bemerkte Rudhard lächelnd. Und wenn ich nicht wüsste, dass sie an dem traurigen Übel junger Mädchen, der Bleichsucht, litte, würde' ich fast in Angst geraten, sie hätte mir zu viel Ähnlichkeit mit ihrer Tante d'Azimont. Nur das schmiegsame, zärtliche, liebevolle Wesen Helenen's, ich möchte sagen, ihre deutsche natur hat sie nicht. Das ist eine Russin! Das Ebenbild ihres Vaters! Eine fast immer ruhige Gemütlichkeit, ohne die angenehmen Worte dafür zu haben, und plötzlich doch, wenn etwas gerade ihrem Sinne widerstrebt, eine Wildheit, dass man das stille Mädchen nicht wieder erkennt. Sie sollten Sie zu Pferde sehen! Wenn es ihr einfällt, sich auf das Dach des Hauses zu setzen, so klettert sie hinauf und ebenso langmütig und geduldig vollzieht sie wieder Alles, was man ihr aufträgt. In Rurik und Paulowna herrscht Überlegung, in Olga nur der Instinct. Wohin sich noch ihre ganze Art werfen wird, ist jetzt schwer zu sagen. Sie ist in der Entwickelungszeit und muss geschont werden. Von Lernen, festem Einprägen, Nachdenken ist nicht viel die Rede. Was sie weiss, muss sie sich selbst auffinden oder durch eine Art connexer innerer Anschauung gewinnen. Doch hat sie Anlage für mechanische Fertigkeiten und gern hätt' ich's, wenn Sie das kleine Talent zum Zeichnen, das sie schon verriet, vervollkommneten. Ein Jahr lang geht Das wohl noch ohne Gefahr für zwei so junge Herzen, wie in Ihnen schlagen ... Nicht wahr?
Siegbert wurde fast rot über diese Äusserung und konnte jetzt vollends zu keinem Entschlusse kommen. Glücklicherweise schnitten die kleineren Geschwister seine Verlegenheit durch die im vollen Galopp überbrachte Aufforderung ab, die Herren sollten doch Beide zum Tee kommen.
Sollen kommen? rief Rudhard.
Dürften! schrie Rurik.
Müssten! verbesserte Paulowna.
Weder dürften, noch müssten, noch sollten! sagte Rudhard. Ihr habt in uns keine Leibeigenen vor Euch und auch Denen würde man sagen, sie möchten kommen, wenn's ihnen gefällig wäre. Verstanden? So wird es wohl auch die Mutter ausgerichtet haben.
Sollten! Dürften! Müssten! Möchten! rief der humoristische Rurik und fasste mit Paulowna Siegberten an beiden Armen und Beide zogen ihn so fort, dass er fast nur laufend ihnen folgen konnte.
Die Fürstin, die sich bei ihrer Annäherung freundlich erhob, begrüsste den fremden jungen Mann mit den leisen Worten, die sie in der eigentümlichen kurländischen Betonung sprach:
Sie sehen schon da, mein Herr, wie gern Sie aufgenommen sind!
Die Gräfin Altenwyl warf einen flüchtigen strengprüfenden, aber nicht unfreundlichen blick auf Siegbert und den nach ihm an die wilde Rebenwand tretenden Rudhard ...
Die Oberhofmeisterin der Königin, Gräfin von Altenwyl, schien im Sitzen eine Gestalt mittleren Wuchses. Sie hatte durch ihre etwas runden Formen und eine leichte Corpulenz etwas frauenhaft Wohlwollendes. Im Auge aber lag viel Zurückhaltung und ein leiser Anflug von Mistrauen, das wohl durch ihre schwierige Stellung entschuldigt war. Sie war in reichen Stoffen, aber durchaus wie unscheinbar gekleidet. Graue Farben waren fast wie absichtlich gewählt. Der durchbrochene Hut war mit dem unkleidsamsten dunkelbraunen Seidenband durchzogen. Sie wollte einfach, höchst einfach und nur einfach sein.
Während ein Bedienter Tee darbot, konnte Siegbert die Fürstin genauer betrachten, als vorhin bei der flüchtigen Begrüssung ...
Sie hatte die Züge ihrer jüngsten Kinder, war von mittlerer Gestalt und nicht eben auffallend durch irgend eine hervorstechende Schönheit. Sie schien noch ausserordentlich vom Todesfall ihres Mannes und der Reise angegriffen und sprach mit sehr gedämpfter stimme. Ihre Augen verrieten nicht gerade Geist. Auch ihr Wohlwollen schien mehr eine Art beflissener Geschäftigkeit, als der starke Drang eines vollen, überquellenden Herzens ...
Man sprach von unbedeutenden Dingen, von dem Residenzleben, dieser Ansiedelung, der Furcht vor dem Winter.. erst die Kinder brachten durch ihre Naivetät Frische, Rudhard durch seine trockenen Bemerkungen Gedanken in das Gespräch.
Die Gräfin Altenwyl, dieser von Pauline von Harder so gefürchtete Erzengel Michael mit dem flammenden Hüterschwert am Eingang der "kleinen Cirkel", blieb fast immer still, wie eine Frau, die sich nicht auslässt, wo sie sich nicht auf sicherem Terrain weiss. Sie forschte zuweilen flüchtig im Auge Siegbert's, zuweilen warf sie einen blick auf Rudhard hinüber, dessen Stellung im haus ihr nicht ganz in der Ordnung zu sein schien. Sie verriet, dass sie an einen passenden Moment dachte, sich zu empfehlen.
Ein schlimmer Beobachter, wie etwa Leidenfrost oder Pauline von Harder hätte gewiss gesagt: Die da ist das ganze Prinzip unseres Hofes, nämlich so viel Null wie möglich zu sein!
Man begriff hier den Schmerz Paulinen's, unmöglich in jene kleinen Cirkel zu dringen, die von so negativen, forschenden und immer nur ablehnenden Naturen, wie diese Altenwyl, gehütet wurden ...
Rudhard brachte sogleich die Malerei und die Kunst auf das Tapet ...
Auch die Fürstin Adèle malte, Blumen wenigstens und Käfer, wie sie sagte ...
Siegbert's Äusserung, dass sie dann glücklicherweise ganz in derjenigen Malerei sich übe, welche, wie er gehört hätte, in Russland neben dem Portrait und der Landschaft am meisten getrieben würde ... Genre und Historie wären ja wohl von Obenher nicht einmal gern gesehen ... Diese Äusserung war eigentlich in solchem Kreise furchtbar gewagt und von unserm guten jungen Freunde fast ein wenig taktlos ...
Siegbert fühlte auch sogleich an dem Eindruck