1850_Gutzkow_030_279.txt

Gegensatz zwischen zwei Geschwisterpaaren! Drüben die ruhige, fast phlegmatische Adele Wäsämskoi im Kreise ihrer Kinder, geregelt und bevormundet von einem einfachen, strengen, matematisch geordneten, praktisch bürgerlichen deutschen Verstandesmenschen; hier diese wilde leidenschaftliche Halbpariserin, die schon auf der Treppe so laut schluchzte, dass die Ludmer die erstaunten Bedienten entfernen musste! ... Drüben die weiche, sanftmütige Anna von Harder, die ihren Lebensberuf in der Pflege eines wunderlichen Greises, in milden Werken der Liebe und der prunklosen Ausübung der Musik fand und noch in diesem Augenblicke die bescheidene Sorgfalt ihres Herzens gegen ihr fast ganz fremde Menschen walten liess; hier ihre Schwester, im blendendsten Schmuck, ebenso leidenschaftlich, nur äusserlich kälter, wie ihr Besuch, den sie nicht am kleinen Teetisch, am dampfenden Comfort, unter einem Akazienbaum, an einer Wand beschattet von wildem Weine empfing, sondern in das blau- und golddrapirte Zelt führte, auf einen Divan, hinter Camelien und rankenden Gewächsen, die sich um die schweren bronzenen Stäbe des Zeltes und die herabhängenden goldenen Quasten ringelten.

Helene d'Azimont war klein und zart. Woher sie schöner war, als ihre ältere Schwester, konnte man kaum begreifen, wenn man fast denselben Schnitt des Gesichtes entdeckte. Es war dieselbe Bildung der Formen und doch von unendlich verschiedener wirkung. Das Ensemble an der Gräfin war reizend, die Linien unendlich harmonischer, ihre Verbindung belebt und voll Anmut. Sie liess sich, obgleich der Fürstin ganz ähnlich, doch mit dieser kaum vergleichen. Jede Bewegung der Helene d'Azimont war Leben. Die langen Augenwimpern zitterten, der schöne kirschrote Mund bebte, die wie Emaille glänzenden Zähne zeigten sich unwillkürlich, wenn die Lippen wie vom Schmerze offen standen. Die Form des Halses, des Nackens, die Wölbung der Hüften, Alles war zwar klein, zwar zierlich, aber doch schlank und von regelmässiger Harmonie und voll und fleischig, trotz des Kummers, der doch an ihr nagte. Das Auge blau und im Nu so gross geöffnet, dass es unter den schwarzen Wimpern wie eine leuchtende Krystallkugel aufzugehen schien. Die ganze Schwärmerei einer italienischen Sternennacht lag in diesem Auge, wenn es sich öffnend starr den blick festielt und den Gegenstand, auf den es fiel, fast in sich aufsaugend verzehrte. Das schwarze Haar lag im einfachen Scheitel dicht und glänzend über der kleinen Stirn. Wäre diese Stirn ein wenig grösser gewesen, man hätte das Bild einer religiösen Denkerin, einer entzückten Schwärmerin gehabt. Da sie aber klein, von dem Scheitel beschattet war, so versinnlichte sie nur das Gemüt, die leidenschaft, die gleichsam völlige Abwesenheit alles Nachdenkens. Die Liebe schien der Glaube dieser Frau zu sein; die Zärtlichkeit das einzige Bekenntniss ihres Herzens.

Wir wissen, dass Helene d'Azimont dreissig Jahre zählt. Eine gewisse schwellende Rundung ihrer Formen war die einzige Bestätigung dieses Alters. Sonst glaubte man ein Kind vor sich zu haben, eine zum ersten Male ins Leben tretende Jungfrau, voll Vertrauen, Dreistigkeit, angeborener Sicherheit. Wie dies Auge rollte! Wie diese Brust wallte! Pauline konnte sie ohne Hemmniss an die Flordraperie ihres Halses drücken, denn Helene war so einfach gekleidet! Sie war schwarz vom Kopf bis zur Sohle. Man sah, dass es nicht ihre Absicht war, heute bis zur Gesellschaft zu bleiben. Und doch blendete die Weisse ihrer Haut unter den schwarzen Flören wie der schönste Schmuck! Sie trug an dem runden, vollen arme lange schwarze Floretandschuhe. Um den Hals funkelte wohl ein Collier von Brillanten, aber dies schwarze Florchiffü über dem Flechtenneste und halb dem Scheitel der Haare, dieser Kopfputz mit den einfach in den Nacken herabhängenden Spitzenzipfeln war so wenig auf gesellschaftlichen Reiz berechnet, dass man an die Ächteit der Tränen glauben musste, unter denen sie ausrief:

Da haben Sie mich denn, Pauline! So komm' ich von Paris, so sehen Sie in mir die Verzweifelnde, die Sterbende um einen Sterbenden!

Helene, ist die Gefahr so gross? fragte Pauline halb wie zitternd.

Egon stirbt! Egon wird dieser Erde nicht mehr angehören!

Ich bitte Sie, Freundin! Ein junger, kräftiger Mann! Wir haben keine Epidemieen. Ärzte umstehen sein Lager. Sie selbst

Ich, Pauline? Ich? ... Ihr wisst es ja Alle! Wo ich hinblicke, hat ja die Welt kein Mitleid für mich, nur lachende boshafte Augen! Die Menschen, die Bäume, die Vögel in der Luft lachen! Verstossene, verlorene Helene, ruft mir ja jedes Atom, jedes Stäubchen zu, über das ich ohnmächtig hinschwebe! Zwei Jahre des seligsten Glückes sind ja vernichtet, geschändet – o was sag' ich geschändet! Egon! Was du tust ist wohlgetan. Tritt mich mit deinen Füssen, verstosse mich, morde mein Herz! Nur stirb mir nicht! Lebe! Lebe! Lebe!

Helene lag schluchzend auf dem Sopha ...

Pauline musste sich, selbst wenn sie der kältesten Fassung fähig war, von einem solchen Ausbruch wildester Verzweiflung erschüttert fühlen. Sie hatte seit einiger Zeit in einer Welt gelebt, die sich um sie her immer mehr erstarrte; sie hatte früher in dieser Weise selbst geliebt, selbst empfunden. Aber jetzt nach so vielen Verknöcherungen und Versteinerungen ihrer nächsten Lebensbedingungen war ihr diese Scene fast wie Traum aus ihrer frühesten Jugendzeit. Die fünfundzwanzig Jahre, die sie mindestens vor der jungen verzweifelnden Frau voraus hatte, fühlte sie einen Augenblick nicht; sie konnte das Zittern ihrer Hand nicht unterdrücken, konnte nicht von