, ehe nicht Apollo das Kreuz trägt und Christus wie einst die Ehebrecherin so auch die Musen, die vor ihm knieen müssten, frei spricht, eher wird sich auch in der Kunst und ihrer Stellung zum Leben nichts ändern. Wildungen möchte gern olympische Kränze austeilen und zu einem teatralischen Schauspiele ganze Völker einladen wie zu einem alle Jahre einmal stattfindenden Moment des fliessenden Januariusblutes. Die zeiten dieser Wunder sind vorüber! Und wen es anekelt, mit seiner Malerei um die Gunst der Grossen und Reichen zu betteln, Kritiken zu lesen und nach Schulteorieen gefuchst zu werden, der verschönert die jungen Künste und Gewerbe, die einmal im Charakter unserer Zeit liegen und malt, wenn es nicht anders geht, ... Pfeifenköpfe und Porzellanteller. Das schönste Bild, das ich malen könnte, macht mir nicht soviel Spass, als z.B. die idee, dem Stallmeister Lasally einen idealen Pferdestall nebst daran stossender Reitschule zu bauen ....
Wenn es meinem Cousin gelingt, eine reiche Frau zu heiraten! fiel Reichmeier lachend ein, mit einem spottenden Blicke auf Siegbert, der rot wurde, da durch Leidenfrost's outrirte Grillen das im Atelier beliebte Melanie-Tema wieder in gang kam.
Heinrichson zog sich einen eleganten Frack an und rief:
Leidenfrost profanirt das Atelier! Er zeichnet hier Grundrisse zu Pferdeställen! Seine Phantasieen von Kalmücken und hereinbrechenden Baschkiren sind nun erklärlich. Wie können Künstler so sich von der Unruhe des Tages erschüttern, ja wegreissen lassen! setzte er ärgerlich hinzu. Proletariat, Communisterei ... welche Worte in einem Atelier, das Sie selbst so schön, so poetisch in Ihrem gefeierten Bilde geschildert haben! Ist Das auch nichts, dass wir Künstler und Genossen von Ihnen Alle verspottet wurden, dass Sie mich darstellten, wie ich in fräulein Schlurck eine Sphinx sah –
Reichmeier warf hinein:
Und ich ein Meerweib mit goldenen Schuppen am Leib –
Beide Collegen wurden boshaft, worunter mehr Siegbert als Leidenfrost litt, der jedoch Siegberten durch eine Bemerkung beisprang, die er so obenhin einwarf.
Warum nicht eine Leda! sagte er. Heinrichson hätte dann nicht nötig gehabt, die Auguste Ludmer zu copiren.
Die wirkung dieses Namens war auf die Maler eine komische. Man lachte und sah zu dem ärgerlich die Augen niederschlagenden Heinrichson hinüber ... Leidenfrost hatte ein zweideutiges Mädchen genannt.
Wissen Sie, wo Auguste Ludmer jetzt wohnt? fuhr Leidenfrost boshaft fort. In der Brandgasse Nr. 9, Zimmer Nr. 17.
Sie sind maliciös, sagte Heinrichson, und dennoch loben wir Sie! Solche Gesinnung ist also auch nichts? Künstleraufopferung, Hingabe aller Eitelkeit, rein der idee des Schönen wegen, ist Das auch nichts? Oder ist es eine Gesinnung, würdig der bezahlten Sklaven, die den Reichen die Honneurs machen ... Ich prophezeie Ihnen –
Vergessen Sie Ihre Rede nicht, Heinrichson, sagte Leidenfrost, da will Sie eben ein Abgesandter des versammelten Volkes von Aten sprechen! Freier Künstler, wahrscheinlich sollen Sie für den delphischen Apoll eine Skizze zu einem geschmackvolleren Dreifuss machen, damit Ihre Prophezeiung besser gedeiht..
Heinrichson wandte sich um.
Ernst, der Bediente der Frau von Harder, stand in glänzender Livree schon länger hinter ihm, hatte mit schlauem Lächeln die Spässe über die verstossene Nichte der alten Ludmer gehört und richtete den Auftrag aus:
Frau Geheimrätin lassen Herrn Heinrichson ersuchen, heute Abend zum Tee zu kommen. Es wird grosse Gesellschaft sein.
Als Heinrichson bejahend und etwas errötend genickt und Ernst sich kurz und bündig entfernt hatte, rief Leidenfrost:
Tusch! Hurrah! Tatterata! Tusch!
Er blies dabei, als sollte ein ganzes Orchester sein Vivat unterstützen ...
Bester Freund, setzte er zuletzt spottend hinzu, gilt die Einladung dem Maler oder Ihnen selbst, sozusagen als schönem Modell? Ist Das einfache Anerkennung oder Anerkennung der Anerkennung? Sollen Sie dieser alten Pytia an dem Teekessel der Begeisterung Liebe einflössen? O heiliger Apollo, ich schwöre dir, auf diese Verirrung eines Collegen mach' ich keine Satire, denn statt einer Sphinx wäre ich da versucht, eine alte Nachteule aus dem Geschlechte der grossen Neuntödter zu malen.
Heinrichson biss sich auf die Lippen. Äusserlich aber nahm er den Spott nicht übel, sondern antwortete in der ihm eignen feinen und gewandten Art:
Damit würden Sie die ganze Wahrheit treffen, bester Freund; denn die Eule ist der Vogel der Minerva. Ich lerne Weisheit bei jener Frau. Man sieht Ihnen an, dass Sie nicht zu ihren Protégé's gehören ...
Reichmeier wandte sich und bemerkte verstimmt:
Gesellschaft bei Harder's? Schade!
Wie so? fragte Heinrichson.
Ich komme da in Verlegenheit ...
Ruhe! Stille! rief Leidenfrost spottend. Apelles und Polygnot schütten ihre Verlegenheiten aus ... Aspasia hätte wohl auch Beide zum Tee laden können!
Leidenfrost, schweigen Sie! sagte Heinrichson zornig. Was ist? wandte er sich leise zu Reichmeier.
Ich wollte den Abend zur Geheimrätin, sagte Reichmeier, da mir die Gräfin d'Azimont, der ich heute freilich schon sehr früh um elf meine Aufwartung machen wollte, um sie als Pariser Gönnerin zu begrüssen, sagen liess, sie wäre unfähig mich anzunehmen und ersuche mich, wenn ich sie sehen wollte, heute Abend zur Harder zu kommen, falls ich dort eingeführt wäre. Sie würde sich dort einige Augenblicke zeigen.
Zweiter Tusch! rief Leidenfrost. vornehme Verachtung! Sie würde sich da einige Augenblicke zeigen! Für Geld sehen lassen!