mussten.
Auf diese Erinnerung hin, sagte Pauline von Harder, wolle sie den Abend noch einmal auf die Sache zurückkommen ...
Damit legte sie sich ein wenig zur Ruhe, ohne indessen wahre Stärkung in einem kurzen Schlafe zu finden. Sie träumte zu lebhaft. Nadasdi, der Held ihres unglücklichen Romans, erschien ihr in dem verhängnissvollen Schlafrock, in dem dieser weichherzige Magyar soviel Tränen vergossen haben sollte! Jedesmal, wenn ein grosses Ereigniss sie beschäftigte, erschien ihr Nadasdi in seinem Schlafrock ... Sie nahm ein kleines homöopatisches Streukügelchen zur Beruhigung und war froh, dass sie auch für den Abend Herrn Sanitätsrat Drommeldei geladen hatte ... Sie bedurfte, wenn Schlurck nicht etwas sehr Entscheidendes brachte, wirklich der ärztlichen Beratung.
Gegen sechs Uhr begann dann die Toilette und heute gewählter, als seit lange ... Während die Ludmer die oberen Salons hatte öffnen, mit frischen Blumen garniren lassen, die Kerzen auf den Kronleuchtern untersuchen, vervollständigen, die Wandlampen schon am hellen Tage zur probe anbrennen liess, nebenbei den Tee, das Eis und die Confitüren nach der Ordnung des Servirens angab, die ihr für heute die zweckmässigere schien, schmückte sich die Geheimrätin mit den frischesten Farben. Sie wählte heute einen leichten Seidenstoff, weiss und rot gestreift. Ihrem stolzen Semiramishaupte gab sie etwas von ihrer eigenen und Heinrichson's Erfindung, eine Art biblischen Turbans, wie man sich etwa Rebecka denken mochte bei Eliezer's Grusse am Brunnen. Dies weisse Kashemirgewinde, stolz und frei getragen, stand ihr gar stattlich. Das eine Ende des Bundes, mit goldenen Fransen, hing schwer über die rechte Schulter herab, die natürlich, wie die ganze Büste, sehr stark weiss geschminkt wurde, um durch eine grosse umständliche "Florgeschichte", die wiederum ganz patriarchalisch, jedoch mehr im Stile der Hagar, als sie mit Ismael in die Wüste zog, um Nacken und Hals geschlungen wurde, blendend hindurchzuschimmern. Die magern arme hatten sich derselben Prozedur des Puderns zu unterwerfen. Sie waren, ein seltenes Wagniss, heute ganz frei und wurden mit den schwersten Armbändern behängt. Wenn sie mit einer leichten, wellenförmig gerundeten Bewegung des rechten Oberarmes ganz wie in Gedanken einmal an das hängende Ende ihres Turbans fuhr und die goldenen Troddeln, schwerer wiegend, hin- und herschwankten, so gab das einen ganz hübschen Effect, den der elegante Maler Heinrichson oft bewundert und erklärt hatte, ihn sich für ein Bild zu merken, das er noch einst von dem Antonius und der Cleopatra malen wollte.
In dieser Tracht, die ihr wirklich viele "Frais" verursachte, nämlich die Mühe der Überlegung und die moralische Mühe einer ihr gar nicht mehr "geläufigen" Eitelkeit, stieg denn gegen sieben Uhr Frau von Harder in ihre oberen Zimmer ...
Sie durchmusterte sie und fand sie noch nicht gelüftet genug. Es war ihr heiss in dem sommerlichen Abend geworden. Der Maraboutfächer musste die Glut ihrer Stirn kühlen, die leider zu rot, zu rot, ach zu rot war ... Sie hasste eigentlich diese oberen Appartements, der Überzahl ihrer Spiegel wegen. Welche Verschwendung, sagte sie oft, an dieser verleumderischen indiscreten Composition! Und noch an jedem Spiegel waren zwei Wandleuchter und jeder Wandleuchter mit mindestens drei Kerzen angebohrt! Aber sie musste diese Zimmer und nicht den Gartensalon wählen; denn hier nur gab es Nischen zu traulichem Zwiegespräch, zeltartig drapirte Alkoven mit Tapetentüren zu kleinen Cabineten mit Divans, die unter Blumen versteckt waren. In einem dieser Zelte, das später von einer herabhängenden Ampel matt erleuchtet werden konnte, prüfte sie, wie wohl ihr Anzug gegen den Hintergrund abstechen würde ... Pauline war geschmackvoll von natur und nur durch ihre üppige Phantasie manchmal etwas zu überladen. Aber darin zeigte sie sich als Virtuosin, dass sie niemals in grosser Gesellschaft erschien, ohne nicht ihre Toilette nach dem Farbenton der Zimmer einzurichten, in welchen sie erscheinen sollte. Sie besann sich regelmässig, wenn sie eingeladen war, in welchem Zimmer die Gesellschaft sie begrüssen würde und wählte darnach die Farbe ihrer Kleider. Es war ihr schon geschehen, dass sie bei der Trompetta, die einmal nach Vollendung eines Albums, das sie für arme Überschwemmte herausgegeben hatte, alle Dichter einlud, deren Beiträge das Album füllten, ein neues wunderschönes grünes Kleid nur unter der Bedingung anzog, dass sie der Trompetta erst ein Sopha mit ceriserotem Sammet überzogen schicken durfte. Die Trompetta hatte nämlich nur dunkle Möbel und sträubte sich sehr, besonders vor einigen frommen Lyrikern, sich auch auf ceriseroten Sammetmöbeln betreffen zu lassen. Die Geheimrätin kam aber nur unter dieser Bedingung, dass sie ihr grünes Kleid auf rotem Sammet zeigen durfte. Si non e vero ... man erzählte es wenigstens.
Eben noch prüfte Pauline den Effect ihres hellen biblischen Costüms gegen das dunkelblau mit Gold drapirte Zeltgemach und erfreute sich des wirkungsvollsten Abhubes ihrer Figur von der dunklen Umgebung, als ein Wagen vorfuhr und durch das offenstehende Portal gleich in das Haus einlenkte. Dass eine Dame leicht und behend vom schnell herabgelassenen Tritte herunter und auf die Strohdecken sprang, die unter dem Unterbau des Hauses vor der Eingangspforte ausgelegt waren, sah Pauline nicht; sie sah nur das Einlenken des Wagens in die geöffnete Gartentür, ahnte aber wer es war, liess sich nicht erst anmelden, wer kam, sondern ging der Kommenden entgegen. Sie war vollkommen darauf vorbereitet, dass sich ihr die Gräfin d'Azimont mit einem Strom von Tränen an die Brust warf ...
Welch ein