1850_Gutzkow_030_265.txt

als das Unglück selbst. Lebensfrohe, hoffende, glückberechtigte Jugend, warum musst du weinen? Stolzes, von Göttern geliebtes, riesenkräftig arbeitendes Genie, warum musst du leiden? Edler, grosser Wille, warum musst du scheitern? Warum du? Warum du? Diese bittre Frage um Etwas, Das deine Kraft längst stolz beantwortet hat, Die ist es, die an deinem Herzen nagt und dein Gemüt verwundet!

...Siegbert war von seinem Kummer fortgerissen und so erfüllt von der Vorstellung, dass sein Bruder, der ihn erst um neun Uhr, bei jenem ihm plötzlich sonderbarerweise so nahe gerückten Fritz Hackert in der unheimlich alten, verrufenen Brandgasse sehen wollte, die Zeit bis dahin auf einer einsamen Wanderung vor den Toren, im Parke, am Schlossteiche, in den Alleen, die zu den Dörfern führten, zubrächte, dass er sich aufraffte und ihn dort suchen wollte.

Es hatte sechs geschlagen. Die Sonne warf freundliche Lichter. Spaziergänger suchten wie er die Tore. Er flog nach der Gegend hin, die ihm die stillste und für den Kummer einladendste schien ...

In einer halben Stunde war er unter jenen Gärten und Villen, die wir bei gelegenheit der Wohnungsangabe Paulinen's von Harder kennen lernten. Hier gab es stille Plätze und enge Wege, die hinaus in's Feld führten. Kinder mit Kornblumenkränzen begegneten ihm. Liebende gaben sich hier hinter den Mauern der Gärten ihre unbelauschten Stelldicheins. Gelehrte setzten sich mit Büchern auf eine einsame Bank und schöpften freie Atemzüge in ihre gebückte Brust.

Hier siehst du, sagte sich Siegbert, den Bruder unter irgend einem Lindenbaum! Du kennst einen solchen, dicht am Eingang in die Kornfelder! Dort sitzt er gewiss und denkt: Warum ist Siegbert nicht bei dir und wir plaudern über das Leben, die Täuschungen der Herzen, das allgemeine Ziel der Menschheit und unser eigenes!

So nachdenkend, bemerkte Siegbert kaum, dass er in dieselbe Gegend kam, wo ihm Rudhard gesagt hatte, dass auch die Fürstin Wäsämskoi wohne ...

Wie erstaunte er, als er an einem Spalier in einem kleinen Vorgarten plötzlich wieder denselben strengen Mann mit einem buch lesend fand, umgeben aber von zwei wunderschönen Kindern, einem Knaben und einem Mädchen ...

Bald spielte der rüstige Greis mit den Kindern, bald las er eine Stelle in seinem buch.

Ein Teller voll Obst stand auf einem grünen Tische neben ihm. Die Kinder naschten und er stellte sich, als sähe er es nicht ...

Wenn eins eine Kirsche ergriffen hatte, fuhr er mit der Hand nach den kleinen Dieben und diese freuten sich jubelnd ihn überlistet zu haben.

Siegbert, der Das so beobachtete, wollte erst an dem Stacket vorüber und wusste nun nicht, ob er sich nicht lieber zurückziehen sollte. Dem Besinnen über seinen Entschluss blieb aber nicht viel Zeit; denn Rudhard entdeckte ihn bei einer Wendung, die er, um die Kirschendiebe zu haschen, nehmen musste. Er schien sehr angenehm überrascht, seinen eben verlassenen Bekannten schon wiederzufinden und lud Siegbert ein, jetzt nur gleich hereinzutreten.. Hier wohne er! Dies wären die jüngsten Kinder der Fürstin!

Siegberten war es, als wenn er zudringlich erscheinen könnte, als wenn man glauben müsste, er hätte absichtlich schon jetzt diese Gegend aufgesucht.. Er war in sichtlicher Verlegenheit.

Aber Rudhard blieb dabei, er müsse nun eintreten, sein Zimmer, seine Bücher, seine Sammlungen sehen.

Wir haben uns eingerichtet, sagte er, hier ein paar Jahre zu bleiben!

Wie er aber das fortgesetzte Sträuben Siegbert's durch die Worte zu widerlegen suchte: Und mein Stammbuch aus Schulpforte? Wie ist's damit? – da konnte Siegbert nicht widerstehen, sondern trat durch die Pforte zur wohnung der Fürstin Wäsämskoi ein.

Die von Gusseisen gefertigte Tür dröhnte gewaltig, als sie hinter ihm durch ihre Wucht von selbst zufiel.

Vierzehntes Capitel

Olga Wäsämskoi

Die kleinen Wäsämskoi's hiessen Rurik und Paulowna, sprachen deutsch und glichen sicher mehr ihrer deutschen Mutter, einer gebornen Adèle von Osteggen, als ihrem russischen Vater, dem Knäs Wäsämskoi.

Zutraulich machten sie die Bekanntschaft Siegbert's, von dem ihnen Rudhard, obgleich noch völlig unbekannt mit Siegbert's Talent, doch erzählte, dass er ein Maler wäre und herrliche Bilder machen könne.

Gleich hatten sie ihm ihre eignen Versuche in dieser Kunst mitzuteilen und versprachen ihm Proben zu zeigen.

Siegbert fasste die kleine Paulowna an der Hand, Rurik zog, ja zerrte ihn fast die Treppe hinauf in das Zimmer Rudhard's, den sie Papa nannten.

Dies Zimmer war sehr traulich von der eben sinkenden Sonne beleuchtet und obgleich erst seit kurzem bewohnt, doch schon von Taback ziemlich eingeräuchert.

Ich bin kein eleganter Hofmeister, sagte Rudhard, wie der moschusduftende Monsieur Rafflard in Schmalelinken, wo ich keine andere Unterhaltung als mein Weib, die Besuche aus Osteggen und den Taback hatte.

Die Kinder liessen ihm keine Zeit, seine eigene Einrichtung zu zeigen. Alles wussten sie genauer als Rudhard. Sie schleppten Bücher, Zeichnungen, gestickte Polster herbei, um ihren Besuch zu unterhalten. Ja es hätte nicht gefehlt, sie würden eine altmodische Stutzuhr heruntergeholt haben, um ihm zu zeigen, dass daran in Bronze der Tod immer mit der Hippe aufklopfe, wenn es eine neue Stunde schlüge ...

Endlich hatte Rudhard unter Papieren kramend sein altes Stammbuch gefunden und zeigte es Siegberten, den teils die Kinder, teils der anmutige blick in den Garten fesselten.

Rudhard