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der Ewigen!

Anna von Harder war eine Gestalt.. mehr gross, als selbst Mittelfigur ...

Die Züge des Antlitzes waren sicher einst schön, jetzt waren sie verfallen, von Leid durchfurcht; in den Augen lag etwas Bittendes, etwas Wehmütiges. Dennoch war ein schönes Lächeln diesen ernsten Zügen geblieben. Die unversehrten, blendendsten Zähne mit dem ihre Gesundheit bezeugenden leichten gelblichen Schimmer, hoben dann die lächelnden Mienen und liessen sie noch anmutig erscheinen, wobei sie weit entfernt war von dem Fehler derjenigen Menschen, denen die natur den schönsten Schmuck, Zähne von Elfenbein, gab, dass sie mehr lächelte, als es in der Welt zu lächeln gibt. Sie brauchte diese wirkung der Schönheit, die Andere immer brauchen, fast zu selten. Wenn Anna von Harder lächelte, war es, als fühlte sie sich von der wirkung ihres schönen Mundes überrascht und als täte sie es ungern. Sie lächelte aus Milde und Wohlwollen, nie, weil sie wusste, dass es ihr schön stand.

Die edle Frau war auch in Haltung und Toilette nicht von jener Einfachheit, die im Einfachen etwas sucht, wie die Altenwyl, bei der durch ihre grauen und braunen Farben auf schweren Kleiderstoffen ein anspruchsvolles Prinzip ausgedrückt wurde. Sie drückte durch ihr Äusseres nichts aus als ihr einfaches Bedürfniss und ihren natürlichen Geschmack. Nicht einmal mit einer grauen Locke, deren sie die Fülle hatte, tat sie schön, wie so manche junge Matrone, die ihr graues Haar so nahe an ihr noch heisses Auge bringt, dass man vor den "Flammen im Schnee" erschrecken möchte. Anna von Harder hätte recht gern noch einen natürlichen schwarzen Scheitel auf der Stirn getragen und versteckte lieber ihre grauen Locken durch den niedergedrückten und innen besetzten Hut!.. Warum seinen Winter zeigen in einer Welt, die des Frühlings bedarf, um weltglücklich zu sein! Es gibt eine Diskretion des Alters gegen die Jugend, die nur ganz zarten Naturen eigen ist.

Was auch die Altenwyl von einem bescheidenen und doch bedeutenden Eindruck erwartete, sie konnte nicht getäuscht sein. Anna von Harder war eine Erscheinung, die eben dadurch wirkte, dass sie von ihrem Effekte keinen Vorteil zog und sich gab in der völligen Unschuld einer reinen Seele.

Sie umarmte die ihr ganz unbekannte und nur durch ihre Mutter nahegerückte Fürstin und drückte sie zärtlich an ihr Herz.

Dass ihr eine Träne in's Auge trat, während die Augen der Altenwyl trocken geblieben waren, als sie die Tochter der Baronin Osteggen sah, die mit ihr einst so viele Briefe gewechselt hatte, wer verdachte es ihr, wenn man wusste, dass sie ihre einzige Tochter durch ein sonderbares Schicksal so gut, wie für immer, verloren und nie wieder gesehen hatte ...

Mit stummer Rührung nahm sie auch die beiden KinderOlga hatte sich während aller dieser Scenen entferntund drückte einen Kuss auf ihre Stirnen. Sie hatte ihren Vater nicht gekannt, aber gleichviel, es war ein Vater, der den Kleinen gestorben war!

Von Ihnen weiss ich schon, sagte sie zu Rudhard, ihm die Hand reichend. Die Baronin schrieb Viel von Ihnen. Sie besassen ihr Vertrauen und sind nun wirklich der Vater dieser Kleinen geworden. Nicht wahr? Sie sind Rudhard?

Rudhard dankte für diese freundliche Bewillkommnung und erzählte, wie warm die Mutter Adelen's der Landrätin Anna von Harder zu gedenken pflegte.

Eine Vorstellung der andern Personen fand nicht statt, doch kannte Anna sogleich von Ansehen die Oberhofmeisterin, der sie sich ehrerbietig verneigte.

Auf Siegbert aber warf sie einen blick, als wollte sie sagen:

Ei! Du blonder junger Mann mit dem schüchternen, ehrlichen Antlitz! Wo hab' ich denn dich schon gesehen?

Man hatte nun Manches auszutauschen, was zu gegenseitiger Annäherung diente.. Siegbert war ein wenig auf Kohlen, wie das Gespräch so gar persönlich wurde und auf eine Menge Erinnerungen zurückging, bei denen Anna vertraulich die Hand der Fürstin hielt, ihr in's Auge sah und aus ihm die alte Zeit, die Mutter und die Vorstellung von dem Vater dieser Kinder hervorsuchen wollte. Er dankte recht der lustigen Paulowna, die allerhand Spässe mit ihm trieb und ihn wohl nicht hätte gehen lassen, wenn er nun auch aufgestanden wäre..

Auch Rudhard erzählte vom Vergangenen, während die Altenwyl schweigsam lauschte und fast lauerte, wie sich Anna von Harder entwickeln würde, was sich ihr wohl abmerken liesse und worin sie wohl so eigentümlich wäre, wie man sagte. Und sonderbar! Ihr Eigentümliches war eben Das, dass sie ganz einfach war und immer nur ein gütiges Ja! und Nein! sagte, wo man vielleicht eine geistreiche Entgegnung hätte anbringen können. Zehnmal entfuhr ihr ein beistimmendes herzliches So! Zehnmal ein verwundertes Ach! Ganz einfach, wie jedem natürlichen Menschen, dessen Ohr und Herz dem Herzen Dessen folgt, der mit ihm spricht ...

Vielleicht waren aber auch diese einfachen Zustimmungen ein klein wenig der Ausdruck eines inneren Grübelns, wo sie Siegbert hinbringen sollte ...

Endlich fand sie es ...

Nach einer Pause, wo die Mitteilungen an die gefährliche Grenze der Erwähnung Paulinen's von Harder und der Gräfin d'Azimont angekommen waren und man über die betrübende Ähnlichkeit in den Verhältnissen zweier sich entfremdeter Geschwisterpaare mit verlegenem Stocken innehielt, sagte Anna von Harder, die jedoch über Helene d'Azimont mit Güte sprach, über ihre Schwester völlig schwieg, halb zu Siegbert, halb zu den Kindern die freundlichen Worte:

Die kleine Paulowna