Tochter, arme Bettlerin!
Du bist nicht arm, was auch dein Elend spricht!
Ein Pfaffe ladet dich zum Beichtstuhl ein..
Geh hin! Er küsst dich! Im Marienschein
Bist du nicht arm.. Sei klug und fromm! Nur weine
nicht!
Des Volkes Tochter, arme Bettlerin!
Du bist nicht arm, was auch dein Elend spricht!
Die Nachbarin lässt ihre Truhe auf ....
Greif zu! ... Zum Bagno geht dein Lebenslauf;
Und wenn zum Tod .... Was tut's? Nur stolz!
Nur weine nicht!
Des Volkes Tochter, arme Bettlerin!
Du bebst zurück? Du liebst die Tugend noch?
Sieh da! Du kannst die Perlen fallen sehen
Auf's Kleid der Braut, das deine Finger nähn!
Bist reich! Bist reich! – O Gott .... nun weinst ....
nun weinst du doch!
So ungefähr dachte sich Siegbert die Übertragung dieses epigrammatisch endenden wilden Liedes und verfiel dabei auf den Gedanken, ob wohl einer deutschen Nähterin ein solches Gedicht wirklich gefallen könnte, ob sie nicht vorziehen würde, sich denn doch in schmeichelhafteren Klängen besungen zu sehen und ob nicht die süsse Phrase in Deutschland so regiere, dass sie selbst in den untersten Regionen das frische Gefühl und die wirklichen, nackten Tatsachen überpinselte ... Er nahm sich ernstlich vor, Armand zu warnen, mit einem solchen Gedichte bei uns die Gunst eines Mädchens aus dem volk erobern zu wollen!
Unfähig zu arbeiten und doch noch in der Kühle des Ateliers die Stunde abwartend, wo er mit dem Bruder zusammenzutreffen gedachte, nahm er das wasser, das in verschiedenen antikgeformten gebrannten Krügen, weniger für die Erquickung als die Reinigung der Maler dastand und begoss die Blumen, die hier und da am zahlreichsten in der eleganten Abteilung aufgestellt waren. Sie hatten es nötig in der Sonnenhitze.. Der Diener vernachlässigte sie.. Sie würden verwelkt gewesen sein, wenn ein barmherziger Samariter da des Weges nicht gezogen wäre und sich der Sterbenden angenommen hätte.
Das aufregende, bittere Gedicht, die Blumen und Melanie verschmolzen sich in Siegbert's bewegter Brust.
Wie oft hatte nicht die liebliche Gestalt auf diesen bunten Teppichen gesessen und nur mit halbem Ohre den Lehren gelauscht, die ihr der würdige Professor gab! Die Vorhänge waren herabgelassen gewesen ... Sie hatte im grund kaum eine andere Beziehung zu den andern Malern gehabt, als dass sie an ihren vorüberschwebte und mit holdseligem Lächeln die ihr dargebrachten Grüsse erwiderte! Aber auch welches Schweben! Welches holdselige Lächeln! blieb dann einmal gar durch einen künstlich vorbereiteten oder natürlichen Zufall der grosse schwere Vorhang beim Lehrer eine kurze Zeit offen ... welche Verwirrung entstand unter den Malern und wie zitterte Siegbert, der nur die Schönheit in Melanie sah und, dass sie sich deren bewusst war, wie das Erlaubteste entschuldigte.. Und war es denn nur blosse Einbildung, wenn Siegbert annahm, dass er diesem liebenswürdigen Mädchen nicht völlig gleichgültig geblieben war? Für Leidenfrost's kurze, gedrungene, ja hässliche Figur, seine dunkeln, tiefliegenden, strengen Augen, sein sarkastisches Lächeln und vor allen Dingen für seinen grauleinenen Kittel und plumpen grauen Schlapp-Hut konnte sie keine Sympatie haben. Reichmeier war ihr ein zweiter Lasally. Heinrichson ihr sicher zu elegant, zu sehr Gentleman und alle Welt wusste, dass er von alten Damen sehr verwöhnt war und den Petitmaitre der Salons abgab und noch öfter abgeben musste ... was den schönsten Mann allmälig doch untergräbt und lächerlich macht ... In Siegbert Wildungen aber war, was Melanie oft gefunden hatte, Haltung und Poesie zugleich; er galt für interessant, seine feuchten verklärten Augen zogen an, er trug sich als Künstler, ohne ins Barocke zu verfallen ... Konnte Siegbert nicht erhöhteren Mut fassen, wenn Melanie fast absichtlich mit ihm gespräche anknüpfte, ihn in die Gesellschaften ihrer Familie einführte, ja einige male sogar plötzlich im Atelier erschienen war, wenn sie wissen musste, dass Alle fort waren und vielleicht nur noch Siegbert arbeitete? Sie hatte dann gewöhnlich etwas vergessen oder verloren, rannte an ihre Staffelei, beachtete den Überraschten gar nicht, bis sie ihn wie zufällig entdeckte und sich vielleicht nur an seiner Verlegenheit weidete und den Triumph genoss, einen Mann bewegt zu sehen, einen Mann in der Rede stocken zu hören! Die Abscheuliche! Und doch hatte sie ihn vielleicht gern und zürnte nicht, als Siegbert einmal in einem solchen Augenblicke der Überraschung ihre Hand ergriff und sie mit Küssen so lange bedeckte, bis sie ihn mit dem – zufällig! – ausgezogenen Handschuh schlug und vor seiner stürmischer werdenden Bewerbung lachend davonflog!
An diesen seligen Augenblick kurz vor Melanie's Reise dachte Siegbert und fast dieselbe Glut, wie damals, durchströmte seine Adern. So wirkte nur die Vorstellung jener Scene schon! Wie? Wenn sie sich noch einmal wiederholte?
Wäre Dies, dachte er sich, so läg' ich zu ihren Füssen! Ich liesse sie nicht, bis ich sie entweder zu mir nieder- oder sie mich zu sich emporgezogen hätte!
Wie Siegbert noch in diesen Erinnerungen schwelgte, sich ankleidete, mit dem Bleistift an der Übersetzung arbeitete, dann wieder einmal die Blumen emporrichtete oder sich auf eins der Canapés in Professor Berg's Arbeitsraum warf, geschah ihm das Wunderbare, dass er einen Wagen vorfahren hörte, die Tür aufreissen und Melanie hereintreten sah.
Sie war es.. Melanie Schlurck!
Erst glaubte er sie