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Schwarzen Meere zu finden; einen Brief, dessen Absicht ich versäumt glaubte, als er ankam, ja der selbst rechtzeitig hätte eintreffen können und mir keinen Entschluss würde abgewonnen haben, so erbittert und gram war ich damals dem Andenken an Alles, was mich an Hohenberg erinnerte. Doch lesen Sie selbst diesen Brief und erfahren Sie damit zu gleicher Zeit den Grund, der mich zu Ihnen führte und mich bestimmte, Ihnen einen Überblick meines Lebens zu geben. Um jedoch Ihre Spannung nicht zu lange hinzuhalten, bemerk' ich, dass mein Besuch mit einem Bilde der Fürstin Amanda zusammenhängt, das Sie besitzen.

Mit einem Bilde? fragte Siegbert erstaunt ....

Ist es nicht so? bemerkte Rudhard, der sich in seinem sichern Auftreten nicht stören liess. Sie besitzen ein Bild der Fürstin?

Allerdings; aber ....

So bitte' ich! Lesen Sie!

Dreizehntes Capitel

Eine neue Wendung

Rudhard zog ein grosses Portefeuille aus der Brusttasche, schnallte es auf und nahm aus mancherlei Papieren und Dokumenten, die in ihr angehäuft lagen, einen zierlichen Brief hervor, der durch seine mit hundert Notizen und Strichen überkritzelte Adresse einen wunderlichen Anblick bot. Es waren darauf ersichtlich die vielen Postzeichen und Bemerkungen des Hin- und Hersendens nach dem Adressaten in deutscher und russischer Sprache, in blauer, roter, grüner Tinte und wer weiss, setzte Rudhard mit einem leisen Anfluge von Lächeln hinzu, ob nicht noch in unsichtbarer, sympatetischer Tinte, die nur die geheime Polizei zu sehen und zu lesen im stand ist!

Der Brief selbst, mit schwacher Hand, unsicher, wie von einer Todtkranken geschrieben, lautete:

"Nach Allem, lieber Rudhard, was zwischen uns auf dieser Erde vorgefallen ist, werden Sie erstaunen, wie Sie noch, ehe ich dies Dasein verlasse, von mir einen Abschiedsgruss erhalten können! Ja, mein lieber Rudhard, ich stehe an der Pforte der Ewigkeit. Die Stunden sind gezählt, die mich die Langmut des Herrn noch atmen lässt und ich frage mich, warum der erlösende Engel noch immer nicht kommen, an mein Lager treten und mir die Augen zudrücken will! Ich frage: Was gibt dir denn der Herr noch zu bedenken? Was sollst du noch in deinem haus ordnen, ehe du die Heimkehr zu deinem Erlöser antrittst? Ich blikke um mich, wo wohl noch ein Herz schlägt, das ich betrübte, wo wohl noch ein Fehl zu sühnen und zu büssen ist, und der Erinnerungen an Schlimmes und Sündhaftes sind in mir so viele, lieber Rudhard, dass ich noch eine Ewigkeit leben müsste, jeden nagenden Gedanken aus meiner Seele zu tilgen. Ach, mein Heiland, muss ich beten, ich ermüde, mich so zu schmükken wie du mich haben willst! Nimm mich hin in deine arme und lass die Gnade mich rein waschen von meinen Sünden!"

Siegbert stockte, gerührt von diesen innigen Worten.

Ein Wink Rudhard's, ein leichtes Kopfschütteln, foderte ihn auf, fortzufahren. Siegbert las:

"Dennoch nutz' ich jede Frist, die mir die Anfälle der traurigen Krankheit, an der ich sterbe, lassen, – es ist dies Übel jenes schmerzlichste, an dem wir Frauen uns auflösen müssenum doch irgend Etwas abzutun, was mit meiner schwachen Kraft mir erreichbar scheint, und da bin ich zu einer ernstaften Betrachtung gekommen, die mich darauf führt, Ihnen zu schreiben."

Sie wird Sie, unterbrach sich Siegbert, um Verzeihung bitten, dass sie Ihnen so weh getan, Ihren aufrichtigen Sinn verkannt, Sie von Haus und Herd vertrieben hat.

O nein, sagte Rudhard, mit ironischer Miene. Erwarten Sie eine solche Reue von einer Gottbegnadigten nicht! Auch ich erwartete, dass sie vielleicht, alle religiöse Parteiung bei Seite setzend, sich auf einen rein menschlichen Standpunkt stellen und mir als Menschen, als ehemaligem Freund, als Erzieher ihres Sohnes in der letzten Stunde ein Wort der Versöhnung zurufen würde. Nein! Davon finden Sie nichts! Im Gegenteil, sie verharrt in ihrem Bewusstsein reinster Gottseligkeit und überlässt mir nur noch eine Gewissenspflicht, die ich nach einer allgemeinen, rein praktischen und nur klugen Auffassung des Lebens prüfen solle. Sie anerkennt in mir den rechtlichen Mann; Das ist Alles!

Aber viel! sagte Siegbert. Viel wenn es ein Auftrag ist, der einen rechtlichen Mann erfodert und unter Hunderten, die sie wählen konnte, Sie es sind, an den sie in der Sterbestunde dachte, Sie, der Jahre lang ihrem Gedächtnisse entrückt war.

Ich bitte, lesen Sie! sagte Rudhard ruhig und ohne den mindesten Anflug eines geschmeichelten Gefühls.

"Was aus meinem unglücklichen Egon geworden, fuhr Siegbert fort, wissen Sie vielleicht! Ich weiss, dass es Niemandem unbekannt geblieben ist. Die religiöse Weihe, die ich seiner Erziehung geben wollte, hat keinen Widerschein in seiner Seele gefunden. Mit zerrissenem Mutterherzen gesteh' ich Ihnen, dass kein Sohn seiner Mutter geringere Aufmerksamkeit zeigt, kein Sohn die Hoffnungen seiner Ältern mehr getäuscht hat als dieser Unglückliche, Tiefverblendete! Dass ihn die innere Haltlosigkeit seiner Seele anekelte und ihn antrieb, nicht seinem stand gemäss zu leben, will ich nicht tadeln. Aber nicht das Gefühl der Reue ist es, was ihn veranlasste, sich das Kleid des Handwerkers anzuziehen, sondern leere, nichtige Originalitätssucht, der schlimmste von allen Trieben nach Auszeichnung. Ich wenigstens kann nicht daran glauben, dass die Erniedrigungen, die er in Lyon und Paris über sich verhängte, aus Liebe