er auf einem Tische, auf dem er neben sich das Bild gelegt hatte, einen harten Gegenstand, sein Tintenfass, bei Seite stellen wollte, um Papier aus einer, grossen Platz wegnehmenden Mappe zu wählen. Nicht achtend, zufällig, stellte er das schwere Tintenfass auf das Glas des Bildes. Doch ein starkes Glas! dachte er erschreckend und nahm das Bild, um mit einem flüchtigen blick die Stärke des Glases zu würdigen. Dies führte ihn zufällig darauf, mit Kraft auf den oberen Rand des Glases zu drücken und im selben Augenblick sprang hinten der Deckel der Kapsel auf. Durch Zufall hatte er das geheimnis der Öffnung selbst gefunden.
Erstaunt über diese wunderbare Enträtselung des Bildes, zögerte er fast, dem weitern Inhalt der Kapsel nachzuspüren; doch fielen darin entaltene, zartgeschriebene kleine Briefblätter von selbst heraus.
Die Versuchung, diese kleine gekritzelte, blassgelbe Handschrift zu lesen, war Anfangs nicht gross ...
Auch widerstand ihr Siegbert. Er war ein Gewissensmensch, der selbst die Geschenke des Zufalls zurückwies, wenn er annehmen konnte, dass sie einem Andern gehörten.
Wer hätte Siegbert ein grosses Verbrechen daraus gemacht, wenn er diese Papiere gelesen hätte? Er wusste so gar nichts vom näheren Zusammenhang dieser Mitteilungen und kannte nicht im mindesten die Bedeutung, die sie dem Prinzen von Hohenberg haben mussten, ja er wusste nicht einmal, von Wem sie kamen ... Darauf hin durchflog er flüchtig wenigstens die ersten Seiten ....
Er fand, dass darin eine Mutter klagt, wie alle Welt sich gegen sie verschworen hätte, wie sie keinen Freund mehr auf Erden fände als Gott, und wie sie nicht wisse, wie Das, was sie einem entfernten Sohne, der seinem stand, leider auch seiner Erziehung, seiner Bildung entsagt hätte, nach ihrem tod in die hände kommen sollte. Jedes bei Gerichten oder Notaren niedergelegte Dokument würde aufsehen erregen und von Seiten ihrer Feinde doch erraten werden. Wie oft wären nicht durch scheinbaren Diebstahl Geheimnisse gewaltsam entdeckt worden! Und doch wäre, was sie zu sagen hätte, so wichtig, so folgenschwer –
Hier brach Siegbert schon ab und liess die Papiere wie glühende Kohlen fallen.
Nach einigen Augenblicken entschloss er sich, sie wieder zusammenzulegen und das Kästchen zu verschliessen.
Wie er sich eben dazu anschicken wollte und die Blättchen an einander reihte, fiel sein Auge, das nur ganz obenhin und flüchtig auf die Buchstaben sah, auf einen Namen, der ihm im höchsten Grade auffallen musste. Dieser Name hiess: Rodewald. Rodewald war der Familienname seiner Mutter..
Er wagte noch einen blick und glaubte sich nicht zu täuschen, wenn er annahm, dass hier von seinem Oheim gesprochen wurde, dem Bruder seiner Mutter, einem gewissen Heinrich Rodewald, von dem er viel Gutes und viel Schlimmes in seiner Jugend gehört hatte, viel Wüstes und Verworrenes.. Heinrich Rodewald galt als verschollen. Er hatte eine Partie gemacht, von der Siegbert ungefähr so viel wusste, dass sie seinen Verhältnissen nicht entsprechend gewesen war.. Dann wusste er noch, dass er nach Frankreich gegangen war – mehr hatte man von ihm nie erfahren.. Heinrich Rodewald! Der Name stand jetzt fast auf allen diesen Blättern. Er musste sie fallen lassen, sie mit Gewalt von sich tun, um nicht der Verführung zu erliegen, sie im Zusammenhang zu lesen.
Als er sich von dem Tische, der ihn magisch anzog, fast mit Gewalt getrennt hatte, fühlte er, wie mächtig die Versuchung ihn doch gefangen hielt.
Heinrich Rodewald! sagte er sich. Mein Oheim! Der verschollene Bruder meiner Mutter, den sie so liebte, der so schön und so leichtsinnig, so geistreich und so unglücklich gewesen sein soll! Wenn ich hier etwas von ihm erführe! Wenn ich meiner Mutter die Freude bereiten könnte, sie auf eine Spur des verlorenen Bruders zu führen, eines Menschen, dem Alle die glänzendste Zukunft prophezeiten und der unter schöner Frauen Gunst, unter Frauenanbetung und gerade durch die Frauen zu grund gegangen sein soll!
So nur zerstreut war Alles, was er von Heinrich Rodewald wusste.. Noch fiel ihm ein, dass er ganz klein war, als sein Vater einmal gesagt hatte, als von des Onkels Wanderungen die Rede war: Nach Amerika sollte Rodewald ziehen! Da mag er Wälder roden! Dies Wortspiel hatte sich ihm tief eingeprägt und doch war es aus so früher Zeit, dass Dankmar nichts davon wusste; denn es war im haus hergebracht, von dem Oheim wenig zu sprechen und ihn als verschollen zu betrachten. Man sprach von Kriegsdiensten, die er in Spanien genommen hätte oder von der französischen Fremdenlegion in Algerien.
Es war nicht ganz Neugier, was Siegbert reizte, es war der erwachte Familiensinn, das wirkliche Interesse für einen Mann, dem er so nahe verwandt war. Wie bebte er aber zurück, als er, noch einmal die Papiere ergreifend und sie durchblätternd, auf einer Seite den Namen Taldüren und nicht weit davon auch das Wort Wildungen entdeckte!..
Wieder liess er die Papiere fallen, aber jetzt in der bestimmten Absicht, sie zu lesen.
Warum sollt' ich nicht? sagte er zu sich selbst. Der wunderbarste Zufall fordert mich ja auf, in die Geheimnisse meiner Familie zu dringen. Bin ich nicht sogar gebunden, wenn ich von einem Menschen höre, dessen Schicksal uns bekümmert, die, die von ihm wissen, auszuforschen, gleichviel ob sie offen von ihm sprechen wollen oder ob ich sie nur belausche