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als ihre ältere, eben sich verlobende Schwester Adele. Sie war damals dreizehn oder vierzehn Jahre alt. In Odessa versank Helene fast in eine stille Traurigkeit. Sie fand sich in der neuen Welt nicht zurecht, geriet in ein dumpfes Brüten und wurde träg. Ich wollte sie durch die Bildung anspornen, aber sie trug wahrhaft schwer unter der Last der Dinge, die sie lernen sollte. Da hat man denn gern zugegeben, dass ein von der französischen Regierung mit Aufträgen für Konstantinopel reisender Diplomat sie mit sich nahm. Es war ein fröhlicher Gesell, nicht mehr jung, dieser Graf d'Azimont, er fand gerade an der rein physischen Schwere des Mädchens Interesse, was ich mir aus sinnlichen Gründen wohl erklären kann. Denn es mag einen eigenen Reiz gewähren, ein solches Träumen durch die Liebe zum Bewusstsein zu bringen und das schlummernde Phlegma zu beleben. Man liess Helene mit banger Besorgniss ziehen. Sie ging schon fröhlich, schon fast ausgelassen. D'Azimont hatte sich nicht geirrt. Sein feiner blick hatte wohl herausgefunden, dass ein solches Wesen eigentümlich beglücken kann. Freilich hat das durch die Sinnlichkeit geweckte Glück keinen Bestand. Bot ihr der blasirte Mann keinen Halt oder mussten sich die versteckten vulkanischen Elemente gewaltsam Bahn brechen, wir erfuhren, dass sie erst auf die wunderlichsten excentrischen Einfälle geriet, sich wie eine Verschwenderin gebehrdete und jeder Grille kindisches Gehör gab. Alles Das war nur das Vorspiel Dessen, was dann erfolgte. Der Ehebruch versteckte sich hinter dem Namen der Liaisons. Wir hatten manchen Namen nennen hören, der mit ihr, wie man es nennt, liirt war, bis sogar Egon's mir nur knabenhaft erinnerliche Gestalt in diesem trüben Nebel auftauchte, was mir denn, wie Sie wissen, doppelt wehe tat ...

Diese Liebe soll aber von seiner Seite nicht mit gleicher Neigung erwidert werden, bemerkte Siegbert.

Doch wohl! sagte Rudhard. Wie wäre sie sonst ihm nachgereist! Ihre Schwiegereltern sollen empört sein. Graf d'Azimont droht mit einer Ehescheidung und Enterbung. Es ist Dies ein Umstand, der mir im Interesse der Kinder Adelen's nicht gleichgültig ist. Fürst Wäsämskoi war nicht reich. Es wäre seinen Kindern wohl zu wünschen, dass die Tante, die durch d'Azimont's Toder soll sich physisch ruinirt habenein grosses Vermögen erwerben kann, es nicht durch ihren Leichtsinn verscherzt. Da sie der Zufall hierher führte, mit uns in eine und dieselbe Stadt, so werde' ich mich durch die gereizte Stimmung, die zwischen den Schwestern herrscht, nicht irre machen lassen, auf irgend eine Art in diese Angelegenheiten einzugreifen. Ich habe dazu die Vollmacht des Herzens und der auf mich vererbten, väterlichen Sorgfalt des braven Wäsämskoi und der Autorität der alten Baronin von Osteggen, die ein Juwel von einer Mutter war.

Rudhard geriet über diese seine eigenen Worte so in Feuer, dass er innehalten musste, um sich zu erholen.

Siegbert fühlte, wie gross das Vertrauen war, das ihm dieser sonst so besonnene, strenge Mann, dem selbst seine Scherze nicht ganz harmlos entglitten, schenkte. Er wollte, ohnehin gedrückt und fast unfähig nachzudenken noch von innerem Schmerze, es nicht misbrauchen und fing von dem Garten an, der zwar nicht sehr kunstvoll und sorgsam angelegt, doch von manchen Naturreizen verschönert war. Ein Gärtner war schon in Tätigkeit, Manches zu verbessern. Es wurde gepflanzt und gesäet, um für die Zukunft noch mehr Bereicherungen der Gartenzier zu gewinnen.

Unter einem Spalier von Weinreben hinschreitend, das von zwei Seiten her zu einem gewölbten dach zusammengezogen werden sollte, begann Rudhard von dem Plane, den Kindern eine systematische Erziehung zu geben, in der auch Musik und Malerei nicht fehlen dürften ...

Reiten, schiessen, schwimmen können wir, sagte er, selbst Olga reitet wie eine Amazone! Heute erst wieder soll sie gegen mein Wissen auf einer Manège tolle Streiche gemacht haben. Aber die Hauptsache muss jetzt kommen, die edlere Bildung.

Siegbert wurde dann von ihm förmlich angegangen, ob er nicht den Zeichnenunterricht selbst übernehmen wollte. Wie er noch darüber nachsann, ob er wohl Geduld genug besässe, so tief zu den untern Elementen seiner Kunst hinabzusteigen, wandten die beiden Spaziergänger in einen gang, der sich in einem Blumenrunde endete, das der Mittelpunkt mehrerer strahlenförmig hierher geführter Wege war. Noch die Schwierigkeiten solcher Unternehmungen erörternd, trafen sie in dem Blumenrunde an einem hohen Rosenstrauche von weissen Rosen wiederum Olga, die ihnen den rücken kehrte und sie doch zu erwarten schien ... Sie hatte sie kommen sehen, sich dann an den Rosenstrauch gestellt und beugte die Blumen zu sich herab, als hätte sie in ihren Kelchen etwas zu suchen und zu forschen ...

Wie Rudhard an ihr vorüberging, strich er nur leise mit der Hand über die festangezogenen Scheitel ihres schwarzen Haares und sagte, ohne sich weiter aufzuhalten, nichts als:

Olga, suchst du aus Langerweile Marienwürmchen? Oder Was?

Olga sagte nichts auf dies scharfe, absichtliche Wort, blickte auch nicht um sich.. erst als beide Männer vorüber waren, bemerkte Siegbert durch einen Seitenblick, dass sie sich umwandte und ihm nachsah. Kaum begegnete sein blick dem ihrigen, als sie wahrscheinlich in einem plötzlichen Anfall kindischer Verlegenheit so behend, wie ein flüchtiges Reh, auf und davon rannte ...

Das Fliegen der langen Zöpfe bot einen fast komischen Anblick.

Das ist ein eigenes Wesen! sagte Siegbert ...

Eine Träumerin,