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Tafel länger als zwischen zwei Schüsseln allein reden könne und beim fisch nicht ruhte, auch das Wort über die Pyramiden zu ergreifen, über die er sich, wie über Alles, zum Staunen der Herrschaften, als Kenner erwies.

Nun, wenn nicht die Seelenwanderung, so möchte man aber doch glauben, Sie wohnten bei einem Hexenmeister? bemerkte Rudhard.

Ja! Bei einem Zauberer! fiel die Fürstin verbessernd ein.

Die Kinder wollten von den kleinen Mäusen mehr erfahren.

Erzählen Sie doch! Erzählen Sie doch!

Ihr lieben Kleinen, sagte Anna fast verlegen, da ist nichts weiter zu erzählen. Da ist nur zu lernen und zu spielen, wenn Ihr zu uns kommt und hübsch versprecht, unsern Tieren nichts zu geben, was sie etwa naschen sollen. Der alte Grosspapa ist strenge und nur mit seiner Art zu füttern und der Entfernung alles Naschens bringt er es eben dahin, diese Tiere untereinander zu versöhnen. Das solltet Ihr sehen, wenn die Stunde der Fütterung kommt! Wie da die Hühner krähen, die Enten schnattern, die Eichhörnchen springen und an ihren Drahtgitterchen kratzen! Aber Grossväterchen gibt nur Dem, der geschickt war, und Alle wissen recht gut, ob sie ihr Futter verdienten. Wer etwas verbrochen hat, winselt dann und bittet so demütig, bis man Mitleid bekommt. Wenn man nun Gnade für Recht ergehen lässt, dann hüpft das wilde Völkchen und ist so lustig und so dankbar, dass es Einem die hände küssen möchte! Aber die Katze muss immer nur neben dem Hunde essen und die Dohlen bekommen ihre Körner vom blanken Silber, damit sie Silber nicht für Futter halten und es stehlen ...

Als die herrschaft über diese scherzhafte Mitteilung sich sehr unterhalten fühlte, meinte Rudhard, ob der Herr Tribunalpräsident nicht schon versucht hätte, auch in den Gefängnissen solche Zähmungen mit den Verbrechern anzustellen und wohin der Tierbändiger denn eigentlich mit diesen Experimenten hinauswolle?

Die andern Frauen schienen ärgerlich über diese Frage, die ihnen ganz unnütz vorkam. Ihnen genügte das Factum. Die Oberhofmeisterin schwelgte im Entzücken über die Tatsachen, die sie dem auf alles Aparte so begierigen und vom General Voland nur für Exclusives angeregten Herrscherpaare würde zu erzählen haben. Anna von Harder aber nahm Rudhard's Frage auf.

Ganz einfach zielt Grosspapa auf die Ergründung der Tierseele, sagte sie. Es ist rührend anzusehen, wie dieser alte Herr, der ganz ausser seiner Zeit lebt, sich nur mit zwei Dingen in seinen Mussestunden beschäftigt, mit der Freimaurerei und den Untersuchungen über die seelischen Regungen in der Tierwelt. In diesem Sinne kommt er mir oft allerdings wie ein Zauberer vor. Die Maurerei und ihre Geheimnisse kenn' ich nicht, aber er behauptet, sie hingen gewissermassen mit seinen zoologischen Studien zusammen.

Alles war über dies Wort erstaunt.

Selbst Rudhard, der sich als Maurer bekannte und gestand, er wäre nicht im stand, hier ein Bindeglied anzugeben ...

Es muss doch eins sein, sagte Anna von Harder. Und wenn ich mich nicht ganz täusche, glaube' ich den Schleier damals etwas gelüftet gesehen zu haben, als der gute Greis kopfschüttelnd wegen Ihres Bildes, Herr Wildungen, immer die Worte wiederholte: Keine Taube! Keine Taube! Ein Rabe! Ein Rabe! Die Templer nannte er keine Christen. Ich sollte nur Acht geben, sagte er, an unserer Kirche, die Sie, Herr Wildungen, damals zeichneten, da wären in den Verzierungen der Fenster Vögel und orientalische Tiere sichtbar und die von den Tempelherren an die Johanniter übergegangenen Häuser, wie sich deren mehre in unsrer Stadt befinden und eins sogar an der Stelle stand, wo später meine eigene Familie ein Haus besass, alle diese Häuser hätten eine Architekturverzierung, die sich nur auf den Orient, den Tempel Salomonis, die alten geistlichen Ritterschaften, die Geheimnisse der Baugilden zurückführen liesse. Und ich gestehe, ich höre den alten Mann gern sprechen, wenn er nicht von diesen dunkeln Sachen, wohl aber von der gebundenen Tierseele spricht, von den wunderlichen Trieben zu einer eigentümlichen Moral in den Instincten, von der Vereinzelung oder der Paarung, von der Treue der Tiere und ihrer Innigkeit in geschlechtlichen Beziehungen ebenso wie von ihrer Gedankenlosigkeit. An einem Tage, wo ich über eine Trennung, die mein Innerstes traf, keinen Trost finden konnte, sprach er von den Zugvögeln und ihrer Wiederkehr, von der Gewöhnung der Taube und der traulichen anhänglichkeit der auch von Shakespeare so innig geschilderten Mauerschwalbe so rührend, dass ich recht erkannt habe, wie doch Alles, was wir von Gott sagen und lehren, nicht ausreicht, wenn wir nicht in jedem Dinge sagen und lehren: Er ist die Liebe!

Diese Worte brachten eine grosse, aber nicht gesuchte wirkung hervor ...

Rudhard hatte die Maurerei wohl nur in seiner frühesten Zeit getrieben und vollends in Russland, wo sie nicht geduldet ist, alle Verbindungsfäden mit ihren verschiedenen Sekten und Auffassungen verloren. In seiner Art witterte er auch in dem Allen, was sich hier so wunderlich zu erkennen gab, nur Mystik, die er hasste ... Er schwieg.

Die Gräfin Altenwyl aber war tief ergriffen. Sie hatte eine solche reiche Ernte heute für den Hof nicht erwartet. Die Tierseele ... die Templer ... die alten Johanniterstifte ... die Zugvögel ... Shakespeare und das Alles verbunden und verquickt durch das Eine: Gott ist die Liebe! Was konnte es heute Befruchtenderes, Anregenderes, Schlagenderes für die "kleinen Cirkel" und jenen eigentümlichen