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krank nach Hohenberg und doch ... das schwärmerische, schmerzlichblickende Auge rührt mich. Vergib mir, liebe Frau, ich habe einen recht bittern Groll gegen dich im Herzen gehabt, du hast mir viel Leides angetan, vergib mir, dass ich mich deinem Andenken nicht früher versöhnte und deine dargebotene Hand ergriff! Der Tod ist hart, aber er ist nicht die Grenze unseres Lebens. Er soll nicht Alles ausgleichen. Der Tod soll Charakter haben, wie das Leben. Wann der Tod jede Tat des Lebens auslöschte, stünde schon seit Jahrtausenden die geschichte still!

Sie klagen sich an, Herr Rudhard, begann Siegbert, indem Sie sich rechtfertigen wollen! Nach meinem Gefühle haben Sie allerdings das Recht verwirkt, die in diesem geheimnis entaltenen Blätter zu lesen! Aber eben wie Sie eintraten fiel mein flüchtiger blick in diese Papiere, deren ganze geschichte ich erst von Ihnen erfahre, und ich fühlte, dass sie Schweres, Bedeutungsvolles entalten.

Der Geist der Fürstin Amanda ruft mir zu, dass diese Blätter ungelesen aufbewahrt bleiben sollten, bis Sie kamen ... Ich würde Ihnen doch das Bild geben, wenn nur mein Bruder damit übereinstimmt!

Ihr Bruder? wiederholte Rudhard ... Er bot Siegberten die Hand und betrachtete den jungen Mann voll Teilnahme. Er erkannte in ihm eine jener schwärmerischen Naturen, die ihm nicht ganz sympatisch waren, aber das Ehrenhafte, Würdevolle und Sanfte seiner Äusserungen gefiel ihm doch so ausserordentlich, dass er eine wahre Liebe zu dem jungen Mann fasste.

Nun wohlan! sagte er. Lassen Sie es von Ihrem Bruder, dessen Ansprüche auf das Bild ich nicht kenne, abhängen! Der Prinz wird hoffentlich genesen. Ich durchfliege dann die Blätter und auf den ersten blick werde' ich sehen, ob ihm diese Geständnisse einer bis über's Grab hinausgehenden Wahrheitsmanie oder die Bücher des Tomas a Kempis nützlicher sind. Zürnen Sie mir deswegen, dass ich die Bitte einer Sterbenden nicht sogleich erfüllte?

Ja! sagte Siegbert mit edler Offenherzigkeit, die Rudhard anerkennen musste. Ich wäre nicht im stand gewesen, eine solche Bitte unausgeführt zu lassen.

Werden Sie sechzig Jahre, mein junger Freund, antwortete Rudhard, indem er seinen Hut ergriff, sehen Sie erst, was Alles auf unser Urteil, unsere Willenskraft mit Zumutungen und Ansprüchen einstürmt und Sie werden zähe werden im Erfüllen, wie ich es bin! Dieses Schwunges der Phantasie, mich in Odessa von allem mir Teuren loszureissen und eine Grille verkehrter Menschen auszuführen, war ich nicht fähig. Verkehrt nenn' ich dich, arme Frau! Vergib mir auch dies Wort! Ich mochte nicht in deine Falle gehen, die noch nach funfzehnjähriger Trennung mir gelegt wurde, um mich zu bekehren! Denn Das ist es, lieber Wildungen! Was Sie auch auf flüchtigen blick in diesen Papieren gefunden haben mögen, sie sind nur für mich berechnet, für meine Erleuchtung, für meine noch im tod von der Proselytin des Glaubens versuchte Erschütterung der eingebildeten eigenen Vernunft!

Siegbert schwieg über diese wohl zuweitgehende, aber charakteristische Vermutung eines starren Rationalisten und schloss das Bild in einen Schrank der "Aula".

Nach einigen Worten, die die neuen Bekannten über die Erklärung Dankmar's und den Ort des baldigen Wiederzusammentreffens gewechselt hatten, sagte Rudhard: Woher stammen Sie denn eigentlich? Der Name Wildungen ist mir so geläufig! Er erinnert michVielleicht an meinen Vater? fiel Siegbert ein. Wildungen! Wildungen! sagte Rudhard. Er warPfarrer in Taldüren und Angerode. Studirte aber mit mirglaube' ich.. Auf der Universität schwerlich, sagte Siegbert. Lebt' er noch, müsst' er erst ein Funfziger sein. Wohl! Wohl! sagte Rudhard. Wildungen! Sieh! Es war mein Schüler ... Sieh! sieh! mein Zeltgenosse, contubernalis von dem Stifte her, das uns bildete. Im schönen Saaltale bei Naumburg auf der Schulpforte wurden wir erzogen. Ich war Primaner und nach damaliger Sitte hatte' ich jüngere Knaben unter meiner Aufsicht. Wildungen! Ich entsinne mich, Otto Wildungen. Otto Wildungen! bestätigte Siegbert bewegt. Er war mein contubernalis, sagte Rudhard. Ich mochte sechs Jahre älter sein als der kleine Quartaner, der meiner Aufsicht anvertraut wurde. Ich hatte deren drei unter meiner Obhut. In meinem alten akademischen Stammbuch hab' ich von ihm einen Denkspruch. Als ich zur Universität ging, schrieb mir jeder der Kleinen etwas zur Erinnerung, natürlich etwas, was ich ihnen dictirte, lateinisch oder griechisch, anders verewigte man sich damals nicht in den Stammbüchern von Schulpforte, in mein Album.

Siegbert bezeugte eine grosse Neugier, dies Erinnerungsblättchen an die früheste Jugend seines Vaters zu lesen ...

Und als er gar noch vernommen hatte, dass die beiden andern contubernales des Primaners Rudhard Rodewald und Gelbsattel geheissen hatten, wuchs seine Neugier in dem Grade, dass ihm Rudhard anbot, ihn doch nun gleich zu begleiten und sich die alte Reliquie anzusehen ... Siegbert schlug es aus, da ihm doch die Sammlung fehlte, mit Jemandem, der nicht ganz auf sein Innerstes gestimmt war, jetzt zu lang' allein zu sein. Er liess sich genau von Rudhard die wohnung der Fürstin Wäsämskoi beschreiben und versprach, ihm schon morgen über Das, was sein Bruder wegen des Bildes beschliessen würde, Bescheid zu geben.

Rudhard ging mit den Worten:

Ich freue mich nun doch, dass ich dem Triebe folgen musste, Etwas zu tun, was die auf mich abgesehene Bekehrungsmetode der