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? Wissen ist noch nicht ausplaudern. Wenn ich schweigen kann, wenn ich Das, was ich hier erfahre, tief in mein Innerstes verschliesse und die gelegenheit ehre, die mich zum Mitwisser fremder Tugend oder fremder Schuld machte, handle ich da gegen meine bessere Überzeugung? Ich sehe eine Quelle und sollte mich nicht an ihr erquicken, weil eine Mauer zu übersteigen wäre, die nicht mein ist, während ich vor Durst verschmachte? Ich lese diese Papiere. Wer kann mich hindern? Wer sagt mir, dass ich sie nicht lesen darf?

Damit ergriff er einen Stuhl, rückte ihn an den Tisch, den Tisch dem Fenster zu, legte sich die Papiere zurecht und war eben im Begriff, mit dem ersten Bogen zu beginnen, als es stark und kräftig draussen an der vorderen Tür pochte.

Diese Störung war unwillkommen. Er hatte vergessen zuzuschliessen oder sich verläugnen zu lassen.

Es klopfte noch einmal und während er rasch die Papiere, die ungeordnet neben ihm lagen, bunt durcheinander wieder in die Kapsel steckte, zudrückte und das Bild bei Seite legte, war schon Jemand in das vordere Zimmer, in die sogenannte "Akademie", eingetreten.

Der Besucher war ein untersetzter Mann, wohl schon ein Sechziger, aber fest, gedrungen und für sein Alter kerngesund. Er hatte eine Mütze auf, die er beim Eintreten abnahm und einen Kopf von harten, strengen Zügen sehen liess. Die Stirn trat etwas hervor, die Nase war nicht fein geformt; sie war kurz und von starken Öffnungen, das Auge lag tief in grauüberbuschten Höhlen ...

Das graue Haar musste einst dunkel gewesen sein; noch war es ungemein stark und ging bis tief über die Stirn herab. Der Mund war ernst, ohne das geringste Zeichen von Sarkasmus oder Satire, aber auch ohne Zeichen irgend eines üblen Willens. Recht düster und streng war der noch wenig ergraute Backenbart. Die Kleidung schlicht, aber sauber. Die Kamaschen an den Füssen gaben dem Fremden sogar ein gewähltes Aussehen, wozu freilich die grauen baumwollenen Handschuhe über den Fingern nicht passten.

Siegbert hatte diesen Mann noch nie gesehen.

Als er aufgestanden war und sich in das vordere Zimmer begeben hatte, wo er den Fremden empfing, sagte dieser, dass er schon einmal dagewesen wäre, um einen der Herren Brüder Wildungen zu sprechen.

Als ihm Siegbert entgegnete, dass er der Ältere dieses Namens und Maler wäre, nannte auch der Fremde seinen Namen.

Ich heisse schlechtweg Rudhard! sagte er.

Siegbert forderte ihn auf Platz zu nehmen und wartete mit Spannung auf Das, was er von diesem Besuche würde zu vernehmen haben.

Auch diesen Namen hatte er noch nie gehört.

Ich muss es für ein grosses Glück halten, begann Rudhard, dass ich in einer Angelegenheit, die ich schon längst zu einem guten Ende hätte führen sollen, nur so kurze Wege einzuschlagen brauche. Ich dachte auf die grössten Schwierigkeiten zu stossen und bin erfreut, dass sich mir Alles wie von selbst in die hände gibt, den letzten Willen einer verstorbenen hohen Dame zu vollziehen. Sie kannten die Fürstin Amanda von Hohenberg?

Siegbert verneinte diese Frage.

So wird sie Ihr Herr Bruder gekannt haben?

Auch für seinen Bruder bestritt Siegbert eine genauere Bekanntschaft mit einer so vornehmen Frau. Er hätte davon Kenntniss haben müssen.

Dann bin ich erstaunt, sagte Rudhard, wie sie Beide, meine Herren, in eine so geheimnissvolle Angelegenheit verwickelt sein können, wie Die ist, welche mich zu Ihnen führt.

Sie spannen meine Neugier, sagte Siegbert und fand in dem Benehmen des Fremden mehr Weltton und Formenglätte, als dem schlichten Äussern und dem strengen blick der Augen zu entsprechen schien.

Auch wird Ihnen dann mein Name fremd sein, fuhr Rudhard fort, und ich muss es daher für meine Pflicht halten, von mir selbst zu sprechen ... Ich war in dem fürstlich Hohenberg'schen dorf Plessen und für eine ziemliche Anzahl in der Nähe liegender Vorwerke vor Jahren Pfarrer und hatte wie es schien zur Zufriedenheit meiner Gemeinde an diesem Orte eine lange Zeit gewirkt. Beförderung hatte' ich freilich wenig zu hoffen, da mein religiöses Glaubensbekenntniss von jenem abwich, durch das allein man damals auf dem kirchlichen Gebiete, leider auch in manchem andern, sein Glück machen konnte. Zu heucheln war meiner nicht würdig. So ertrug ich mein bescheidenes, oft dürftiges los. Ich konnte es, da Gott meine Ehe mit Kindern nicht gesegnet hatte und ich nur für mein Weib, einige Verwandte und mich zu sorgen brauchte.

Siegbert fühlte sich von dieser Eröffnung schon an

gezogen. Er gedachte, ohnehin bewegt, seines Vaters und fühlte die Leiden auch seines gesinnungsgetreuen Charakters um so schmerzlicher nach, als dieser gerade noch die Not um die Versorgung seiner Kinder gehabt hatte und sich selbst so Vieles entzog, um nur die Seinen glücklich zu sehen.

Er hörte, befremdet zugleich von der Ehre, wie er

zu diesen Mitteilungen käme, und mit gelassener, wehmütiger Aufmerksamkeit zu.

Rudhard fuhr fort:

Mein los schien sich zu verbessern, als die Für

stin Amanda von Hohenberg sich entschloss, ihren dauernden Wohnsitz in Hohenberg, ihrem dicht bei meiner Pfarre gelegenen Stammschlosse, zu nehmen und ich daraus wohl eine Erleichterung meiner Lage, wenigstens eine freundlichere Anregung erhoffen durfte. Zu gleicher Zeit wusst' ich, dass sie sich der Erziehung ihres einzigen Kindes, eines Knaben, in dieser Zurückgezogenheit ausschliesslich zu widmen gedachte. Ich erfuhr, dass sie sich sorgfältig nach mir erkundigte und die Absicht hegte