, mich mit in ihren neuen Lebensplan hineinzuziehen. Alle diese Anzeichen einer neuen bessern Zukunft trübten sich plötzlich, als die Fürstin mir gleich in den ersten Gesprächen, die ich mit ihr nach ihrer vollständigen Einrichtung wechselte, als eine fanatische Anhängerin der neuen frömmelnden Richtung entgegentrat. Sie betonte den Erlöser, die Gnade, die Rechtfertigung und die Nichtigkeit der guten Werke in einem Grade, der mich mit Befremden erfüllte. Eine Weltdame, die sie war, einst, wie ich gehört hatte, vielfach gefeiert, Gattin jenes wilden, berühmten Kriegers, über dessen Sitten wie über seine Tapferkeit nur eine Meinung herrschte, schien es mir unglaublich, dass sie in die Netze der neuen Verlockungen durch eine trübe, oft unehrliche Welt- und Lebensauffassung fallen konnte. Ich beging die Torheit, mit ihr zu streiten. Der Streit war gerade Das, was sie suchte. Aber weit entfernt, mir zu danken, wie ich ihr doch gelegenheit bot, für ihre Wahrheit und für ihren Heiland zeugnis abzulegen, warf sie Mistrauen, Groll, ja zuletzt Feindschaft auf mich. Zwar erhielt ich die Oberaufsicht über den jungen Prinzen und begann mein Werk in meiner Weise, allein es verging nicht ein Tag, wo ich über unsre entgegengesetzten Grundsätze der Erziehung mit der Mutter nicht in Streit geriet. Wie oft wollt' ich nicht die Zügel meiner Aufsicht in ihre Hand zurückgeben! Eine gewisse achtung vor meinen mancherlei zerstreuten Kenntnissen, die Liebe und anhänglichkeit des Knaben an mich trotz meiner Strenge, endlich aber wohl die Verlegenheit, dem kind in dieser ländlichen Zurückgezogenheit irgend eine starke Nahrung des Geistes zu bieten, bestimmte sie doch immer wieder auf's neue, mit mir anzuknüpfen, Aussöhnungen vorzubereiten und Waffenstillstände zu schliessen. Dies dauerte einige Jahre, bis es notwendig wurde, fachwissenschaftliche Lehrer mit zu Rate zu ziehen. Statt den Knaben in ein Institut zu geben, wollte die Fürstin ihn unter ihren Augen behalten und umgab sich mit fortwährend wechselnden Sprach- und Musiklehrern und andern Präceptoren, die im schloss viel Unheil anrichteten und sich selten länger als einige Monate auf ihren Plätzen behaupteten. Ich litt bei diesem Wirrsal am meisten; denn selbst die Kinderseele, für die ich dabei am meisten fürchtete, hielt die wilde Planlosigkeit zur Not aus. Wie stark ist nicht ein junges Gemüt in seinem ersten Wachstum!
Wieviel geht nicht in das dürstende Herz hinein, wieviel hinaus, ohne ihm zu schaden! Wär' es nicht so, so müsste man die Kinder in einen durchsichtigen Glasschrank setzen und von der ganzen Welt abschliessen!
Ihr Werk ist gesegnet worden, bemerkte Siegbert. Der leider so heftig erkrankte Prinz Egon soll sich in jeder Hinsicht auszeichnen.
Siegbert sprach diese Worte mit einer Betonung, die seine über diese sonderbar aufrichtigen Mitteilungen zunehmende Verlegenheit deutlich zu erkennen gab.
Darüber fehlt mir ein genaueres Urteil, fuhr Rudhard ernst fort. Ich habe nur die ersten Keime der Bildung in sein allerdings sehr begabtes Innere pflanzen können. Es war ein liebes Kind, trotz Eigensinn und Starrheit und einer überlebhaften Neigung zu Extremen! Ihn krank zu wissen, den nun herangewachsenen Jüngling, ja schon Mann, macht mich traurig.. Nach so vielen Jahren hätt' ich ihn gern freudiger begrüsst. Ich bin gewiss, er hätte sich meiner ohne störendes Misbehagen erinnert! Hat mir doch auch die Mutter in ihren letzten Lebensaugenblicken einen Beweis gegeben, dass sie in weiter Ferne meiner noch mit achtung, ja sozusagen Versöhnung gedachte!
Sie schieden also von Hohenberg? fragte Siegbert.
Schon vor langer Zeit, fuhr Rudhard fort. Die Verstimmung zwischen der Fürstin und mir war nicht mehr zu heilen. Immer mehr Menschen, immer heftigere Bedürfnisse religiöser Schwärmerei drängten sich zwischen sie und mich, und als sie sich entschlossen hatte, gegen mein Bitten und Flehen den Prinzen nach Genf in eine bigotte reformirte Erziehungsanstalt zu schicken, war ich ohne ferneren Halt auf meinem platz und zog vor, Plessen zu verlassen. Bei der Fürstin hatte sich ein Predigtamtscandidat, ein sehr befähigter, aber grundsatzloser Mann, eingenistet. Er wurde, da ich merkte, dass ich in jeder Hinsicht unbequem war, und nun eine andre Pfarre übernahm, mein Nachfolger. Ich darf, mein Verehrter, bei Ihnen, dem ich ganz fremd bin, kein Interesse ansprechen, wenn ich von meinen ferneren Schicksalen erzählen wollte, ich überschlage daher die Blätter meines Lebens bis auf den Augenblick, wo ich –
Nein, nein, sagte Siegbert und ergriff treuherzig die Hand des Fremden, kann einem jungen mann etwas lehrreicher sein, als die Erfahrung des Alters sprechen zu hören! Ich fühle und lebe das Alles mit Ihnen mit, was Sie erzählen! Meine Zeit drängt mich nicht und die letzte Aufklärung über Das, was Sie zu den Brüdern Wildungen führte, bleibt mir ja doch wohl gewiss.
Rudhard empfand ein sichtliches Wohlgefallen an diesen in so weichen Tönen gesprochenen Worten des jungen angenehmen Mannes. Er blickte auf ein reines Gemüt, wie er es lieben musste. Seine Augen milderten sich der sanften klarheit des Blickes gegenüber, den Siegbert auf ihn ruhen liess. Doch tat er Das nicht, was vielleicht jeder Andere getan hätte und sprach etwa mit Anerkennung über die Gesinnung des jungen Mannes, die er doch schätzen musste. Er machte nur eine kurze Pause und fuhr mit einer gewissen Strenge fort:
Ich zog mit meinem kränkelnden weib an die fernste Grenze unsres Vaterlandes, Russland zu, in einen Ort Namens Schmalelinken. Dort in einer Provinz, wo man klare Begriffe von der Provinzhauptstadt aus beförderte und