noch mehr hervortreten und stand in einem sonderbaren Widerspruche zu dem lose um den Hals geschlungenen, fast vernachlässigten Tuche, dessen aufgezogene Zipfel über die Brust herabfielen, ohne dass es Armand zu bemerken schien. Tiefer Ernst lag auf seiner Stirn, Schreck in seinen verstörten, dunkeln Augen ...
In Hast und Ängstlichkeit, mit der Absicht, sich keine Minute zu lang aufzuhalten, trat Armand auf die Staffeleien zu.
O c'est heureux! sagte er und fuhr dann in langsamer Betonung, aber in gutem gewandtem, sonderbarerweise etwas polnisch accentuirtem Deutsch fort:
Ich fürchtete, Sie nicht mehr zu treffen, Herr Wildungen!
Mein bester Armand! sagte Siegbert sich umwendend. Was bringen Sie.. Sie scheinen erregt .... Was ist Ihnen?
Ich bin sehr unglücklich..
In der Tat! Wie sehen Sie aus! Setzen Sie sich, lieber Armand! Reden Sie!
Wie ich gestern Sie verliess, erzählte Armand, fand ich den Prinzen zwar zurück von seiner Reise, aber so krank, dass ich die ganze Nacht bei ihm gewacht habe. Die Ärzte erklären seinen Zustand für den Anfang eines heftigen Nervenfiebers.
Siegbert hätte an dieser Mitteilung teil genommen, auch wenn ihm Egon seiner sonderbaren Beziehung zu einem einfachen Tischler wegen nicht liebgeworden wäre.
Wie kam Das so plötzlich? fragte er voll Teilnahme. Ein Nervenfieber!
Ein Nervenfieber ist fast so viel wie der Tod.
O machen Sie sich keine trübe Vorstellung, Armand! Wie kam Das nur?
Der Prinz hat auf seiner Reise viel erlebt, sagte Armand. Das Wiedersehen seiner Besitzungen, der Grabstätte seiner Mutter hat ihn erschüttert. Er kam schon krank nach haus zurück.
Wo ihn vielleicht noch, ergänzte Siegbert, die Nachricht von dem Eintreffen einer schönen Frau beunruhigte, der Gräfin d'Azimont.
Woher wissen Sie – fragte Armand erstaunt.
Hab' ich nicht Recht? Er hat mit ihr in Paris gebrochen und dennoch reist sie ihm nach und wird seinen krankhaften Zustand nur noch gesteigert haben. Ich erfuhr soeben diese Verhältnisse.
Allerdings! So ist es! Aber ich erstaune, wie Sie Dies erfahren konnten?
Lieber Freund, sagte Siegbert, das liegt in der natur solcher Liaisons. Diese Verbindungen haben für manche Seelen, wenn sie verborgen bleiben sollen, nur den halben Reiz. Die Frauen sind es oft selbst, die ihrer natürlichen Scheu ungeachtet diese Verhältnisse mit Gewalt an das Tageslicht drängen. Wenn ich mich nur einigermassen in dieser Dame orientire, so wird sie, wenn das verhältnis nicht aus gegenseitigem Überdruss sich löste, ihren ehemaligen Freund jetzt so beunruhigen, dass Sie ihn vor ihr schützen müssen ...
Ich erstaune, rief Armand, Sie sagen Alles, was ich selbst denke. Und deshalb muss ich eilen, zu meinem Kranken zurückzukehren. Ja! ja! Es tut Not, dass ich ihn schütze, vor Allen! Allen! Dutzende von Menschen, die ihn bedienen wollen und nicht ein Herz, das ihn mit Entsagung liebt!
Armand erzählte hierauf in flüchtigen Umrissen Einiges von der äusseren Lage Egon's, wie wir sie schon kennen. Als er sein erscheinen hier im Atelier dadurch entschuldigte, dass er von Siegberten hätte für ein längeres Verschwinden Abschied nehmen wollen, kam er auf Ackermann, durch dessen Anerbietung dem Prinzen eine so grosse Wohltat geschähe und schloss mit einer Bemerkung, die Siegberten überraschte.
Es ist mir ein so süsser und wohllautender Ton gewesen, sagte Armand, in den Fieberphantasieen meines kranken Egon so oft Ihren Namen zu vernehmen..
Meinen Namen? fragte Siegbert.
Wildungen! Den Namen Ihres Bruders..
Dankmar ...
Dankmar Wildungen..
Der Prinz kennt meinen Bruder? So hat er ihn in Hohenberg kennen gelernt.
Der Gedanke an Ihren Bruder beschäftigt ihn auf's lebhafteste. Gestern Abend war er zu ermüdet, mir Alles zu sagen, was er auf dem Herzen hatte; das entsetzlichste Kopfweh peinigte ihn und in dem Ausbruch aller der Symptome, die auf seine schnell entstandene Krankheit deuteten, konnte von einer Verständigung nicht mehr die Rede sein. Nur einmal, heute vor einigen Stunden, als ich ihm die Anerbietungen jenes Herrn Ackermann vorzuschlagen wagte, trat ein lichter Moment ein, indem er deutlich den Namen Ihres Bruders als den bezeichnete, der ihm Ackermann schon genannt und empfohlen hätte, sonst erwähnt' er ihn in seinen Phantasieen bald als einen Gefangenen, spricht von einem Kerker, von Eisenstäben, erwähnt ein Bild und ruft: Da! Da! Verbergt es! Mit einem Worte, es foltern ihn die verwickeltsten Erlebnisse. Gern hört' ich, dass Ihr Herr Bruder beruhigende Aufklärungen gäbe. Wie leicht wär' es dann, irgend etwas so auszuführen, dass er in seinen schmerzenfreien lichten Augenblicken davon einen lindernden Trost hätte!
Siegbert versprach möglichst darin das Seinige zu tun.
Louis Armand schied von ihm, nachdem er noch die Versicherung erhalten hatte, Siegbert würde in der Wallstrasse Nr. 14 bei dem Tischler Märtens die Gründe angeben, warum er vielleicht auf lange Zeit von seiner wohnung keinen Gebrauch machen könne.
Aber Ihr Geschäft, Armand?
Märtens soll die Bestellungen annehmen. Ausführen kann ich jetzt nichts. Egon bedarf eines Freundes.. ich verlasse sein Bett nicht.. es ist mir, als müsste ein Cherub niederschweben, um ihn zu beschützen.
Sie sind dieser Himmelsbote, Armand! sagte Siegbert und klopfte dem jungen Handwerker auf die Schulter. Tragen Sie mir alle Ihre Wünsche auf! Leidenfrost wollte Sie bei