schlug in dem kleinen buch mit altem abgestossenen Maroquinband die vergilbten Blätter auf und zeigte Siegberten eins, wo sein Vater recht mit einer Knabenhand die Worte eingeschrieben hatte:
Nemo ante mortem beatus. In memoriam Ottonis Wildungen Portensis.
Paulowna fragte, wie das hiesse und Rurik konnte schon so viel Latein, dass er auf Rudhard's Aufforderung übersetzte:
Niemand ist vor dem tod glücklich. Zur Erinnerung an Otto Wildungen ...
Bei Portensis stockte Rurik. Rudhard musste es erklären und sagte:
Das heisst Otto Wildungen, ein fleissiger und sehr braver Schüler aus dem berühmten alten Stifte zur Schulpforte.
Rurik begriff nicht, wie ein einziges Wort Portensis so viel ausdrücken könne und wurde über die Vortrefflichkeit der alten Römersprache sehr nachdenklich.
Siegbert fühlte die Wahrheit dieses Spruches aus dem kummervollen Leben des Vaters ergriffen genug nach. Auf einem andern Blatte stand:
Per aspera ad astra. In memoriam Teophili Gelbsattel Portensis.
Rurik übersetzte wieder streng schülerhaft:
Durch Rauhes zu den Gestirnen. Zur Erinnerung an –
Gottlieb Gelbsattel, ergänzte Rudhard –
Heisst Portensis hier wieder ein fleissiger, braver Schüler aus Schulpforte? fragte Rurik.
Hier heisst es, sagte Rudhard, bloss: Ein gut fortgekommener Schüler aus Schulpforte.
Rurik begriff diese neue Feinheit der Sprache nicht und übersetzte jetzt ohne allen Commentar das dritte Blatt von Heinrich Rodewald, das so lautete:
Nec te vestigia terrent! In memoriam Henrici Rodewald Portensis.
Und nicht dich Spuren schrecken! Was heisst Das? sagte der Knabe.
Rudhard antwortete:
Dieser Spruch ist schwer, mein Sohn, für einen Knaben zu begreifen und noch unglaublicher, wie man ihn als Knabe schon zum Denkspruch wählen konnte. Sicher hatte ein Lehrer diesen Spruch erläutert und für den wilden unternehmenden Rodewald passte er wohl. Dich erschrecken nicht, heisst Das, die Folgen deiner und fremder Handlungen! Ein trotziges Wort! Und doch gefällt es mir, wenn es der Mutige und der Tugendhafte sagt.
Siegbert mochte nicht hinzufügen, dass es hier der Tugendhafte nicht gesagt hätte. Dennoch musste er erstaunen, wie im Bruder seiner Mutter schon so früh sich diese Sicherheit der eigenen moralischen Verantwortlichkeit ausgesprochen hatte: Nec te vestigia terrent! Und Spuren, ob eigne oder fremde, Folgen oder Gefahren, schrecken dich nicht!
Rudhard ergriff die Feder und sagte:
Zu Ihrem Vater aber muss ich ein Kreuz setzen zum Zeichen, dass er dahin ist. Niemand ist vor dem tod glücklich. Wann fand der Gute sein Glück?
Siegbert nahm ihm die Feder ab und schrieb in bewegter Stimmung den schmerzlichen Todestag des Vaters hin. Unwillkürlich malte er dann das bei allen Verstorbenen stehende Kreuz so wie es zu ihrer Familiengeschichte gehörte, mit dem vierblättrigen Kleeblatt. Dazu schlug die merkwürdige alte Uhr über ihnen eben sieben und der Sensenmann schwang richtig siebenmal seine Hippe.
Die Form des Kreuzes fiel Rudhard auf. Doch unterliess es Siegbert ihm weitere Aufklärungen zu geben, weil der kleine Rurik durch die Devise: Niemand ist vor dem tod glücklich! auf das Auskramen seiner kleinen Weisheit geriet. Er wusste nämlich, dass diese Worte der weise Solon zum reichen Krösus gesagt haben soll, als ihm dieser seine Schätze zeigte. Rudhard ermunterte ihn, diese hübsche geschichte seiner Schwester Paulowna zu erzählen. Er wollte ihn vorläufig los sein.
Indem Rurik sich dazu mit vielfachen Selbstberichtigungen und Wendungen: Nein, so war's, oder so.. in Atem setzte, bemerkte Siegbert, dass sich die Gesellschaft des nicht zu geräumigen Zimmers um eine person vergrössert hatte.
Ganz leise und von ihm wenigstens unbemerkt war während des Blätterns in dem alten Schulpforter Stammbuche ein junges Mädchen von eigentümlichem Wesen eingetreten und hatte sich ohne Gruss, ohne Anteil zu bezeugen, ohne ein Wort zu sprechen hinter Rudhard gestellt und den Erläuterungen der einzelnen Blätter zugehört.
Sie war älter als Rurik, der etwa zwölf Jahre zählen mochte.. Paulowna schien deren erst acht zu haben. Dennoch hatte sie etwas, was hinter ihren Jahren zurück war und plötzlich wieder etwas, was ihnen weit voraus schien. Sie war nicht gross, diese zarte Gestalt, von einer durchsichtigen weissen Haut. Der Kopf war entschieden russischnational. Die Augen mehr länglich als rund, aber sanft mit langen schwarzen Wimpern beschattet; die Lippen voll und schwellend, aber etwas bleich. Die Form des Gesichtes sehr rund, die Nase zart, aber mehr stumpf, als regelmässig schön, die Augen blau, ruhig, tief und klar oder doch nur so unheimlich wie ein zu stiller See, von dem man nicht weiss, wo er das frische Quellwasser, das in ihm rinnt, hernimmt, durch welche unterirdische Schleuse er mit grösseren, unbekannten, geheimnissvollen Gewässern zusammenhängt. Das starke pechschwarze, glänzende Haar war vorn im Scheitel und hing in den Nacken in zwei dick geflochtenen Zöpfen herab. Dass dies Mädchen noch feine battistene Spitzenpantalons trug, war fast eine Anomalie und doch war bei allem Ernst ihres Wesens, bei aller Reife des Blickes der ganze Eindruck unbestimmt, ja auf Augenblicke völlig kindlich.
Wie Siegbert diese stillgekommene Vermehrung der Gesellschaft bemerkte, sagte Rudhard zur Vorstellung die einfachen kurzen Worte:
Meine liebe Olga! Die Schwester meines guten Rurik, der so gut aus dem Herodot zu erzählen weiss, den er binnen zwei Jahren hoffentlich im Urtext liest! Der junge Maler, von dem ich der Mutter vorhin erzählte, Herr Wildungen!
Olga Wäsämskoi achtete wenig auf diese etwas förmlichen Worte, sondern sah fast tot und kalt in das Stammbuch, das Rudhard eben weggelegt hatte. Sie betrachtete das Kreuz