den Arbeitern einführen. Man sehnt sich nach Ihren Belehrungen..
O, o! lehnte der junge Mann mit Bescheidenheit ab.
Man ist gespannt auf Sie! Überall, Armand, wo man Wahrheit und keine Vorspiegelung der Phantasie will. Aber Sie werden nicht zu lange fern bleiben! Befehlen Sie über mich! Haben Sie irgend noch einen Wunsch?
Louis Armand stand eine Weile träumerisch und hielt in den Schritten ein, die beide junge Männer während dieser Worte schon an die Tür des Ateliers gerichtet hatten.
Endlich sagte er mit einem angenehmen Lächeln und mit halblauter stimme:
Bestellen Sie, ich bitte, ein freundliches Wort einem kleinen guten Mädchen, das bei Märtens, dem Tischler, wohnt. Sie heisst Franchette oder Franziska. Es ist eine bescheidene Blume, die zwischen Felsen auf hartem Stein wächst, eine jener unbeschützten Seelen, die nur durch den Tau des himmels gedeihen. Vielleicht finden Sie einmal Musse, mir dies kleine Gedicht, das ich auf dies liebe Mädchen entwarf, in deutsche Verse zu übertragen. Ich fühle mich doch nicht stark genug in Ihrer Sprache, mich im Reim zu versuchen und Franziska würde meine französischen Verse selbst dann nicht verstehen, wenn ich sie ihr übersetzte.
Siegbert nahm dem bewegten Armand ein Blättchen Papier ab, das er ihm fast zitternd überreichte.
Ich will es versuchen, sagte Siegbert.
Ein Scherz über diese Mitteilung, eine Neckerei über Armand's liebende Galanterie lag ihm ganz fern. Es war ihm etwas Heiliges, da so einfach und still in das Innere eines andern Menschen blicken zu dürfen ...
Meine grösste sorge, sagte Armand, indem ihn Siegbert an die Tür begleitete, ist jetzt das Schicksal meines armen Egon! Ich glaube Ihnen Beweise gegeben zu haben, dass ich die Menschen nur nach ihrem wahren Werte schätze, aber auf Egon fällt mir noch ein reineres Licht als das der Freiheit von seinem stand. Ich überschätze auch seinen menschlichen Wert nicht. Ich habe leider Ursache, ein gewisses Schwanken seines Charakters als eine gefährliche Klippe zu bezeichnen und kann wohl sagen, dass ich ihn mir ganz gewonnen habe nur durch den Schmerz! Wenn wir uns näher stehen werden, Herr Wildungen, wenn Sie nicht ermüden, einen Mann meines geringen Berufes enger an sich zu ziehen, so werden Sie erfahren, welches das schmerzliche Band ist, das mich in dem fernen Frankreich an einen jungen vornehmen deutschen Herrn fesseln sollte! Ich hätte ihn nie lieben können, wenn nicht ein schöner Entusiasmus für das Grosse und Erhabene in ihm gelebt hätte und er war so weise, so gerecht, dass er suchte das Grosse und Erhabene auch im Niedrigen zu finden. Er vermisste Menschen, aber er fand sie. Er hat sie dann verloren und hat sie wieder gewonnen.. Es gab Tage, wo ich ihm mochte den Dolch in's Herz stossen und es gab andere, wo ich musste.. küssen – seine hände ... Mag ihn der Himmel uns erhalten, mir und Ihnen; denn ich hoffe viel von seinem geist auch für die gute Sache Ihres Volkes, für uns Alle.
Die Tränen standen Louis Armand in den Augen, als er diese Worte halbgebrochen und nicht so zusammenhängend, wie wir sie wiedergaben, stammelte.
Siegbert war selbst so ergriffen, dass er nichts zu antworten vermochte, sondern stumm und still von Louis Armand Abschied nahm.
Schüchtern und bescheiden wie er gekommen war, verliess Louis Armand das Atelier.
Siegbert sah ihm nach und kehrte langsam zu seiner Staffelei zurück.
Er konnte nicht arbeiten ...
Berg's Diener, der die Aufsicht über die Räumlichkeit hatte, kam, um sie zu schliessen. Siegbert bat, ihm die Schlüssel dazulassen. Er würde noch eine Weile verharren und ihm dann das Schliesseramt abnehmen; er möchte gehen und seiner Mittagsruhe pflegen.
Wie Siegbert allein war, entfaltete er sogleich das Blatt, um die französischen Verse zu lesen.
Sie gestalteten sich ihm rascher, als er geglaubt hatte, zu einem deutschen Gedichte.
Doch musste er sich sagen, dass in diesen Versen ein gewisser für deutsche Verhältnisse fast zu greller, fast schneidend scharfer Hauch wehte ...
Er konnte begreifen, dass man nur in Paris einer jungen Handwerkerin so eigentümlich huldigen könne und doch gestand er sich, es wäre schon gut, wenn auch die deutschen Arbeiter und Arbeiterinnen auf dieser Höhe edlerer Empfänglichkeit und Charakterstärke sich hielten ... Er wusste jetzt, was ihn eigentlich an Louis Armand fesselte.
Er selbst, doch ein Künstler von höherer, selbst gelehrter Bildung, nahm an diesem Handwerker Interesse, nicht weil ihm seine socialistische Teorie gefiel und er seine Träumereien von einer veränderten Gesellschaftsverfassung vollkommen billigen konnte ... ihn zog das düstere, ernste Wesen, die charakterfeste Persönlichkeit Armand's an und noch jedesmal, dass er mit ihm zusammentraf, nahm er einen neuen lebendigen Eindruck mit hinweg. So jetzt den, dass Armand auch dichtete!
Louis Armand brachte aber in seinem mit den Worten: Fille du peuple, pauvre mendiante! anfangenden Ne pleurez pas! überschriebenen Gedicht der Fränz Heunisch etwa folgende sonderbare, halb ironische, halb wehmütige und für deutsche Handwerkerbildung völlig unpassende Huldigung:
Weine nicht!
Des Volkes Tochter, arme Bettlerin!
Du bist nicht arm, was auch dein Elend spricht!
Der Unschuld Krone trägt dein schönes Haupt,
Und wenn ein Reicher ihr Geschmeide raubt,
Bist du nicht arm.. Was tut's? Sei klug! Nur
weine nicht!
Des Volkes