dürfte ...
Dabei hatte ihn Dankmar schon auf den Bock gehoben. Der Wirt warf die Decke und einen alten Mantel nach.
Erlauben Sie aber noch, sagte Hackert, sich zu Siegbert umwendend, erlauben Sie nur noch – zur Reise braucht man Geld – darf ich um mein Pfand bitten –
Ihr Pfand behält mein Bruder, sagte Dankmar rasch entschlossen. Wer verbürgt mir, dass Sie den Gaul richtig abgeliefert haben?
Henker! Was? rief Hackert und richtete sich auf dem Bocke hoch auf. Sie wollten ...
Aber in demselben Augenblicke schlug Dankmar mit der Peitsche schon auf das Tier ein, rief: Allez! und ohne weitern Abschied zu nehmen, jagte er aus dem Torweg hinaus, schwenkte rechts um und hielt Hackerten, der immer schrie: Halt! halt! Lassen Sie mich! auf dem Bocke fest, wie Einen, den man mit Gewalt entführt. So flogen sie von dannen ......
Siegbert wusste nicht, wie ihm dabei geschah. Es schien ihm bald, als wenn Hackert, wie er das Pferd entwendet hätte, so vielleicht auch Absichten auf das Fuhrwerk hegte. Bald schlug er sich wieder an die Stirn über die Gefahr, in die er seinen Bruder sich stürzen sah. Zuletzt musste er lachen, wenn er bedachte, mit welcher Geistesgegenwart Dankmar plötzlich alle Verlegenheiten über die Rückgabe der hundert Taler abgebrochen hatte. Ein Eingeständniss an Hakkert, dass man von ihm das im Augenblicke so nötige Reisegeld hätte borgen müssen, wär' ihm zu peinlich gewesen. Ihm schwindelte, wenn er bedachte, wie fast gewaltsam der Zufall heute diesen Fremden in sein Leben gedrängt hatte – und nun war er mit dem Bruder unterwegs! Der Wagen rasselte noch eine Weile. Dann keine Spur mehr.
Wer ist der Mensch? fragte der Pelikanwirt. Als Siegbert schwieg, bestätigte Kaspar, dass er während Peters' Erzählung in den Hof hineingetreten wäre und zugehört hätte. Siegbert besann sich, dass er dem Bruder die zwanzig Taler glücklicherweise hinter dem grossen Frachtwagen, also von Hackert ungesehen, zugezählt hatte. Erst wieder von da hervortretend, wurden sie von ihm angeredet.
Zu dem Allem kam noch Katrine weinend über das Elend ihres Mannes. Er hatte ihr die sämmtlichen Declarationen seiner Fracht eingehändigt und sich wie ein Sterbender ins Bett geworfen mit den Worten: Mach du nun Alles ab: ich werde wohl recht lange krank liegen! Von da an hätt' er nichts mehr hören und sehen, auch nichts mehr geniessen mögen. Siegbert versagte der weinenden Frau nichts von seiner Teilnahme, bezahlte seine Schuld und versprach ihr und dem Pelikanwirt aus der Stadt sogleich einen Arzt zu schicken.
Er ging und zuerst zu dem nächsten arzt, den ihm der Pelikanwirt bezeichnet hatte. Dann aber trieb es ihn in die Lasally'sche Reitbahn, um zu hören, ob Hackert wirklich das Pferd abgeliefert.
Im Gewühl der Stadt angekommen, hörte und sah er nichts von den Menschen, die an ihm spät Abends noch vorüberstreiften, so erfüllt war er von Angst und Schrecken über die fernern Begegnisse seines Bruders, der ihm einem Phantome nachzujagen schien, für das ihm jede reelle Anknüpfung fehlte! Nur der eine Gedanke wurde ihm in diesem Tumulte zuletzt licht und klar, der ihm heimlich und geisterhaft zuflüsterte:
Man tanzt in Hohenberg bis tief in die Nacht! Dankmar wird Melanie sehen! Melanie unter geputzten Gästen! Melanie, die Schönste der Sylphiden, die im Mondenschein schlüpfen! Melanie in Hohenberg, umschwärmt von Lasally und den jungen Stutzern der Residenz, die ihr zudringlich genug aufs Land gefolgt sind! Melanie, der bezaubernde Mittelpunkt einer in ihrem Anschauen schwelgenden Gesellschaft .... Die Geigen tönen – die Säle sind erleuchtet – die Blumendüfte einer schönen, reizenden natur dringen durch die geöffneten Fenster – die Sterne funkeln – der Mond flimmert – Melanie und mein Bruder in Hohenberg ...
Da bemerkte Siegbert, dass er schon auf der Ottokarstrasse war, in welcher die geschmackvoll angelegte Reitschule des jungen stadtbekannten Lasally lag. Es schlug zehn Uhr, als er heftig die Glocke des grossen Torwegs zog.
Fünftes Capitel
Der Heidekrug
Dämmerung umhüllte die kleinen tempelheider Anhöhen. An einem linden Hauch aus Westen erfrischten die Bäume am Wege ihr bestäubtes Laub. Leichte Wölkchen, die sich am rand des tiefblauen Horizonts vor die blitzenden Sterne legten, verhiessen vielleicht für den Morgen einen erquickenden Regen, dessen die natur so bedürftig war. Von der grossen Stadt her, die fern im Tale abwärts noch wie ein Lichtmeer wogte, schlugen die Turmuhren die zehnte Stunde. Deutlich trug der Westwind Schlag auf Schlag herüber zu dem einsamen Fuhrwerk, das der aus dem Schlaf geweckte Gaul des Pelikanwirtes noch ziemlich langsam zog; denn auch der Weg ging jetzt steil aufwärts.
Den beiden Passagieren, die wohl fühlten, dass ihnen vor allen Dingen Verständigung nottat, kam dieser mässige Schritt zustatten. Dankmar drückte sich in die Rückwand des kleinen Wagens, Hackert führte auf dem Vordersitze die Peitsche. Beide schienen ernstlich zu überlegen, wie sie so plötzlich in diese nahe Verbindung gekommen waren. Dankmar, der ausser der nächsten Unbequemlichkeit einer zweideutigen, an ihn geketteten Bekanntschaft noch die viel grössere Last des Verlustes seiner wertvollen Papiere zu tragen hatte, entschloss sich, um Raum zur Erwägung seines plötzlichen Reisezwecks zu gewinnen und ungestört über die Wege nachdenken zu können, die er zur Wiedererlangung seines Schatzes würde einschlagen müssen, lieber vorerst das nächste Unbehagen abzuschütteln und sich, soweit es bei der zweifelhaften Ehrlichkeit seines Vordermannes möglich war