Vielleicht lässt sie beim Vorüberschlüpfen eine gnädige Bestellung fallen, die Spiegelprinzessin!
Siegbert lächelte still für sich über diesen ungeschlachten Gesellen und arbeitete.
Sie irren, sagte Reichmeier zu Leidenfrost gereizt. Die Gräfin weiss sehr wohl, dass ich den Grund ihrer Zurückgezogenheit verstehe. Sie hat ein verhältnis mit dem Prinzen Egon von Hohenberg, der in Paris mit ihr gebrochen hat. Sie ist ihm nachgereist, hat ihn sehr krank gefunden und ist davon wahrscheinlich so erschüttert, dass sie sich vor Niemandem sehen lässt, ausser, wo sie muss ...
Ausser auf der grossen Parade heute bei Heinrichson's Minerva – ergänzte Leidenfrost. Haltet Euch an sie, Jungen! Sie braucht eine öffentliche Demonstration ihres Schmerzes. Wie wär's mit einer weinenden Heiligen aus dem Kalender? Oder mit Miniaturen zu einem Gebetbuche, das ihre Augen benetzen werden? Hundert Louisdors für eine Magdalena, die zur Abwechselung einmal im gelben Duft interessante Tränen weint!
Heinrichson, ohne auf diese impertinenten Zwischenreden weiter zu achten, sagte zu Reichmeier, er sollte ganz einfach zur Harder kommen, er würde ihr so willkommen sein wie immer und ihm gewiss den Gefallen tun, auch ihn mit der so vielgerühmten jungen Halbfranzösin bekannt zu machen ...
Siegbert hatte bei seinem Schweigen besonders da mit stillem Sinnen an Melanie gedacht, als die Rede auf Leidenfrost's Bild kam. Die Erwähnung aber, dass der Prinz Egon krank wäre, machte ihn aufmerksamer. Er gedachte der näheren Veranlassung seines Verhältnisses zu Louis Armand, den er in kurzer Zeit schätzen gelernt hatte..
Reichmeier hatte sich gleichfalls zum Gehen gerüstet:
es schlug schon lange ein Uhr ... Professor Berg kam von seinem abgeschlossenen Fenster her, um zu Tisch zu gehen ... Der lange freundliche Mann mit grauem gelocktem Haare, entblösstem Halse und altdeutschem Hausrocke sprach mit den Malern einige wohlwollende aber gleichgültige Worte, sah auch nicht nach ihren Staffeleien. Er tat Dies nur bei den Schülern, die am Eingangsfenster arbeiteten, dort hielt er sich einige Augenblicke auf und stieg, mit dem Taschentuche sich die heisse Stirn trocknend, die Stiege hinauf, die zu dem Altan führte ...
Auch die Schüler gingen.
Heinrichson aber trat zu Leidenfrost heran und sagte:
Was hat nun wohl der cynische Spötter gemacht, während andere Menschen ihrem Berufe leben und die Schranken der überlieferten Ordnung in Ehren halten?
Auch Reichmeier näherte sich.
Doch vortrefflich! rief Heinrichson mit wahrer und aufrichtiger Begeisterung und Reichmeier, der kälter und kritischer, auch nicht frei von Neid war, musste gleichfalls mit einstimmen und fragen:
Das haben Sie in der einen Stunde gemacht?
Als nun auch Siegbert hinzutrat, wollte Leidenfrost seine Skizze mit dem Bret, auf dem sie ausgespannt war, rasch wegziehen, aber die Andern duldeten es nicht.
Leidenfrost! sagte Heinrichson; quand même! Das müssen Sie ausführen! Ohne Kreide, ohne Bleistift haben Sie diese idee so mit dem Tuschpinsel frei hingeworfen und wie gelungen ist sie! Wie viel versprechend für ein grosses Gemälde! Erschütternd! Wahr! Und durchaus neu!
Ihr lobt mich nur, sagte Leidenfrost, um mich wieder in Eure Kunstspitäler zurückzukuppeln! Ihr denkt, wenn man mich recht streichelt wegen meiner Tapferkeit, so bleib' ich bei der Bande! Ihr Räuber Ihr!
Er wusch sich bei dieser gelegenheit die rauhen hände und notdürftig das verschrumpfte zwetschenartig getrocknete Gesicht und rüstete sich zu gehen.
Siegbert, der heute bis zwei Uhr arbeiten wollte, betrachtete die Skizze, unter der Leidenfrost mit dem Pinsel geschrieben hatte: Die Ganzen und die Halben.
Es war gleichfalls der Besuch des Nicodemus; aber in Leidenfrost'scher Auffassung. Der Entwurf bestand aus drei Gruppen. In der Mitte stiegen von einem Berge Weiber, Männer, Kinder in frommer demütiger Haltung nieder, aber vertrauensvoll zum Himmel blickend, Palmen schwingend und mit Eifer sich Pergamente zeigend, auf denen sie nachzulesen schienen, was sie soeben über die alten Verheissungen gehört hatten. Sie kommen von Christus, den man nicht sieht, den man aber gerade Da ahnt, wo die volle Glut der Abendsonne wie eine aufgesprungene Pforte des himmels erseheint. Auf der ganzen Gegend sollte wohl Dämmerung, im Vordergrunde schon Nacht sein; die von Christus Heimkehrenden sind wahrscheinlich hinterwärts mit der Glut der untergehenden Sonne beleuchtet ...
In der zweiten Gruppe ganz in dem rechten Winkel des Papiers stehen die Pharisäer. Meist nur die Köpfe sind sichtbar. Sie warten auf die Ankunft der Christusanhänger. Echte Zeloten, boshaft und intolerant. Einige ausgestreckte arme drohen mit Stricken und Steinen. Die offenen Bekenner der Jesuslehre werden so empfangen werden. Mutvoll und gläubig gehen sie ihrem Schicksale entgegen ...
Der dritte Punkt, der unsre Aufmerksamkeit fast als das Hauptsächlichste des ganzen Bildes in Anspruch nimmt, ist Nicodemus ganz allein. Dadurch, dass er in der Tracht, besonders am haupt, wie die intoleranten Pharisäer erscheint, erkennen wir sogleich, dass er auch zu den Schriftgelehrten gehört. Die Ruinen eines alten Tempels verbergen ihn. Durch die zerbrochenen Säulen schimmert in der künftigen Ausführung die Glut der Abendsonne. Ihn selbst umfängt schon Nacht. Mit gesenktem haupt, fast Tränen im blick, die rechte Hand an's Herz legend, die linke eine Gesetzesrolle haltend, schreitet er dahin in der Nacht, von woher die Armen und Todesmutigen schon am Tage kamen. Weder die Pharisäer, noch die Gläubigen konnten ihn sehen, aber sein Emporsteigen lässt keinen Zweifel, dass er dahin will, von wo die scheidenden Sonnenstrahlen