beschützte, glaubt' ich, für die spärliche Saat, die jetzt noch Geistliche in die Herzen der Menschen streuen können, hinlänglichen Boden zu finden und fand ihn. Die Nähe einer Rittergutsbesitzung, der angesehenen Familie von Osteggen gehörend, machte mich ganz besonders glücklich. Diese Familie war am begütertsten im benachbarten Kurland, lebte aber lieber als in Russland auf dem bescheidenen Schlösschen Ostegg bei Schmalelinken, wo ich als Pfarrer wirkte. Dieses Glück dauerte aber nur kurze Zeit. Meine Gattin starb. Ich hätte es verwinden können. Aber dem Tiefgebeugten, der gleichsam mit dieser guten Frau auch die Kinder verlor, die sie ihm nicht hatte schenken können, der nun ganz allein in der Welt dastand, entzog sich auch der Trost jener Beziehung zu der Osteggen'schen Familie, wo ich zwei jungen liebenswürdigen Mädchen, Adèle und Helene, Erzieher geworden war. In Plessen war ich von bigotten Deutschen verdrängt worden, in Osteggen verdrängte dagegen mein erscheinen einen gewissen Rafflard aus der reformirten französischen Schweiz. Ich erlöste diese Familie förmlich von der Sklaverei unter dem Joche dieses Rafflard, eines eiteln, unwissenden Intriguanten und hatte die Genugtuung, dass mein Wirken anerkannt, gewürdigt wurde. Da starb aber mein Weib und meine einzige Anlehnung, die Osteggen'sche Familie, wurde durch die glänzende Heirat Adèlens, der ältesten Tochter, mit dem Fürsten Wäsämskoi bestimmt, nach Odessa zu ziehen, wo der Fürst am russischen Gouvernement wirkte. Was tat ich? Ich entschloss mich, den dringenden Bitten der Familie, der ausdrücklichen und ehrenvollen Anerbietung des Fürsten Wäsämskoi zu folgen und ging, nahe meinem fünfzigsten Lebensjahre, mit nach Odessa. Dort am Ufer des schwarzen Meeres, unter südlichem Himmelsstrich verlebte ich glückliche Jahre. Mancher düstre, trübe Zug meines Charakters milderte sich. Was früher hart und starr war, wurde weicher und ebener. Leider verschonten uns herbe Schicksalsschläge nicht. Die alte Baronin Osteggen starb. Vor einigen Monaten ist auch ihr Schwiegersohn, der Fürst Wäsämskoi, auf einer Reise nach der Krim an einem Fieber dahingegangen. So fiel die sorge für die Fürstin Adèle und ihre drei Kinder auf mich. Ihre jüngere Schwester, Helene Osteggen, hatte in Odessa die Bekanntschaft des in Aufträgen reisenden französischen Attaché, Grafen d'Azimont, gemacht und war, nachdem er sie geheiratet, erst nach hier, dieser Stadt, wo er fixirt war, dann nach Paris mit ihm gezogen –
Die Gräfin d'Azimont? fragte Siegbert gespannt. Irr' ich nicht, so ist die Gräfin hier?
Sie ist es, sagte Rudhard mit düstrer Miene, auch ihre ältere Schwester, die Fürstin Wäsämskoi ist hier. Leider geriet mein jüngster Zögling, Helene d'Azimont, so in den Strudel des modernen Weltlebens, dass sie mit der ganzen Familie brach und durch ihre wilde phantastische Lebensweise die Liebe und das Herz der Mutter zu frühe knickte ... Seit mehren Jahren schon ist jeder Verkehr zwischen den Schwestern Helene und Adèle abgebrochen und selbst das unter andern Umständen sehr erfreuliche Zusammentreffen in dieser grossen Stadt wird keine Aussöhnung zu stand bringen. Ich erwähne da Dinge, die in der grossen Welt leider zu bekannt sind ...
Auf Siegbert's Lippen schwebte die Frage, ob Rudhard wohl wisse, welche Beziehung zwischen dem Prinzen Egon und der Gräfin d'Azimont stattfände; doch schwieg er, weil er dem Herzen eines Mannes wehe zu tun fürchtete, dem ohne Zweifel das Werk seiner Erziehung an der zweiten Tochter der Baronin von Osteggen nicht gelungen war.
Rudhard nahm aber diesen Gegenstand selbst auf und zeigte sich über die Chronik der Schwester seines treugebliebenen Zöglings, der Fürstin Wäsämskoi, vollkommen unterrichtet.
Wie schmerzlich muss es mir sein, sagte Rudhard, dass sich die Nachrichten, die wir dann und wann über die Schwärmereien Helenens empfingen, an meinen plötzlich in Paris wieder auftauchenden Schüler Egon von Hohenberg anknüpften! Ich sah, dass auch Egon durch seine Genfer Erziehung in den Strudel geraten war, in welchem Helene unterging, als sie sich verheiratete an einen Mann, der ihr niemals eine sittliche Anlehnung bieten konnte. Wie tief hab' ich das Conventionelle im Leben unserer vornehmen Stände damals verabscheut, wie bitter beklagt, dass mir unmöglich wurde, dies liebenswürdige, reizende, gutmütige Kind, Helene Osteggen, nicht von einer, wie man sie nennen musste, glänzenden Partie mit einem nicht mehr jungen, aber reichen und interessanten französischen Diplomaten fern zu halten! Legte sich doch selbst der Wunsch des Kaisers in die Wagschale, russische Untertanen in Paris, an der Quelle der begebenheiten, in genauester Verbindung eben mit den Lenkern der begebenheiten zu wissen! Ich begehe keine Indiskretion, indem ich von diesen Dingen spreche; denn ich muss sie Ihnen sagen, weil sie mit Dem zusammenhängen, was mich zu Ihnen und Ihrem Bruder führt.
Ich erstaune über Das, was ich hören werde, sagte Siegbert und strich sich über die Stirn, als könnte sie kaum alle diese wunderbaren Beziehungen fassen.
Mein Unmut, fuhr Rudhard fort, erstreckte sich in dem Grade auf Alles, was mit Helenen zusammenhing, dass ich auch Egon verwarf und Niemanden mehr verwarf als die Mutter Egon's, die Fürstin Amanda, die mir so viele bittere Schmerzen in meinem an Freuden nicht reichen Leben verursacht hatte. Was sollte ich dazu sagen, dass ich vor andertalb Jahren einen Brief von der Fürstin Amanda empfing, den sie auf ihrem Todtenbette geschrieben hatte! Einen Brief, der mich erst in Schmalelinken suchte und ein halbes Jahr brauchte, mich am