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, über diese wunderliche, aufdringliche Begegnung zu verständigen. So begann er denn kurz vor Tempelheide, als sie langsamer die Höhe hinauffuhren:

Jene Kirche da hat Sie mit meinem Bruder bekanntgemacht?

Hackert antwortete nicht.

Sie haben ihm Aufschlüsse über eine gewisse Gattung protestantischer Johanniterkreuze gegeben? fuhr Dankmar fort.

Das Korn der blinden Henne! war Alles, was Hakkert kurzab antwortete.

Damit war die erste Annäherung schon wieder abgebrochen.

Dankmar kopfschüttelnd, sah zur Kirche, zum Parke, zum schloss des alten Präsidenten hinüber. Tiefe Stille, nächtliches, friedliches Walten ....

Eben wollte er wieder eine abgerissene Bemerkung an Hackert richten, als von dem düstern Parke her die Töne einer wahrscheinlich dort aufgehängten Äolsharfe erklangen.

Es war ein zauberhafter Accord, der der schweigsamen Nacht eine geisterhafte Feierlichkeit, die Stimmung einer wehmütigen Melancholie gab.

Die Anhöhe ging steil. Dankmar konnte den weichen Tönen aufmerksam lauschen und einige noch helle Fenster des kleinen Schlosses länger im Auge behalten. Es war ihm, als bemerkte er an diesen Fenstern eine weibliche Gestalt, die sicher wie er, aber ohne Zweifel mit unendlich ruhigern und mildern Gefühlen, dem sanften, melodischen Gesäusel des Parkes lauschte ....

Hackert erkannte die Dame, die Siegbert Wildungen den labenden Trunk geschickt hatte. Für die Äolsharfe, für den träumerischen blick jener, wie es schien, leidenden und tieftrauernden Frau zu den Sternen empor hatte er keine Empfindung. Er schien in völlige Apatie oder in tiefes nachdenkliches Grübeln versunken.

Die nächtlich stille Scene, verklärt von den Sternen und dem klagenden Luftauche vom düstern Parke her, wurde oben von einem heftigen tierischen Gekrächze gestört, das die Accorde der Äolsharfe übertönte. Dankmar besann sich. Er wusste, dass der oberste Chef aller Justizcollegien ein grosser Freund der Tierseele war und sich in Studien über die Temperamente, Instincte und Angewöhnungen wilder und zahmer Bestien einen Namen erworben hatte. Er sah noch, dass die weibliche Erscheinung, wohl auch erschreckt durch die Störung ihrer stillen Abendandacht, vom Fenster verschwand, und fuhr jetzt bergab, verfolgt von einem wirren Durcheinander der, wie es schien, durch Hackert's Peitsche wachgewordenen Menagerie des alten Präsidenten. Ein düsterer Tannenwald nahm bald das kleine Fuhrwerk auf.

Wie Dankmar seinen Vordermann so schweigsam und stillergeben in seine Kutscherrolle fand, rückte er zur weitern Verständigung mit der aufrichtigen Erklärung heraus:

Sagen Sie mir aber bei dieser gelegenheit, bester Freund, für was halte ich Sie? Sind Sie Cavalier oder eine Art Commissionair?

Sie staunen über meine resolute Art, Geschäfte zu machen? sagte Hackert, ohne sich umzuwenden.

Allerdings. Sie reiten mir ein Pferd in den Stall, Sie bieten sich mir als Kutscher an. Ich überlege, wieviel ich Ihnen für diese Expedition nach dem schloss Hohenberg zu bezahlen habe.

Bieten Sie! sagte Hackert fast höhnisch.

Bieten Sie? wiederholte sich Dankmar. Gut, dachte er, wir wollen bieten.

drei Taler, bester Freund! Ich rechne dabei noch die Mühe für das hoffentlich abgelieferte Pferd.

Wie Dankmar hierauf gespannt die Erwiderung abwartete, hielt Hackert plötzlich still, legte die Peitsche neben sich hin und wendete sich mit verdächtiger Miene rückwärts.

Nun? sprang Dankmar auf und mass seinen Vordermann, dessen Benehmen in diesem düstern Tannenwalde sonderbar genug aussah.

Das Pferd hab' ich geritten, sagte Hackert ergrimmt, weil ich's gern tat und weil Ihr Bruder mir Freundlichkeiten erwies, ohne mich zu kennen. Ich hab's getan aus noch einem andern grund, den Sie künftig einmal hören sollen, wenn wir uns besser verstehen, als es bisjetzt den Anschein hat. Zum Fahren nach Hohenberg erbot ich mich, weil ich in Hohenberg zu tun habe. Ein Kutscher bin ich nicht, fahre auch jetzt keinen Schritt weiter, wenn Sie mir hier nicht auf der Stelle gestatten, neben Ihnen zu sitzen. In Hohenberg aber fahren Sie, ich steige dort aus oder bin gleichsam Ihr Freund, verstehen Sie? Nicht um hundert Taler fahre ich Sie in Hohenberg.

Damit wollte er über die Lehne springen und an Dankmar's Seite sich setzen.

Halt da! sagte dieser und wehrte dem Beginnen mit Entschlossenheit.

Sie als Freund anzuerkennen, hab' ich keine Veranlassung, erklärte er. Behagt es Ihnen nicht, vor mir zu sitzen, so sind wir noch nahe genug am Pelikan, dass Sie umkehren können ....

Hackert's Antlitz verzog sich zu einem bitter grimmigen Lächeln. Der innerlich in ihm tobende Zorn gab ihm etwas Grinsendes. Er fühlte, dass er seinen Mann gefunden hatte, und blieb, niedergedrückt von dem viel stärkern Dankmar, auf seinem alten platz.

Also welches waren die Bedingungen? sagte Dankmar. Wir wollen eine nach der andern prüfen und zugestehen, was den Umständen angemessen ist.

Hackert dachte jetzt auf andere Art das Gleichgewicht herzustellen. Er streckte sich nachlässig auf dem Kutscherbock, zog eine Cigarre aus einem schön gestickten, einst gewiss farbig frischen, jetzt etwas abgetragenen Etui, zündete sie an einem portativen Streichfeuerzeuge an und blies die Wolken vor sich hinaus, als verachtete er Den, der ihn mit Gewalt in eine niedrige Stellung hinabdrücken wollte.

Also welches waren die Bedingungen? wiederholte Dankmar. Erstens, Sie sitzen vor mir. Zweitens ...

Hackert blieb ruhig und rauchte.

Zweitens, fuhr Dankmar fort, bei Hohenberg ergreife ich Peitsche und Zügel. Zugestanden in dem Falle, dass Sie aussteigen und mir die Gnade nicht abschlagen, dann drei Taler für Ihre