, den sie hervorrief, dass er in solcher Umgebung einen gewaltigen Schnitzer gegen die Schicklichkeit begangen hätte.
Dass die Fürstin schwieg, dass die Oberhofmeisterin ihn jetzt noch schärfer und strenger mit ihren stummen Blicken examinirte, war ihm begreiflich. Dass aber auch Rudhard etwas die Stirn runzelte und dieser klare, durchgebildete Mann der Anwalt russischer Regierungsmaximen sein konnte, erfüllte ihn mit Befremden. Indessen sammelte er sich rasch und lenkte auf einige russische Bilder ein, die er sehr rühmte, besonders einige gewaltige Städteprospecte, die in Mondscheinbeleuchtung Alles wiedergäben, was man nur von einem Zweige der Malerei, der freilich zu sehr an die Decorationsmalerei der Panoramen erinnerte, erwarten könne.
Die Oberhofmeisterin wusste auch sogleich den Namen jenes russischen Künstlers zu nennen, auf den Siegbert anspielte.
Sein höfliches: Ganz recht! erwärmte ein wenig wieder die gestörte reciproque Stimmung ...
Die Altenwyl hatte nun etwas gewusst und glaubte, dass Dies ein richtiger Moment war, der sich zum Abschiednehmen eignete und von ihr eine gute wirkung zurückliess.
Schon hatte sie sich erhoben, als der Bediente eintrat und einen eben angefahrenen ferneren Besuch meldete:
Frau Landrätin von Harder! hiess es.
Von Harder? Harder? sagte die Fürstin.
Wie die Oberhofmeisterin diesen Namen hörte, sagte sie:
Doch nicht Pauline von Harder?
Die Schwiegertochter des Obertribunalpräsidenten, eine geborene Marschalk. Meine Mutter hat einst Viel von ihr gesprochen. Ich bin sehr erfreut!
Der Bediente ging nach diesen Worten der Fürstin, die sich besonnen hatte.
Die Oberhofmeisterin geriet in grosse Unruhe.
Ja, ja, sagte sie, beide Harders sind Schwiegertöchter – aber – ich hoffe ... die Landrätin von Harder! hiess es.
O, wenn es jene Harder wäre, fuhr die Altenwyl fort, jene Harder, die jetzt in Tempelheide wohnt, nicht die Geheimrätin Pauline von Harder, so wäre sie zu lebhaft gespannt. Sie hätte des Schönsten und Gediegensten so Vieles von dieser Anna von Harder gehört, dass sie bleiben müsse, um sie endlich einmal von Angesicht zu sehen. Sie würde mit dieser "Entrerevue" dem hof und den kleinen Cirkeln ja die grösste, unverhoffteste Freude machen ...
Die Fürstin war wahrhaft glücklich, Veranlassung einer so nützlichen Begegnung zu sein, bei deren Wiedererzählung doch am hof schon vor der Vorstellung ihrer in Güte gedacht werden müsse ...
Siegbert fühlte wohl, dass er nun hätte gehen müssen, aber der Gedanke: Das ist ja sicher die gute liebe Dame, die dir vor noch nicht acht Tagen den Becher mit Wein zur Erquickung in der heissen Sonnenhitze schickte, die Dame, die dich mit Hackert zusammenführte und heute' Abend noch die Veranlassung seiner Erklärungen sein wird ... fesselte ihn.
Er war nun schlau genug, sich den Kindern notwendig zu machen und sich durch diese zum Bleiben gleichsam nötigen und zwingen zu lassen. Zu dem kleinen Cirkel, der durch das dampfende Teecomfort, den inzwischen gedeckten Tisch, die Bedienung, endlich die Kinder etwas gar Wohnliches und Trauliches bekommen hatte, trat jetzt die angemeldete Dame.
Funfzehntes Capitel
Ein Äolsharfenton
Würde der Frauen! Du lehrst die ewige Schönheit der Seele und die tiefe Wahrheit eines reinen kindlichen Herzens! Vergänglicher Reiz äusserer Formen.. Dauernd verdunkeln dich das fleckenlose reine Gemüt – Liebe, Entsagung und das unverdrossene treue Walten der Mühe!
Die Mühe! Ach! Das ist der Schauplatz der kleinen kammer, wo ein gutes Frauenherz sich ewige Kronen erwirbt. Die Mühe, nicht die Gesinnung allein nur adelt ihre Seele. Die Mühe! Von dem ersten Liebesdienst einer Schwester, gewidmet der sorge und Pflege ihrer jüngeren Brüder und Schwestern, von dem ersten Pflegamte bei einem kranken Vater, einer leidenden Mutter ... welche Stufenleiter edler Mühewaltung und schmerzverklärter Frauenwürde!
Mühe! Diese Freudigkeit des Gebens, des Entsagens, des Opferns! Dies volle, nicht überströmende, nicht darbende, sondern gerade richtige Mass der erfüllten Herzenspflicht! Wo umstrahlt ein edles Weib die reinste Glorie ihrer Bestimmung, als in der engen Klause, wo ein Mutterherz die ersten Pflichten seiner göttlichen Sendung an ihrem Kind erfüllt? Hülflos liegt der Säugling in ihrem Arm; die stille Nacht hallt von dem Schmerzensschrei des seit wenig Wochen erst geborenen Kindes; die Ungeduld der Umgebungen, selbst die schnell ermüdete Liebe des Vaters weiss nicht zu helfen ... Die Mutter aber harrt aus, vergisst den Schlaf, versucht alle Beschwichtigungen der Schmerzen des noch mit seinem Pflanzenleben ringenden kleinen Wurmes; der Mutter ist dieser Wurm ein Hälmchen, das mit dem Sonnenschein der Liebe aufwachsen wird zum Allgemeinen und Ganzen; sie sieht schon Bewusstsein in dieser kleinen unreifen Bildung, sie hört schon eine Sprache in diesen Wehklagen, sie gibt diesem glimmenden Fünkchen den ganzen Hauch ihres eignen nach Freude doch so begierigen, aber nun entsagenden jungen Lebens, um ihn anzufachen zu einem flackernden starken Lichte ...
Und wenn es erlischt! Diese Prüfung traf Tausende und an keinem weib ging in dieser oder anderer Form ganz die Mahnung ihres Berufes vorüber ... aber die verklärende Abendsonne des Schmerzes blieb doch nur bei Wenigen im vollen Glanze abgedrückt! Wie bald erkennst du Die heraus aus dem Haufen, die ihr Leid für die Welt bald begruben und wieder fröhlich wurden! Wie schwer Die, die es ewig leben liessen in ihrem Herzen! Sanfte Seelen, die ihr wohl noch lächelt, wohl noch unter den Menschen wandelt, noch die Pflichten eures Berufes erfüllt und doch wie in den Lüften schwebt und uns erscheint, wie die Sendboten