Fürstin Amanda erleichterte. Ich habe Sie kennen gelernt, einen Sohn meines kleinen Wildungen, der so sinnig und gut war! Und der ruht nun auch schon! Gelbsattel ist ein hochgestellter Papst unsrer Kirche, Rodewald, nach dem Sie mich fragen, scheint verschollen, ich verlor ihn ganz aus dem Gedächtniss. Er war der Jüngste von Allen, wild und störrisch, aber der Begabteste! Und Sie sind nun Einer von unsrer jungen Generation! Ein Maler! Neue Begriffe! Neue Lebensanschauungen! Auf eine Welt versetzt, in Zeitwirren, aus denen wir bald erlöst sein werden. Wir nämlich, die wir sie nicht mehr verstehen! Ich bin nur über Eins froh, dass die Menschen offner und gerader werden! Das ist noch das Beste von Dem, was uns diese Tage gebracht haben. Das Übermass von Freimut hat wenigstens das traurige Untermass von früher, die Heuchelei und das Kriechen, entfernt. Im Übrigen find' ich mich nicht mehr in dieser Zeit zurecht ...
Sie kommen freilich aus Russland, sagte Siegbert lächelnd.
Aber nicht aus Sibirien, ergänzte Rudhard, schon die Tür ergreifend. In Odessa friert der Verstand nicht ein und wo man das grosse allmächtige Meer sieht, das der menschlichen Dämme und Satzungen spottet, da wird man niemals Sklave. Ja, ja! Des Meeres Anblick macht Alles gleich. Aber.. Aber.. es lehrt auch die ewige Grenze des Irdischen, es lehrt uns Demut und Bescheidenheit. Der stolzeste Segler fährt zerschmettert an ein verstecktes Felsenriff. Die Menschen, die der natur und ihren grossen Weihestunden entrückt sind, bilden sich zuviel ein auf ihre Pygmäenkraft. Auf den Bergen wohnt die Freiheit! Hast Recht, edler Schiller! Aber am Meere wohnt die Beschränkung. Leider liegen Paris, Wien und Berlin weder auf Bergen, noch am Meere. Der Dünkel des Flachlandes beherrscht uns. Die Täumerei der nackten Erdscholle, die nur blauen Himmel um und über sich sieht, Die erfindet die Ideen, die jetzt die Welt erlösen sollen! Ich verteidige Russland nicht: ich achte die Menschenwürde. Aber ein Land, in dem man schweigen muss, lehrt uns denken. Da, wo man Alles sagen darf, denken die Menschen nicht mehr.
Mit diesen Worten trat Rudhard an die Stiege, bis zu deren rand ihn Siegbert begleitet hatte.
Siegbert befand sich, als er wieder allein war, in einer eigenen Stimmung. Er hatte Merkwürdiges, Überraschendes erfahren, aber auch wieder eine Binde mehr vor den Augen. Diese Blätter, die er eben hatte lesen wollen, die ihn so fesselten, so reizten, schlossen sich nun wie ein heiliges geheimnis ... Er fiel in die Wehmut über die Erfahrungen dieses Tages zurück ... Der Schmerz um Melanie, um den Bruder, um Alles durchzuckte ihn.
Dankmar kam nicht. Bei jedem Geräusch hoffte er, der Bruder würde eintreten. Er blieb aus ...
Siegbert fühlte das Leid des Bruders wie sein eigenes. Beiden war eine lichte rosige Wolke entflohen! Beiden hatte derselbe Traum von Glück und Liebe gelächelt! Des Jünglings ringende Seele hat ja nur Eins, was ihn ganz erfüllen, ganz und voll ergreifen kann: die Liebe! Alles Andre, was sonst in sein Inneres drängt, ist ja noch unreif, unfertig und bedarf tausendfacher Bestätigung durch die Erfahrung und durch die unermessliche Bücherwelt! Nur die Liebe bedarf keines Buches, sie liest die grössten Schätze der Weisheit und der Wahrheit im Auge der Geliebten. Die Liebe bedarf keiner Prüfung, sie sieht nur und glaubt ja und vertraut. Die Liebe bedarf der Erfahrung nicht, denn sie liegt vom Anbeginn in unsrem Herzen!
Und diese Zauberkraft war Beiden plötzlich gelähmt! Gelähmt Beiden durch einen einzigen Schlag! Beiden war nichts geblieben als das Bewusstsein ihrer Unfertigkeit und vielleicht nie sich abschliessenden Vollendung! Siegbert fühlte es an sich, was auch Dankmarn bewegen würde.
Er sucht, wie du jetzt, sagte er sich, die Fäden, die ihn in die alte gewohnte Auffassung seiner Mühen und Pflichten wieder zurückführen sollen! Er sucht, wie du jetzt, das in Kupfer verwandelte Gold seines Glückes in den Strom des Vergessens zu werfen und steht am Ufer vielleicht in Tränen dem schweren Falle nachhorchend! Er bittet die Bäume vielleicht auf einsamer Wanderung, ob sie ihm den Namen der Geliebten nicht mehr zurufen würden, um ihn zu quälen! Er bittet sie um mildernde Gedanken und Alles säuselt und rauscht doch vielleicht nur das alte süsse, verlorne, erträumte Glück! Spare mir deinen Duft doch auf, du treuherzige, vertrauliche Blume, spar' ihn mir auf ein künftiges Glück, wenn ich es finde! Jetzt entlockt mir dein Gruss nur Tränen! Die Sprache, die du sprichst, darf ich ja nicht mehr verstehen.
So durchbebte es Siegbert von Mitleid um den Bruder – und um sich!
Ja, auch um sich! Gibt es denn nicht ein Mitleid auch um sich selbst?
Habt Ihr nie Tränen vergossen, träumte Siegbert, als er sich auf des Bruders hartes Sopha streckte, um Euch selber? Nie geweint um die bittern Schläge des Schicksals, die Euch trafen? Nicht, dass Ihr erlaget, dass Ihr unglücklich waret, schmerzte Euch so tief – Ihr hattet Kraft und Mut, das Widerwärtigste zu ertragen; aber dass es kam, dass es Euch gerade traf, dass Ihr es sein musstet, denen das Füllhorn Fortunas immer und immer nur stachlichte Früchte zuwarf dies Mitleid mit Euch selbst war Euch rührender