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erneute Bekanntschaft Fritz Hackert's erwartete.

Ende des dritten Buches.

Viertes Buch

Erstes Capitel

Zwei unverstandene Seelen

Nicht hundert Schritte von der bescheidenen ländlichen wohnung der Fürstin Adele Wäsämskoi entfernt lag die uns schon bekannte reizende Villa der Geheimrätin Pauline von Harder zu Harderstein.

Gegen die stille, gemütliche Abendunterhaltung, der Siegbert Wildungen wie durch die seltsamste Überraschung des Zufalls in jenem von Rudhard etwas despotisch beherrschten Kreise beigewohnt hatte, bildete den auffallendsten Gegensatz die Vorbereitung der glänzenden Soirée, die Pauline von Harder in aller Eile noch für den Abend "improvisirt" hatte ...

Die Geheimrätin verfügte über einen gewissen Kreis, den sie zu jeder Stunde des Tages, wie es in ihrer raschen Sprache hiess, "zusammentrommeln" konnte.

Ein Besuch wie der der d'Azimont, eine Bekanntschaft wie die der gefeierten allgemein bewunderten Schönheit Melanie Schlurck, musste ihre notwendige "Staffage" haben und soviel sie auch veranlasst war, beide Frauen nur allein zu geniessen, die kleinen "Etablissements" fehlten in ihren Sälen nicht, um mitten im rauschenden Gewühle sich ungestört allein zu fühlen und sich "auszusprechen".

Der Eifer, mit dem die Geheimrätin, unterstützt von der Gesellschaftliebenden und für ihr Alter sehr zerstreuungssüchtigen alten Charlotte Ludmer, diesen Abend in aller Eile "arrangirt" hatte, wurde noch angespornt durch ein Billet des Justizrates ...

Franz Schlurck schrieb nicht nur, dass seine Tochter sich hochgeehrt fühlen müsse, in die Nähe einer so vornehmen Dame dringen zu dürfen, sondern fügte noch hinzu, dass er im stand sein würde ihr recht angenehme Dinge mitzuteilen und sie sich darauf verlassen könnte, schon am morgenden Tage im Besitz des verlorenen Bildes zu sein, dessen Spuren er entdeckt und auch gefunden hätte, dass es mit diesem Bilde eine geheimnissvolle Bewandtniss haben müsse. Er fühle, dass es Zeit zum "Handeln" würde ...

Dieses Billet kam freilich gerade mitten in eine sehr verdriessliche häusliche Scene hereingebrochen, die sie und die Ludmer mit der Excellenz aufführten ...

Die "junge Excellenz" hatte sich in der Tat erst gegen Mittagszeit eingefunden und verriet so sehr alle Kennzeichen eines bösen Gewissens, dass die beiden Frauen (denn auch die Ludmer nahm sich von selbst die Freiheiten heraus, die Pauline durch ihre Stellung behaupten durfte) in einen grimmen Zorn gerieten und ihm "kindische Streiche" vorwarfen, über die er beichten sollte.

Der Geheimrat machte eine sehr verblüffte Miene. Er legte sich aufs Leugnen und blieb bei den Versicherungen seines Diensteifers und der in dem Möbelwagen deshalb absichtlich zugebrachten Nacht mit aller Hartnäckigkeit eines Schulknaben, der den alten Satz der Jesuiten: Si fecisti, nega! mit einer solchen Sicherheit durchführt, dass die Lehrer selber an ihm irre werden und von seiner Unschuld aufs vollkommenste überzeugt sein müssen.

Excellenz gestanden den Verlust des Bildes ein, bekannten sich aber für völlig "unschuldig" und drohten mit einer Untersuchung, die sie schon auf's Nachdrücklichste gegen den Hohenberg'schen Justizdirector von Zeisel hätten einleiten lassen. Kurt Henning Detlev Harder zu Harderstein vertröstete die Frauen damit, dass sie ohne Zweifel bald sehr klar sehen würden ... Wie gesagt, da die Geheimrätin den Brief von Schlurck empfing, so liess sie die "Bétisen" ihres Gatten so "hingehen" und schenkte ihm nach dem scharfen Verhör, in dessen Klemme er mit Zittern gesteckt hatte, mit dem Bedeuten, er sollte die nähere Unterhandlung mit Herrn von Zeisel ihr nur allein überlassenPauline war diese Weisung, die ihrem Gemahl genug auffiel, der Fürbitte schuldig, die Schlurck für seinen Freund von Zeisel am Morgen erhoben hatteendlich die Freiheit.

Bei Tische wurde wenig gesprochen. Pauline hatte der Gedanken zu viele zu verarbeiten und Alles, was Herr von Harder etwa Neues brachte, z.B. das allgemeine aufsehen, das die Erkrankung des Prinzen Egon machte, die Ankunft der d'Azimont, die Aussicht auf ihre Beziehungen zur Fürstin Wäsämskoi, die Schwankungen des Ministeriums, die Wahlen, der Reubund, die drohenden Zerwürfnisse zwischen der Stadt und der Regierung und das schlimme Beispiel, das daraus für die Provinzen entstehen würde, alle diese Anspielungen, in denen sich Excellenz, die sonst nur von ihren Schlössern und Gartenanlagen, den Dienstvergehen der Castellane und Inspectoren, den Angebereien der Subalternen und ihren Ersparnissen in der Verwaltung ihres "Ressorts" sprachen, heute wahrhaft erschöpften, um seine Gemahlin heiter zu stimmen und zu versöhnen, diente nur dazu, in ihr Gemüt Stacheln und Dornen zu drücken. Sie sah da ja, dass so Vieles sich ereignete, was ohne sie Bestand hatte, ohne sie sich angelegt hatte und historisch entwickelte!

Ernst und Franz hätten ihr nach Tisch beinahe auch einen unerwarteten Ärger bereitet. Denn eben wollte sie sich vor ihrer Toilette noch im grünen Boudoir ein wenig durch leichten Schlummer stärken, als diese beide an sie herantraten und um die erlaubnis baten, heute Nacht den grossen Fortunaball mitmachen zu dürfen. Sie schmähte sehr gegen diese Vergnügungssucht ihrer Leute, tadelte den Ort, wo man Bediente ihrer Stellung nicht antreffen sollte und konnte sich erst für halb und halb einverstanden erklären, als Franz mit schlauer Miene sagte:

Excellenz, es wird ein grosser Ball. Tausend Billets sind verkauft. Man macht Bekanntschaften. Die Wandstabler's kommen auch ...

Schon oft hatten die Leute der Geheimrätin von diesen drei Geschwistern Wandstablers erzählt, die sich auf den Volksbällen für die Zurückhaltung schadlos hielten, die sie bei aller Freiheit doch im Hotel des Fürsten von Hohenberg beobachten