zum Erlöser, aus Geringschätzung des Lebens, aus wirklicher Demut kamen. Eine Zeit lang hab' ich es geglaubt. Wie ich erfuhr, mein Egon ist von Genf nach Lyon zu Fuss gewandert, wie er mir einst einen guten, edlen Brief von dort schrieb, wie ich hörte, ihn ekle die schaale, grosse Welt an, er hätte fast denselben Beruf ergriffen, den Anfangs auch der Heiland von seinem Vater Joseph erlernte, – Rudhard lächelte – überkam mich eine Stimmung, die ich nicht schildern kann und doch hab' ich sie geschildert, habe versucht, sie zu schildern und schrieb meinem Sohne einen Rückblick auf mein Leben mit der Wahrheit, die aufgedeckt ist im buch des Lebens und zu der es mich drängt mit unwiderstehlicher Erleuchtung. Als ich diese Geständnisse kurz vor dem Augenblick, wo ich in einer Nacht glaubte, an meinem Übel sterben zu müssen, vollendet hatte, wusst' ich nicht, wohin damit? Du stirbst und diese Blätter, wer bringt sie dem Sohne und ruft ihm durch sie zu: Folge deinem Rufe! Übe Demut! Sei was dein Heiland war! Ach, es war Nacht um mich – die Wächterin schlief. Da griff ich nach einem alten Bilde, das meine jugendlichen Züge darstellte, es hing über meinem Bette. Es hatte ein geheimnis, ein Kästchen, das auf einen Druck am Glase aufsprang, ein Scherz, den ich in jungen Jahren zu kleinem, verstecktem Krame benutzt hatte. Dort barg ich mein Gebet zu Gott, mein geständnis, das ich in einigen schlaflosen und doch entzückten Nächten niedergeschrieben hatte, und glaubte nun zu sterben."
Siegbert war über die plötzliche Aufklärung des Bildes so erregt, dass ihm das Lesen der schwierigen Handschrift wunderbar von Statten ging. Er fuhr fort:
"Ich starb nicht. Dies Übel ist fürchterlich, lieber Pfarrer. Es gewährt augenblickliche Pausen, wo man an Genesung glaubt und dann bricht die Macht der Zerstörung mit Hammerschlägen wieder auf die verwesenden Teile und man glaubt zu sterben, ohne es zu können. Moschus und Opium führen über die grässlichen Krisen hinweg. Ich hatte oft Denkwürdigkeiten aus meinem Leben aufgesetzt und wenn ich Bogen vollgeschrieben hatte, sie wieder verbrannt. Sie waren nicht die reine Wahrheit, sie schlüpften ohne Reue über meine grössten Sünden hinweg, ich vernichtete sie, weil ich mir vorkam wie der Pharisäer, der stolz auf seine Brust schlug und sich rühmte: Ich danke dir Gott, dass ich nicht bin wie Die! In jenem Jubelrufe an den Sohn aber war ich wahr gewesen; doch ich schauderte, wenn ich bedachte, was ich geschrieben! Es war Anfangs meine Absicht, jenes Bild zu versiegeln und bei Gerichten niederzulegen. Aber dann ergriff mich's mit furchtbarer Angst. Wie kannst du Das von dir geben? Wie kannst du dir die Möglichkeit nehmen, diese Blätter bei andrer Gesinnung rasch zu ergreifen und zu zerstören? Nein, du musst sie zur Hand haben, und schon streckte die Hand sich aus, um die Papiere zu vernichten. Da zögerte ich wieder und warf mir vor: Siehst du, dass du zitterst vor der Wahrheit! Siehst du, dass du in Kleidern prangen willst, wie die Gerechten und deine Blösse verdeckst und sie nur Gott gestehen willst! Als ich später Schlimmes von Egon erfuhr, dachte' ich auch: O wie gut wäre dir's, Sohn, der Himmel schüttete eine Schale über dich aus, eine Schale seines Zornes und du lerntest Demut durch äussere Dinge, da sie nicht in dir ist!"
Was sagen Sie zu dieser Selbstqual? unterbrach Rudhard den Vorleser.
Siegbert fuhr ohne zu erwidern fort:
"Ich schreibe an diesem Briefe schon den dritten Tag, lieber Pfarrer. Mein Ende naht. Ich fühle Das an jenem Pochen, das nun schon oft bis an's Herz reicht. Ein Schlag dieses Klopfers, der gut gezielt hat, und ich bin nicht mehr. Ich habe inzwischen Manches angeordnet. Der Fürst ehrte meinen Willen und lässt die Verhältnisse Hohenberg's ein Jahr so geordnet, wie sie sind, wenn ich die Augen schliesse. Auch die Einrichtung meiner Zimmer bleibt. Dem Sohne empfahl ich durch einige Zeilen, die wohl die letzten sind, die ich an ihn richtete, wirklich das Bild und sein geheimnis. Zugleich aber, da meine Gedanken und Gefühle in einen nimmer auszugleichenden Widerstreit geraten sind, entschloss ich mich, über diese Papiere noch Einen zu Rate zu ziehen, vor dem ich mich nicht scheuen würde, wenn er sie läse. Ich suchte lange, bis ich ein Wesen fand, das mir würdig schien. Ich fand zuletzt einige Würdige. Aber unter den Würdigen nur Einen, der nützlich, weltlich und klug genug schien, Sie, Rudhard. Dass Sie leben, weiss ich; denn Ihren Tod würde' ich in den Kirchenblättern, die ich halte, erfahren haben. Wollen Sie mir das Versprechen geben, nach meinem Hingange, aber ich beschwöre Sie, ohne Kenntnissnahme des Fürsten! sich das geheimnis jenes Bildes zu verschaffen und selbst zu prüfen, ob Egon diese Blätter lesen darf oder nicht? Ihnen entdeck' ich mich, weil ich weiss, dass Sie schweigen, wenn Sie zu schweigen gelobt haben, reden, wenn Sie zu reden gelobten. Sie werden aus diesen Blättern erkennen, warum ich Christus suchte. Halten Sie sie schädlich für Ihren Zögling, der nach Allem, was er über die Verläugnung seines Standes und den Entschluss,