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in der weiten Entfernung vom Canapé aus nicht zu erkennen. Sie schien eine Andere, als sie eben in seinen Träumen gaukelte. Sie schien höher, stolzer, strenger, und doch.. es war Melanie! Sie selbst im rauschenden Gewande, sie selbst in dem zierlich leichten Strohhut, eine rote Echarpe über den hellen Kleidern.. Melanie wieder mit ihm allein! Und er in einer Stimmung, die für ihn eine entscheidende werden konnte!

Aber wie erstaunte er, als Melanie entschlossen auf ihn zuschritt und ihn kurz mit den Worten begrüsste:

Guten Tag, Wildungen! Da bin ich von der Reise zurück! Wie geht's Ihnen? Sind Sie allein, Wildungen?

fräulein.. sagte Siegbert, übergossen von dem edelsten Purpurrot, dem der männlichen Verlegenheit. fräulein.. welche Überraschung!

Sie haben einen Bruder, fuhr Melanie kurz und entschieden und ohne allen Umschweif fort. Er heisst Dankmar. Nicht so?

Dankmar, fräuleinDankmar Wildungen ist mein Bruder.

Er war in Hohenberg?

Er war in Hohenberg!

Mit dem Fürsten Egon? Er ist ein Freund des Fürsten Egon?

Darauf kann ich keine bestimmte Antwort geben; doch hör' ich, dass er dessen Bekanntschaft in Hohenberg machte.

In Hohenberg?

Er sagte mir, seine Reise wäre abenteuerlich gewesen. Doch wie und wodurch, hoff' ich heute erst näher von ihm zu erfahren.

Melanie hielt sich an eine der Staffeleien, die jedoch zu schwankend war um Stand zu halten ... Sie musste ihre ganze Kraft aufbieten, nicht zusammenzusinken.

Siegbert begriff ihre Aufregung nicht.

Mit einer Entschiedenheit, die in dieser Form nur dem weib eigen ist, es aber auch dann nicht mehr schön erscheinen lässt, sagte jetzt Melanie:

Nun denn, so lassen Sie sich über diese Reise von Ihrem Bruder erzählen, was Sie wollen, bedeuten Sie ihm aber im Namen eines Mädchens, das nicht ohne Charakter ist, dass ich ihm verbiete, über Das, was zwischen ihm und mir vorgefallen, auch nur eine Sylbe zu sprechen!

Siegbert stand erstarrt..

Bedeuten Sie ihm ferner, fuhr Melanie fort, dass ich ihm untersage, dem Fürsten ein Wort zu erzählen von der Art, wie er zu dem Bilde gekommen ist, von dem Bilde, von dem Sie werden gehört habenich sprach soeben den Amerikaner, dem ich im Heidekrug durch Zufall es überlassen musste; er versicherte mich, dass es in die hände Dessen gekommen ist, dem ich es zugedacht hatte.

Siegbert erinnerte sich des Bildes, er erinnerte sich der Reden, die vom Prinzen Egon ihm eben Armand erzählt hatte. Fast sprachlos aber über Melanie's Kälte und ihren Zorn gegen den Bruder, verwirrt durch das ihm völlig dunkle Chaos dieser Eindrücke, bestätigte er einfach, dass er von einem Bilde wisse.. ja!

Sagen Sie Ihrem Bruder, unterbrach ihn Melanie im glühenden Zorn, dass ich von einem mann, den ich Ursache hätte zu verachten, noch soviel billige Rücksicht erwarte, dass er dem Prinzen das Bild einhändigt, ihm aber und jedem Andern zu erzählen unterlässt, wie er dazu gekommen..

Als sie sich wandte, um zu gehen, bestürmte sie Siegbert mit seinen fragen um Aufklärung. Er versicherte, dass ihm und dem Bruder jeder ihrer Befehle eine heilige Verpflichtung sein würde.

Sie werden ihn sehen, sagte er, ich schicke ihn sogleich! Wann darf er zu Ihnen kommen, fräulein?..

Nie! rief Melanie und wandte sich.

Melanie, nie? wiederholte Siegbert und wie von einer rätselhaften Ermutigung ergriffen, hielt er sie mit männlicher Entschlossenheit fest ...

Ich lasse Sie nicht! sagte er. Was haben Sie mit meinem Bruder! Er liebt Sie? Gewiss, er liebt Sie! ...

Die Lippen bebten ihm, als er diesen ihm blitzschnell wie das lachen eines Dämons durch den Sinn fahrenden Gedanken aussprach ...

Er liebt Sie? wiederholte er. Wie konnte er Ihnen so nahe sein, ohne Sie anzubeten? Allmächtiger Gott! Was rede' ich? Was muss ich reden? Er muss Sie lieben; denn ich, sein Bruder kam ihm ja zuvor und mein armes Herz ist ja nur bestimmt, zu entsagen und mich Denen zu opfern, die mir mein Leben sind!

Als dem jungen mann dieses furchtbar schmerzliche geständnis, diese qualvolle Ahnung in convulsivisch hervorgestossenen Worten von den Lippen gekommen war und er fast ohnmächtig in einen Sessel sank, blieb Melanie eine Weile stehen und sah nicht ganz ohne Mitleid zu Siegbert, dessen leidenschaftlichem Festalten sie sich entrissen hatte, nieder.

Siegbert Wildungen! sagte sie dann mit ruhiger Kälte. Lassen Sie diese Torheiten! Ich liebe Sie nicht. Und will auch Ihren Bruder nie mehr sehen ...

Melanie! rief Siegbert und fasste nach dem Herzen, das ein krampfhafter Schmerz durchzuckte..

Die kalte, in ihrem Innersten geknickte und verwundete Melanie fuhr fort:

Sie haben Beide sich ohne Zweifel im Leben Ziele gesetzt, die über eine flüchtige Mädchenliebe hinausgehen werden! Halten Sie mich nicht für so leichtsinnig, als ich Ihnen scheine! Auch ich habe mir ein Ziel gesetzt. Es liegt nicht da, wohin Sie und Ihr Bruder steuern! Wiederholen Sie Diesem meine Bitte, unterstützen Sie sie, wenn Sie noch etwas Neigung für mich haben. Im Übrigen denken Sie nicht mehr an mich!.. Sie müssen ein Weib lieben, Wildungen, das wirklich eine Madonna ist, nicht Ihrer Phantasie