zum ersten male, ich liebe, wie ein Weib lieben soll, ein Weib, das fühlt, ein Weib, das da ahnt, in ihr ruhe das geheimnis der Schöpfung. Als ich ihr schrieb: Der, den ich liebe, ist ein Gott und seinen Namen nennen die Irdischen Egon Prinz von Hohenberg, und als sie mir auch darauf Moral, ewig Moral und immer Moral predigte, sehen Sie Pauline, ich habe geschworen, wer mir das Kleinod meines Lebens beschmutzt, mir die Sonne verdunkeln will, die ich anbete und mögen alle Priester der Erde sagen, die Anbetung der Sonne wäre Heidentum ... ich könnte den Dolch erheben und jeden Lästerer meiner Religion durchbohren, sei's ein Bruder, sei's eine Schwester und diese Schwester existirt nicht mehr für mich.
Pauline gedachte der zeiten, wo sie auch mit Dolchen spielte! Wäre sie eine Philosophin geworden, so hätte sie gelächelt; aber sie lächelte nicht. So wild war zwar nicht ihr Hass gegen Anna, wie Helenens Hass gegen die Fürstin Wäsämskoi, aber sie erwärmte sich daran, doch wieder einmal auf dem Bereiche der Herzensgeltendmachungen etwas Kraftvolles, etwas Titanisches zu erleben. Sie jubelte, jene halb wahnwitzige Sittenlogik anerkannt zu sehen, in der sie früher selbst gedacht, dann geschrieben hatte und in deren ohnmächtigen letzten Trümmern sie sich absterbend verzehrte. O sie stand auf! Sie hielt diese Sprache der Liebe nicht aus, ohne dafür mehr zu haben als blosse einfache Zustimmung! Sie wurde jung, indem sie aufund abschritt und Helene, selig über Paulinens Erschütterung, umschlang sie und zog sie zu sich unter die Camelien und fuhr, ihre Hand festaltend, fort:
Nichts von Adelen, Pauline! Sie wohnt hier in der Nähe, ich weiss es. Ich kenne sie nicht. Ich schrieb es soeben schon an d'Azimont nach Paris. Er wird meine Meinung billigen; er ist sehr gut und was an ihm das Beste ist, er liebt, wie ich, den Charakter!
Wie geht es denn Desiré? fragte Pauline.
Recht übel! bemerkte Helene.
Desiré d'Azimont war ihr kränkelnder Gatte.
Wie lange ist es her, dass wir zum letzten male hier waren? fuhr Helene fort.
Vor drei Jahren; sagte Pauline. Haben sich seine Übel verschlimmert?
Desiré ist recht krank. Man fürchtet für ihn. Seine Corpulenz wird beunruhigend. Die Mutter gibt ihn auf und Sie wissen, böse Augen sehen weiter, als die Augen guter Menschen.
Keine Veränderung in den alten Verhältnissen?
Nur noch gesteigerter! Die Mama ist förmlich eine Megäre und foltert mich. Desiré's himmlische Güte schützt mich allein. Sie will die Scheidung vor Desiré's tod und Desiré, der Egon wahrhaft liebt –
In der Tat?
O Desiré bleibt sich gleich. Desiré ist ein Philosoph. Er gefällt sich darin, wie Seneca zu sterben. Ich weiss nicht, ob ich ihn für grösser halten soll als ...
Warum stocken Sie?
Darf ich denn unbefangen über Desiré sprechen?
Helene!
Sie liebten ihn, Pauline, und waren glücklich, als er mich wählte. Sie drückten mich vor elf Jahren an Ihr Herz und nannten mich Schwester!
Ich dächte, mein Kind nannt' ich Sie, Helene!
O Sie sind gut, Pauline! Sie blieben mir die treueste Freundin trotzdem, dass es Ihnen wehe tat, das Band, das Sie an den guten Desiré fesselte, getrennt zu sehen. Aber wie bewundert man Sie auch Beide in Paris ...
O Helene!
Ja, alle Cirkel sind noch jetzt von Ihnen voll. Balzac hat mir versprochen, über uns alle einen Roman zu schreiben. Ich verbot es ihm, weil ich nach dem Nadasdi nichts mehr von Ihnen angezeigt fand.
Deshalb? Warum Nadasdi –
Ich vermutete, dass Sie selbst dieses Sujet behandeln würden. Sie haben so lange geschwiegen? Warum erscheint nichts von Ihnen?
O! ... antwortete Pauline ablehnend.
Wie lieb' ich Alles, was Sie schreiben, fuhr die gute, kritiklose Helene fort, die gar nicht ahnte, welche wunde Stellen sie berührte und wie sie eigentlich hinter dem Gegenwärtigen zurück war. In Amaranta erkannt' ich Ihr Herz, in Nadasdi