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und Ihrer Weltunkenntniss als eine solche erscheint. Ich bin keine Madonna. Und Ihr Bruderden kenn' ich nicht und mag ihn nicht kennen lernen ... nie mehr sehen ...

Du widersprichst dir, Grausame! sagte Siegbert mit bitterstem Schmerz. Ach, mein Bruder sucht keine Madonnen..

Reden Sie nichts für ihn! Nein! Nichts! Er trifft mich nie, heute nicht, morgen nicht, nie! Leben Sie wohl, Wildungen! Glühen Sie für Ihre Kunst, nicht für Mädchenherzen! Wenigstens nicht für solche, wie das meine ist! Das sag' ich aus Stolz, nicht für mich, sondern.. für Sie!

Damit ergriff sie die Tür. Sie hatte das Letzte schon im Gehen gesprochen.. Sie verschwand. Der Wagen rollte dahin!

Siegbert sank auf einen Sessel, neben den Blumen, die er eben erfrischen wollte. Er war sterbender als diese ...

So lag er über eine halbe Stunde fast bewusstlos ...

Das furchtbare Wort: Ich liebe Sie nicht! ... wühlte in seiner Brust, wie ein zweischneidiges Schwert!

Dann zog sich die klaffende Wunde etwas zusammen, als er dem letzten Worte des stolzen, schönen, aber marmorkalt gewordenen Mädchens nachdachte:

"Das sag' ich aus Stolz, nicht für mich, sondern für Sie".

Es sollte dies ein Balsam für seinen Schmerz sein, aber er mochte ihn nicht nehmen, er wies ihn von sich, er wiederholte sich nur:

"Ich liebe Sie nicht!"

Als sich der tiefgedemütigte und im innersten Herzen verwundete junge Mann wie aus einem langen düstern Traume aufgerafft, schlug es drei Uhr ...

Er ermannte sich soweit wenigstens, jetzt sich zu erheben, den Hut zu nehmen, die Tür zu verschliessen, den Schlüssel abzugeben und wie ohnmächtig durch die Strassen nach jener Promenade zu gehen, wo sich mitten in der Stadt der berühmte Restaurant "Grün" befand ...

Er traf den Bruder nicht, wohl aber ... einen Brief, den er in dem dennoch von Dankmar bestellten Zimmer still für sich allein las.

Zwölftes Capitel

Junges Leben, frisches Hoffen

Dankmar's Brief an seinen Bruder Siegbert lautete:

Gute Seele! Ach! Ach! ... Dies Ach! bedeutet erstens: Wir werden keinen Champagner trinken, wir werden keine Trüffeln essen! Lass dir ein Beefsteak geben, Herz, so zubereitet, wie du es liebst und höre dann gestärkt in Ruhe an, weshalb ich mein Wort nicht halten kann! Es kommt jetzt das zweite: Ach!

Wie du heute in dein Atelier tratest und mir zwischen Tür und Angel das geständnis deiner Liebe zu Melanie Schlurck machtest, hast du wohl nicht geahnt, dass du mich mit zwei, dir genauer von mir zu spezificirenden Donnerschlägen zurückliessest. Donnerschlag eins ... du siehst, ich bin noch immer bei gesunder Logik ... betraf mich allein, Donnerschlag zwei muss aber durchaus dich auch noch treffen.

Dies Gewitter kann ich dir nicht ersparen. Kein Blitzableiter! Keine Vertuschung! Es hängt aber Alles so zusammen:

Beim ersten Gange unsres heutigen dinirenden Excesses wollt' ich dir erzählen, dass ich die Torheit gehabt habe, in Hohenberg einen Roman anzuspinnen oder richtiger gesagt, mich zu verlieben.

Beim zweiten, wollt' ich dir sagen, in Wen? oder mit Wem?

Lieber Bruder! Die Götter haben es gut mit uns im Sinn. Sie wollen, dass wir exemplarische Menschen werden oder wohl gar zu jenen Sterblichen gehören, die sie früh sterben lassen, damit sie nicht zu vorzüglich werden.

Das liebreizende Wesen, das mich gefesselt hat, ist Melanie.

Einen sehr edlen Charakter würde es eigentlich verraten, wenn ich dir Das nicht sagte. Es müsste die Olympier zu Tränen rühren, sähen sie einen Menschen, einen Bruder, einen Referendarius, der entsagt, eines andern Menschen, eines Bruders, eines Malers wegen. Aber glaube mir, die Rolle, so dankbar sie sein mag für die Rührung, für den Beifall aller Gefühlvollen, so empfehlend sie sein mag für den bekannten Montyon'schen Tugendpreis in Paris, sie gefällt mir nicht! Warum nicht? Weil sie mir nicht stehen würde! natürlich muss der Mensch sein, sagte Eva, als Adam neben ihr, von den peinigendsten Gewissensbissen gefoltert, nicht schlafen konnte. natürlich bin auch ich! Ich zerstöre die Ironie des Schicksals und sage dir offen, dass ich auch beim dritten Gange noch von Melanie gesprochen hätte.

Ich liebte sie!

Ist Das erhört, dass ich das Mädchen liebe, das mein Bruder liebt?

Es ist erhört!

Beim Dessert, wo wir vielleicht eine neueste frischangekommene Orange aus Messina verzehrt hätten, hätt' ich dir gesagt:

Feindlicher Bruder, die Braut von Messina verlangt ein Opfer! Du oder ich? Und ich hätte das Messer gehoben ... hätt' ich Das? Ja! Und ich hätte mit dem Messer dich gemordet? Nein! Ich hätte die Orange von Messina in zwei Teile zerschnitten!

Vielleicht aber auch nicht! Und vielleicht doch! Wer weiss! ...

Und jetzt kommt der zweite Donnerschlag, der dich mit betrifft!

Ich werde moralisch, Bruder!

Frage: Ist dir deine Liebe mit Melanie Schlurck Ernst? Bist du ein Tor, in einem Wesen eine Madonna zu finden, die aller Welt anders als dir erscheint und mir.. jetzt.. jetzt.. wie eine grüngesprenkelte