1850_Gutzkow_030_246.txt

kommen..

Siegbert stand sinnend vor der flüchtigen nur andeutenden, aber doch selbst im möglichen Farbeneffect schon erkennbaren Skizze.

Lassen Sie sich nicht irre machen, Wildungen, sagte Leidenfrost jetzt ruhig und fast weich und seinen schlichten grauleinenen Gehrock überwerfend, es ist zwar Glaube in dem Bilde, aber doch nicht der rechte, weil kein rechter Christus. Die untergehende Sonne kann allenfalls auch die Feuerreligion bedeuten, den Spinozismus oder die Hegelei. Bleiben Sie bei Ihrem Heiland und wie Sie ihn fassten. Den wollen die Menschen natürlich, den wollen sie leibhaftig sehen, seine Nägelmale fassen, die Hand in seine Wunden legen, sonst glauben sie nicht und sonst wirkt es auch nicht.

Sie sagen da das einzige, erwiderte Siegbert, was ich an dem Entwurfe ausstellen möchte, die fehlende person Dessen, der die Wahrheit lehrt, mag es nun Christus sein oder Sokrates. Und doch vielleicht ist auch dies geheimnissvolle Ahnen schön! Ich finde das Ganze gut und bedeutend. Welch' ein Ausdruck lässt sich da dem frommen, freudig rückkehrenden Pilgerzuge geben! Welche Wut und Blutgier den Pharisäerköpfen, von denen Sie nur die Köpfe, die hände, die Stricke und die Steine sehen lassen!

Und hier Nicodemus aufsteigend hinter den Ruinen, bedeckt mit dunklem breitblättrigem Feigenlaub. Die Füsse sieht man nicht ... Fast Kniestück. Man hört ihn schleichen. Und welcher Schmerz im Antlitz! Welche Beklemmung und welche sehnsucht nach Wahrheit! Ich liess' ihn im Gehen das Alte Testament lesen und sich vorbereiten, ob er den rechten, verheissenen Messias finden würde. Man ist versöhnt mit ihm, man zürnt ihm nicht, man ahnt, dass er einst anstatt zu den Halben, zu den Ganzen gehören wird und sich einst seines Glaubens wegen steinigen lässt!

Halten Sie inne! rief Leidenfrost. Von Alledem steht noch nichts in der Pinselei! Bleiben Sie bei Ihrer Auffassung!

Besonders wenn Sie, sagte Reichmeier, um mit einem Witze seinen Abgang effectvoller zu machen, ausser den gläubigen Mohrenknaben und den Bedienten auch das Kameel hinten recht fromm und bekehrt darstellen.

Damit ging Reichmeier, gefolgt von Heinrichson, der schon gelbe Glacéehandschuhe angezogen hatte ...

Erbärmliche Effectascher! rief ihnen Leidenfrost mit verbissenem Grimme nach. Was mag Reichmeier da wieder outrirt haben?

Damit deckte er dessen Staffelei auf. Es war noch immer das Portrait seiner Verwandten, der Frau von Reichmeier, das er in den Spitzen, der Gewandung, den Blumen und dem Sammetüberzug des Sessels, auf dem sie sass, zierlich übermalte.

Leidersehr gut gemacht, sagte er. Es ist ärgerlich, dass man ihm nicht Eins versetzen kann.

Wozu? fiel Siegbert ein. Sein Spott ist lehrreich. Will ich mein Bildchen im Charakter des Getsemane halten, so muss allerdings das Kameel auch fromm sein. Ich werde es ganz andächtig hinstellen.

Sie sind ein guter Mensch, Wildungen! sagte Leidenfrost und reichte ihm die Hand. Zu gut! Zu gut! Sehen wir uns heute? Meine Maschinenarbeiter, besonders Alberti, Heusrück, Danebrand quälen mich, den Franzosen kennen zu lernen. Die armen Jungen sind von unsern Demokraten zu läppisch an der Nase herumgeführt worden. Sie dürsten nach Vernunft, Wahrheit und Uneigennützigkeit.

Seien Sie in dieser Angelegenheit nur behutsam, bester Freund, antwortete Siegbert. Ich wünsche um Alles nicht, dass man uns misversteht. Ehe ich mich mit meinem Bruder nicht ganz verständigt habe, gehe ich auf diesem Wege nicht weiter. Heute hoff ich ihn mir in dieser Angelegenheit etwas näher zu bringen und auch Armand mit ihm bekannt zu machen. Wo sind Sie denn Abends?

Sind wir nicht zusammen, sagte Leidenfrost, so schlag' ich in meinem Gedächtnisse nach, ob ich nicht Jemanden seit längerer Zeit vernachlässigt habe.

Da wünsch' ich, dass Sie ein Mädchen finden mögen, fiel Siegbert lächelnd ein.

Ich möchte Sie wohl einmal, sagte Leidenfrost kopfschüttelnd, mit einer Arbeiterfamilie bekannt machen, in die ich durch Willing'sche Maschinenbauer eingeführt wurde. Sie würden staunen über eine weibliche heroische natur, die an der Spitze dieses ganzen kleinen Gewühls von Kummer und kleiner Freude, von Greisen und lallenden Kindern steht. Waren Sie noch nie in den alten von der Stadt verwalteten CommunalFamilienhäusern?

Niemals ...

In der Brandgasse ... in dem haus, wo die Auguste Ludmer Nr. 17 wohnt ...

Wie käm' ich dahin ... die schöne Auguste! Die so tief gesunken ist!

Heinrichson's Verdienst!

Lassen Sie Das! Was geht Das uns an?

Louise Eisold ist der Name des Mädchens, das ich meine ...

Und das Sie lieben.. in einem solchen haus?

Lieben! Nein, Wildungen! Ich meine, Sie kommen doch auch noch dahin, sich für die Frauen zu interessiren, ohne gleich Ihr Herz in Brand zu stecken..

Tändeln Sie mit dem armen Mädchen? Das wäre noch schlimmer!

Louise Eisold? Nein! Nein! sagte Leidenfrost fortgehend und sich Cigarren aus seinem Portefeuille hervorsuchend. Ich lasse sie in ihrem Element und beobachte nur, wie sich Das doch auch regt, doch auch bewegt, wie Das plätschert, zappelt und nach Luft schnappt, gerade wie vielleicht die schöne Gräfin d'Azimont! Sie werden doch bei der Werdeck, die ich Ihnen zu malen überliess, nicht sogleich auch an Liebe denken?

Ich bitte Sie, Leidenfrost..

Es ist eine schöne unternehmende Frau ... eine Polin! Wenn