garstigen Worte zu verurteilen ...
Rudhard kehrte sich nicht viel an diese gemütliche Rüge, sondern meinte in seiner Art:
In dieser Stadt, meine Liebe, muss man auf seiner Hut sein. Wir sind schlichte Naturkinder, kommen aus den Steppen und Haiden des Ostens und wollen uns recht gründlich hier Alles ansehen und erst prüfen, was sich uns zum Kaufe anbietet. Das Glänzende wird uns reizen, aber nicht bestechen. Die Wahrheit, die wir für's Leben eintauschen wollen, muss probehaltig sein ... Und wenn mein Freund da, Herr Wildungen, eine noch so schöne Zeichnung in das Getsemane liefert, ich wittere in dem Album doch Das, was man Muckerei nennt.
Er blieb dabei, wie Justus der Heidekrüger bei seinem Refrain über den Reubund.
Die Kinder lachten über das komische Wort und die Frauen erröteten über den doch allzuderben, allzunüchternen Verstandesmenschen, der sich mit Anna, die ihm doch entgegenkam, nicht einmal über ein Wort versöhnen konnte ...
Siegbert fühlte, dass es nun Zeit wurde, zu gehen. Er fürchtete ohnehin schon zu lange verweilt und Erörterungen beigewohnt zu haben, die für einen ersten Besuch bereits zu vertraut waren ... Die Sonne sank an dem Rand des Horizontes herab ... Er hatte es acht Uhr schlagen hören und gedachte seiner Verpflichtung, sich in der Brandgasse an der bezeichneten Stelle einzufinden.
Die Fürstin forderte ihn mit grösserer Wärme, als sie bisher gezeigt hatte, auf, sie bald wieder zu besuchen ...
Anna von Harder aber wünschte ihm die Gunst aller Musen und die frohesten Stimmungen.
Sie sprach dies Wort unendlich wohlwollend und gütig.
Es lag Siegberten in dem Abschied von dieser Frau etwas, was ihm zu sagen schien: Wir sehen uns gewiss wieder und werden unsern gegenseitigen Wert noch besser kennen lernen!
Anna blieb. Siegbert trennte sich fast schwer von ihr.
Die Kinder und Rudhard gaben ihm bis draussen das Geleite ...
An dem Spalier der Seitenfront des Hauses, an dem man vorüber musste, um in den Vorgarten zu kommen, stand der alte Bediente von Tempelheide mit einem Shawl auf dem Arm und wartete seiner Herrin.. Vor dem Torweg stand die alte Kutsche, die Hackert so verspottet und eine Karrete genannt hatte ...
Nun, sagte Siegbert zu dem Alten in gelb und blauer Livrée – es war derselbe, der ihm den Wein gereicht – nun, es fehlte doch vor acht Tagen nichts an dem Silberzeug auf dem Tische in Tempelheide?
Der Alte horchte hoch auf und verstand nicht gleich.
Als Sie mir den Wein gebracht hatten! Wissen Sie noch? sagte Siegbert mit Nachdruck, um das Gedächtniss des Alten zu stärken.
Ah! jetzt verstand der und sagte:
Nein, nein, Alles ist richtig gewesen! Bitte! bitte!
Siegbert ging nach dieser ihm und Hackerten gewordenen Genugtuung wohlgemut vorüber ... Wie er eben an der Ecke der Seitenfront war, fiel von oben aus einem Fenster eine Hand voll frischester Blumen über ihn her.. Sie kamen von Jemand, den man nicht sah. Die Kinder riefen: Olga! ohne dass diese sichtbar wurde.. Siegbert raffte sich eine weisse Rose von den Blumen auf und sah empor, um zu danken ... Es war aber Niemand da, den er dankend noch grüssen konnte .... An der Pforte versicherte er Rudhard, dass er sich ihm ausserordentlich verpflichtet fühle für die Einführung in diesen interessanten Kreis, morgen schon hoffe er mit seinem Bruder verständigt zu sein, um ihm, wenn es ginge, das geheimnis des Bildes einzuhändigen. Welches Bildes? fragten die Kinder. Das Ihr bei Herrn Wildungen zeichnen lernen sollt! sagte Rudhard und während die Kinder darüber ihre Freude aussprachen, setzte dieser hinzu: Ich hoffe, dass wir uns auch über diesen Unterricht verständigen werden. Siegbert mochte nicht widersprechen. Seine Rose betrachtend, antwortete er lächelnd, um nur der Erörterung auszuweichen: Freundlicher kann man, um wiederzukommen, doch wohl nicht gemahnt werden?
Mit diesen Worten zog er die Pforte zu und trat mit beschleunigten Schritten seinen Rückweg in die Stadt an ...
Vor einem, ungeachtet es erst dämmerte, doch glänzend erleuchteten haus – dem der Schwester Anna's – hätte er unter vielen glänzenden Wagen, die vor dem gusseisernen Gitter auf der Chaussee warteten, auch einen, der dem Justizrat Schlurck gehörte, leicht heraus erkennen müssen; doch war er zu bewegt, um jetzt auf Dinge zu achten, die um ihn her vorgingen..
Gerade durch die sich mühsam ausweichenden zur grossen Soirée beim Intendanten heranrollenden, eleganten Wagen musste er hindurch ...
Hätte er aufgeblickt, würde' er bekannte Menschen genug wahrgenommen haben, die alle zu Paulinen's Festabend fuhren ... Auch Melanie!
Er sah aber nicht auf. Er sah auf die weisse Rose, die eben erst frisch gebrochen schien, denn noch war sie feucht von der Abendluft oder durch die erquikkende Hand des Gärtners, der die Beete Abends netzte ... Er gedachte der andern Blumen, die er auf dem kleinen Rasen am haus hatte liegen lassen, er hätte fast umkehren und sie sich noch holen mögen.
Was Blumen! sagte er aber zu sich selbst und raffte sich gewaltsam aus seinen Träumen auf. Es war die höchste Zeit, zur rechten Stunde in die entlegene, verrufene Brandgasse und dort das Haus Nr. 9 zu kommen, wo ihn das Wiedersehen des Bruders und die